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Prozess gegen Halle-Attentäter: “Warum hat er das getan?”

  • Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den Attentäter von Halle.
  • Die Überlebenden des Anschlags vom 9. Oktober leiden bis heute an den Folgen.
  • Sie haben Fragen – und werden vermutlich nur wenige Antworten bekommen.
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Halle/Saale. Die Tür ist noch da. Die schmale, dunkle Eichentür in der hellen Ziegelmauer der Synagoge von Halle tut unverändert ihren Dienst in der Humboldtstraße 52. Auch die Einschusslöcher sind noch zu sehen, oberhalb, unterhalb und neben dem Türschloss. Am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur am 9. Oktober 2019 versuchte hier der Attentäter Stephan Balliet in Kampfmontur und mit selbstgebauten Waffen in die Synagoge einzudringen, in der 52 Menschen beteten.

Die Tür hielt ihn auf. Die Tür habe ihn besiegt, gibt Stephan Balliet in der Haft zu Protokoll. “Die Tür hat uns gerettet”, sagt Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle. In den nächsten Tagen wird sie ersetzt werden, denn sie entspricht nicht den Sicherheitsvorgaben des Landeskriminalamts. Sie wird dann Teil einer Gedenkskulptur im Innenhof der Synagoge.

Stephan Balliet erschoss während seines Anschlags, den er live per Handyvideo streamte, zwei Menschen, verletzte zwei weitere. Die Passantin Jana L. ist tot, ebenso der Malerlehrling Kevin S., der im Kiez-Döner seine Mittagspause verbrachte. Zwei Zufallsopfer. Zwei Fehler, so sieht es der Attentäter. Er wollte Juden töten, und als ihm das nicht gelang, versuchte er, Menschen aus muslimischen Ländern zu ermorden. Reue zeigt er nur wegen des Livestreams – so habe ihm die ganze Welt beim Scheitern zusehen können.

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Attentäter von Halle vor Gericht
1:52 min
Neun Monate nach dem antisemitischen Anschlag von Halle hat der Prozess gegen Stephan B. begonnen.  © Reuters

“Ich sehe nach dem Anschlag optimistischer als vorher in die Zukunft”

Ab Dienstag wird Balliet in Magdeburg der Prozess gemacht. Privorozki ist als Nebenkläger zugelassen, doch er wird nicht nach Magdeburg fahren. “Ich werde nicht zum Prozessauftakt gehen”, sagt der 57-Jährige beim Gespräch im Gemeindebüro in der Innenstadt von Halle. Der große, kräftige Mann mit der Kippa auf dem fast kahlen Kopf faltet sich in einen Ledersessel im Besprechungsraum. Durch die offene Bürotür sind die Bilder von Überwachungskameras zu sehen. Auch die Tür in der Synagogenmauer hat Privorozki von hier ständig im Blick. “Ich gehe nur zum Prozess, wenn ich als Zeuge geladen bin”, fährt er fort. “Ich werde mich nicht freiwillig in den Gerichtssaal setzen und den Mörder anschauen. Ich möchte ihn nicht sehen, das interessiert mich nicht. Das heißt nicht, dass mich der Angeklagte nicht interessiert. Es interessiert mich sehr, wie er zum Mörder geworden ist.”

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Täter von Halle gesteht rechtsextremistisches Motiv
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Der Todesschütze von Halle hat die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt.  © dpa
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Privorozki entschuldigt sich für sein Deutsch, doch es ist fehlerlos und klar, mit dem Akzent eines Ex-Sowjetbürgers. 1990 kam er aus seiner Heimatstadt Kiew nach Deutschland. Das Attentat, die Versäumnisse der Polizei, die pflichtschuldigen Worte der Politiker danach, sie fügen sich ein in die große Frage, die Privorozki und viele seiner Gemeindemitglieder seit 30 Jahren mit sich herumtragen: Wie sehr gehören wir dazu? Welche Kritik dürfen wir üben, wie selbstverständlich ist es, dass wir hier sind? Es überrascht zunächst, dass Privorozki sagt: “Ich sehe nach dem Anschlag optimistischer als vorher in die Zukunft. Die vergangenen Jahre habe ich mir immer mehr Sorgen gemacht über unsere Zukunft in Deutschland, jetzt bin ich zuversichtlicher.”

Er wird den Anschlag nie vergessen können, aber er spricht lieber von anderen Bildern, die in seinem Kopf bleiben: “Zwei Tage später kamen 2000 Leute zur Menschenkette zwischen der Synagoge und dem Kiez-Döner zusammen. Das werde ich nie in meinem Leben vergessen. Keiner von denen musste kommen, nicht wie die Politiker.” Von denen hätten wenige wirkliche menschliche Anteilnahme gezeigt. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) aber kam am Tattag noch aus Brüssel zurück, traf Privororki spätabends noch beim Italiener: “Das war menschliche Unterstützung, die ich ihm hoch anrechne.”

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Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle. © Quelle: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dp

Die Fragen zu Stephan Balliet aber konnte ihm bisher keiner beantworten: “Warum hat er das getan?”, will er wissen. “Ich versuche, für mich Klarheit zu bekommen. Ich will verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass er sich so entwickelt hat. Wie wächst ein Attentäter auf? Warum führt seine Weltanschauung dazu, dass er mordet?”

Der gerade veröffentlichte Verfassungsschutzbericht des Landes Sachsen-Anhalt widmet dem Anschlag vom 9. Oktober knapp drei Seiten. Die Verfassungsschützer attestieren Balliet eine “antisemitische und fremdenfeindliche Grundeinstellung, die augenscheinlich im Zusammenhang mit einer frauenfeindlichen Haltung zu dessen Radikalisierung führten.” Balliet wohnte nach einem abgebrochenen Studium bei seiner Mutter, bezeichnet sich selbst als unsozialen Menschen, hatte nie eine Beziehung. Bekannte geben an, dass er sich öfter unvermittelt rassistisch geäußert hat, dass er aus Angst vor Überwachung Smartphones ablehnte und ein altes Tastenhandy nutzte. Denn “die Juden” würden alles kontrollieren.

“Ich glaube nicht, dass er alleine war”

Welche anonymen Internetforen er nutzte, mit wem er sich austauschte, darüber schweigt Balliet bei den Vernehmungen. Die Ermittler sind daran gescheitert, seine Wege im Netz nachzuverfolgen. Doch ohne sie wird es keine Antworten geben. “Einen Kontakt zu Rechtsextremisten außerhalb dieser virtuellen Welt pflegte Stephan Balliet … nicht”, schreiben die Verfassungsschützer. Das Landesamt in Magdeburg will nun erstmals eine Internet-Einheit aufbauen.

Max Privorozki hat alle Ermittlungsakten gelesen. “Ich glaube nicht, dass er alleine war”, sagt er. “Er hat den Anschlag lange Zeit geplant und vorbereitet, er muss sich mit Menschen darüber ausgetauscht haben im Netz. Zudem war er arbeitslos und brauchte Geld. Und ich glaube nicht, dass seine Eltern nicht wussten, was er vorhatte, insbesondere seine Mutter.”

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Das Rabbinerpaar Jeremy Borovitz und Rebecca Blady. © Quelle: Jacqueline Schulz

Während Privorozki unermüdlich nach Antworten sucht, haben Jeremy Borovitz und Rebecca Blady aufgehört, in den Akten zu lesen. Das Bild ist für sie deutlich genug, mehr Details bedeuten nur mehr Qual. Die beiden Rabbiner aus New York, die für zwei Jahre in Berlin lehren, waren am Jom Kippur als Gäste in der Synagoge von Halle. Sie werden am Dienstagmorgen gemeinsam mit ihrer Anwältin in den Zug steigen und zum Prozess fahren. Sie suchen die Konfrontation, mit ihren Ängsten, mit dem Täter, mit der Öffentlichkeit. “Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht nur um ihn geht. Wir wollen zeigen, dass wir noch da sind, dass wir keine Angst haben, dass wir uns nicht einschüchtern lassen.” Sie waren ein paar Tage verreist mit ihrer kleinen Tochter, sie wollten Kraft tanken für diesen Tag, für diese Pflicht.

Auch Ismet Tekin wird nach Magdeburg fahren. Der 36-jährige Besitzer des Kiez-Döner auf der Ludwig-Wucherer-Straße wurde im letzen Moment doch noch als Nebenkläger zugelassen. Er hatte den Laden gerade verlassen, als Balliet den Imbiss stürmte. Sein Bruder Rifat rief ihn auf dem Handy an, Ismet eilte zurück. Der Attentäter stand da bereits wieder auf der Straße, hielt Ausschau nach “ausländisch” aussehenden Menschen. Nach möglichen Zielen. Er schoss mehrmals. Ismet Tekin warf sich hinter ein Auto. Der Attentäter schoss auf die Polizei, die inzwischen mit zwei Wagen aufgetaucht war und in sicherem Abstand wartete. Die Polizisten schossen zurück, verletzten ihn am Hals, der Attentäter sprang in sein Auto und fuhr davon.

Ismet Tekin lief in den Laden, sah Kevin S. in seinem Blut liegen. 40 Tage Trauerzeit blieb der Imbiss geschlossen, der vorige Besitzer schenkte den Laden den Tekin-Brüdern. Fans des Halleschen FC gestalteten in der Schließzeit eine Gedenkwand, weil Kevin einer der ihren war. Im Hintergrund prangt das Stadion des HFC, davor Trikots mit der Aufschrift “Ruhe in Frieden”, Kuscheltiere und Engel, ganz oft “RIP Jana & Kevin”. Eine Messing-Gedenktafel mit dem Satz “Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang”.

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“Uns geht es beschissen”

Die Tekins haben genug Zeit, die Wand anzuschauen, denn der Laden ist oft leer. Die Hälfte ihres Umsatzes ist weggebrochen, seit Jahresbeginn habe er kein Geld verdient, klagt Ismet. Sie hoffen jetzt auf Darlehen von Bund und Land, “das hier ist die Folge eines Terroranschlags, der Staat ist in der Pflicht.”

Izzet Cagac (l), der bisherige Betreiber des Imbisses «Kiez-Döner», hält bei der Wiedereröffnung die Geschenk- und Abtretungsvereinbarung an den neuen Betreiber Ismet Tekin (r). © Quelle: Alexander Prautzsch/dpa

Es ist schwer, nach vorn zu schauen, wenn die Sorgen sie runterziehen. “Uns geht es beschissen”, sagt er ungeschützt. “Diesen Tag kann man nicht vergessen, aber man kann seine Sorgen abarbeiten. Wir wollen in Ruhe leben, aber es kommt keine Kundschaft mehr wie früher.” Sein Bruder Rifat, der alles aus nächster Nähe mit anschauen musste, sitzt zusammengekauert an einem der leeren Tische auf der Straße, raucht und schweigt. Er ist als Nebenkläger zugelassen. Ob er zum Prozess fährt, hat er noch nicht entschieden.

Auch Ismet Tekin hat Fragen an den Attentäter. Und er hat Fragen an Deutschland. “Deutschland ist ein fast perfektes Land”, sagt er voller Überzeugung. “Aber warum kann in einem perfekten Land so etwas passieren?” Vielleicht hätte sich jemand um Balliet kümmern müssen, hätte ihm eine Aufgabe geben müssen. Tekin steht vor der Trauerwand, die seinen Imbiss wie einen Friedhof wirken lässt, und philosophiert. “Jeder Mensch ist zu gebrauchen, jeder hat seinen Wert. Aber keiner hat das Recht, einem anderen Schaden zuzufügen. Zwei Menschen sind gestorben, aus nix und für nix.”

Stephan Balliet solle “hart bestraft” werden, fordert Ismet Tekin. “Der soll nie wieder rauskommen.”

“Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit kommen aus derselben Wurzel”

Ausschlaggebend für das Urteil im Magdeburger Prozess könnte das Gutachten des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf sein. Das gut 100-seitige Papier liegt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vor. Leygraf hat mehrere Gespräche mit Balliet geführt. Leygraf hält ihn trotz einer komplexen Persönlichkeitsstörung für voll schuldfähig. Und er gibt dem Gericht Ratschläge an die Hand, mit der eine Sicherungsverwahrung für Balliet begründet werden könnt. Sein ideologischer Fanatismus sitze derart tief, dass weitere Straftaten befürchtet werden müssten – bis hin zum Mord.

Auch wenn der Prozess in ihrem Sinne ausgehen könnte, fühlen sich Rifat und Ismet Tekins alleingelassen, nicht nur wegen des fehlenden Geldes. Auch, weil zum nahenden Jahrestag beim offiziellen Gedenken ausschließlich von einem antisemitischen Anschlag gesprochen wird und in Vergessenheit gerät, dass sie Opfer derselben rassistischen Ideologie des Attentäters wurden.

Vielleicht sollte sich Ismet Tekin am Rande des Prozesses einmal mit Jeremy Borovitz unterhalten. Der Rabbiner hat nämlich eine klare Meinung, was man aus dem Attentat lernen kann: “Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit kommen aus derselben Wurzel. Wer nur eins davon bekämpft, bekämpft keines.”


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