Anno 2020: Die Amerikaner entdecken Europa

  • Brüssel bittet am Montag zur Geberkonferenz für das im Augenblick wichtigste Projekt der gesamten Menschheit.
  • Einen Impfstoff finden, produzieren und gerecht verteilen – wer könnte diese weltweiten Anstrengungen koordinieren?
  • Immer mehr Investoren, auch aus den USA, deuten auf die EU. Eine Wiederentdeckung Europas hat begonnen.
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Melinda Gates kann einiges bewirken in dieser Welt. Das hat, klarer Fall, vor allem finanzielle Gründe: Sie ist die Ehefrau des Microsoft-Gründers Bill Gates, dessen privates Vermögen auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar geschätzt wird.

Doch bei Melinda Gates kommen noch ein paar Faktoren hinzu. Die Frau hat intellektuell ein sehr eigenes Standing. Als Studentin ging sie putzen, anders hätte sie ihr Informatikstudium nicht finanzieren können. Ihren Sinn für Gerechtigkeit behielt sie auch dann noch, als ihr Mann, den sie 1994 heiratete, zu einer der reichsten Persönlichkeiten der Welt wurde. Die Bill & Melinda Gates Foundation, eine von dem Ehepaar gemeinsam gegründete Stiftung, genießt rund um die Erde allerhöchstes Ansehen. Während sich der amerikanische Präsident in den vergangenen Jahren immer mehr abwandte von der Welt und sich in seinem düsteren “America First”-Provinzialismus erging, wandte sich die Gates-Stiftung mehr denn je dem Rest des Globus zu, vor allem den Armen und Kranken, nicht zuletzt übrigens auch den Frauen.

“Es sind ehrlich gesagt die europäischen Regierungschefs, die begriffen haben, dass wir eine weltweite Zusammenarbeit brauchen”: Melinda Gates und ihr Ehemann Bill. © Quelle: Getty Images for Global Citizen
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Melinda Gates glaubt: Wer die Welt zu einem gerechteren Ort machen will, muss die Rechte der Frauen stärken. Dies ist auch die zentrale Botschaft ihres Buchs aus dem Jahr 2019 (“Wir sind viele, wir sind eins”). Die Kombination von Nationalismus und Machogehabe indessen, wie sie etwa von Staatschefs wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Wladimir Putin gezeigt wird, ist aus ihrer Sicht so ziemlich das Letzte, was der Welt gut tun kann. Einen sehr guten Eindruck dagegen hat Melinda Gates unter anderem von der deutschen Bundeskanzlerin und auch von der Präsidentin der EU-Kommission.

Montag um 15 Uhr geht es los

Ist dies der Grund dafür, dass Melinda Gates die nötige Bündelung privater und staatlicher Anstrengungen gegen das Coronavirus gern in der EU ansiedeln würde?

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Am Montag, ab 15 Uhr, jedenfalls wirken die Gates-Stiftung und die EU-Kommission sehr eng zusammen, um bei staatlichen und privaten Gebern Geld zusammenzutrommeln für die nötige globale Kraftanstrengung. 7,5 Milliarden Euro will man in einem ersten Schritt einnehmen, später sei dann noch sehr viel mehr nötig, sagt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. An der Online-Konferenz wollen sich auch Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron persönlich beteiligen.

Europa habe eine Schlüsselfunktion, sagte Melinda Gates dem Magazin “Politico”. Den Europäern traue sie zu, eine in doppelter Hinsicht anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen. Zunächst gehe es darum, Geldgeber aus aller Welt zu mobilisieren, um die Entwicklung des Impfstoffs voranzubringen. Wichtig sei es aber auch, anschließend die reichsten Staaten daran zu hindern, ihre eigenen Interessen an die erste Stelle zu setzen.

“Das ist der Grund, warum wir uns jetzt auf Europa konzentrieren”, sagt Melinda Gates. “Es sind ehrlich gesagt die europäischen Regierungschefs, die begriffen haben, dass wir eine weltweite Zusammenarbeit brauchen.”

Europa bietet Effizienz plus soziale Verantwortung

Für die Art, wie mit einem möglicherweise bereits gefundenen, aber noch nicht massenhaft zur Verfügung stehenden Impfstoff umgegangen werden soll, nennt Melinda Gates konkrete Beispiele. Der Impfstoff müsse zuerst an medizinisches Personal in aller Welt gehen, nicht etwa einfach an die komplette Bevölkerung des reichsten Staates: “Das wäre schrecklich für die ganze Welt.”

Hat Europa genügend Einfluss? Zumindest ist die hier übliche Kombination aus Effizienz und sozialer Verantwortung etwas, das derzeit gerade weltweit großen Eindruck macht.

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Schon jetzt laufen in der Pandemieabwehr viele Fäden in drei Organisationen zusammen, die allesamt in Europa ihren Sitz haben:

- CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations): eine öffentlich-private Allianz zur Epidemievorbeugung und Impfstoffentwicklung

- GAVI, eine auf Entwicklungsländer spezialisierte öffentlich-private Impfallianz

- Wellcome Trust, eine auf biomedizinische Forschung ausgerichtete gemeinnützige Stiftung des britischen Pharmaunternehmers Henry Wellcome.

Es geht um mehr als nur um Geld. Macron und Merkel beschreiben in einem gemeinsamen Gastbeitrag in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” die jetzige Situation als einen historischen Moment für die globale Gemeinschaft: “Wenn wir uns heute hinter den Prinzipien Wissenschaft und Solidarität sammeln, säen wir größere Einigkeit für morgen. Geleitet von den Nachhaltigkeitszielen können wir die Macht der Gemeinschaft, der Gesellschaft und der globalen Zusammenarbeit neu gestalten, um sicherzustellen, dass niemand zurückbleibt.”

Genau dies, sagen auch Mediziner aus dem USA, sei der richtige Ansatz. Ihre eigene Regierung macht erst mal nicht mit. Doch das bremst eine Vielzahl von Amerikanern nicht, privat bei dem in Europa angeschobenen globalen Projekt zu helfen. Die Sängerin Lady Gaga zum Beispiel will Einnahmen aus einem weltweit im Internet übertragenen Wohnzimmerkonzert beisteuern.

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Privat ziehen viele Amerikaner mit: Lady Gaga bei ihrem Auftritt im Rahmen des virtuellen Konzerts “One World: Together at Home”. © Quelle: Getty Images for Global Citizen/

Schon vorab zückten auch anderswo Reiche ihre Portemonnaies, in Saudi-Arabien etwa. In Brüssel heißt es, das im ersten Schritt nötige Geld werde schon da sein, bevor der Video-Call beginnt.

Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Auf die EU, die anfangs auch auf diese Krise etwas unbeholfen reagierte, fällt ein neues Licht. Mehr noch: Die Europäer müssen den Gedanken zulassen, dass ihre oft belächelte Staatengemeinschaft zu einem Ort globaler Hoffnungen geworden ist.




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