Corona-Talk bei “Anne Will”: Wenn alle wissen, dass keiner was weiß

  • Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie absurd Debatten mitunter laufen können, liefert ARD-Talkfrau Anne Will am Sonntagabend.
  • Zehnfach stellte sie eine Frage, auf die es (noch) keine Antwort gibt.
  • Am Ende hatte eine Diskutantin die Nase voll.
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Berlin. Die Corona-Krise liefert ja in schöner Regelmäßigkeit Beispiel dafür, wie absurd Debatten in Deutschland mitunter ablaufen. So auch am Sonntagabend in der Talkshow von Anne Will. Die ARD-Talkqueen hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, an diesem Abend die Frage zu klären, wie es denn nun weitergeht mit dem Ausnahmezustand wegen der Corona-Epidemie in Deutschland.

Das Dumme ist, es weiß keiner, beziehungsweise alle wissen, dass das maßgeblich von den Infektionszahlen abhängen wird, von denen leider keiner weiß, wie sie sich entwickeln werden – was wieder jeder weiß.

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Man könnte es dabei bewenden lassen, aber dann stünde das Erste Deutsche Fernsehen vor der Frage, wie man alternativ eine Stunde Sendezeit am Sonntagabend füllen muss. Und da die Verantwortlichen offenbar noch nicht bereit sind, das ganze Wochenende Wiederholungen alter Fußballspiele zu zeigen, bemüht sich Will, Antworten auf eine zu diesem Zeitpunkt unbeantwortbare Frage zu bekommen.

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Doch bevor sie damit anfängt, soll erst mal geklärt werden, ob man denn überhaupt darüber nachdenken oder womöglich sogar darüber sprechen kann, wann und wie die derzeit geltenden Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert werden können.

Der höfliche Herr Altmaier

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Nein, sprechen sollte man darüber noch nicht, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel per Audiobotschaft erklärt. Im Augenblick sei dafür nicht der Zeitpunkt. Nachdenken dürfte man aber schon, befand dagegen ihr Parteifreund und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Gerade jetzt müssten Maßstäbe für die Rückkehr ins soziale und öffentliche Leben entwickelt werden.

Im Prinzip stehen die beiden Aussagen gar nicht einem Widerspruch zueinander, Anne Will will den aber trotzdem von Wirtschaftsminister Peter Altmaier aufgelöst haben. Da blickt der Saarländer betrübt in die Kamera. Was soll er jetzt nur sagen? Er versteht sich gut mit Merkel und mit Laschet, und der Moderatorin zu sagen, dass ihre Frage unsinnig ist, dafür ist er zu höflich. Also sagt Altmaier: “Nachdenken kann man über vieles, aber es wäre falsch, den Menschen jetzt zu sagen, dann und dann können wir die Maßnahmen lockern. Das kann im Moment niemand sagen.”

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Das hat zwar auch niemand getan, aber sei es drum.

Als Nächstes meldet sich ein Wissenschaftler zu Wort, Gérard Krause, der Abteilungsleiter für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig ist und vehement die These vertritt, dass unbedingt nachgedacht werden müsse, und zwar jetzt schon. Nur um Kriterien festzulegen, an denen sich eine Lockerung entscheidet, sei es zu früh.

Die Moderatorin selbst stellt dann kichernd fest, dass ja durchaus viele Menschen darüber nachdächten, wann sie sich wieder normal bewegen können, um dann Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher zu fragen, ob es nicht auch eine Chance sei, über genau dieses Thema mit den Menschen mal zu reden. Tschentscher sagt dann den ersten klugen Satz an diesem Abend, dass es doch gar nicht um das Nachdenken gehen, sondern vor allem darum, welches öffentliche Zeichen man zum jetzigen Zeitpunkt setze.

Eigentlich könnte man die Debatte damit für beendet erklären, aber die Moderatorin muss auch noch den Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest fragen, wann man denn aus seiner Sicht nun über eine Lockerung der Maßnahmen sprechen könne. Der Ifo-Chef sagt wie alle seine Vorredner, dass man natürlich darüber nachdenken müsse, wie es weitergehe, die wirtschaftlichen Kosten seien ja “sehr hoch”. Irgendwann, sagt Fuest, müsse man dafür doch ein Konzept haben.

Auch da wird wohl niemand ernsthaft widersprechen.

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Eine halbe Stunde ist vorbei, dann fragt die Moderatorin den Epidemiologen Krause, was denn nun sein Kriterium sei, um den Zeitpunkt für eine Lockerung der Corona-Beschränkungen zu ermitteln. Krause hat bereits am Anfang der Sendung gesagt, dass es zu früh sei, solche Kriterien festzulegen, und er sagt es tapfer ein zweites Mal. Entscheidend sei in jedem Fall, dass das Gesundheitssystem die Last der schweren Covid-19-Verläufe tragen könne.

Das ist nun wirklich nichts Neues, über genau dieses Problem redet ja das gesamte Land seit nunmehr zwei Woche. Moderatorin Will aber glaubt, nun endlich einer heißen Fährte auf der Spur zu sein. “Aha”, sagt die Talkerin, “Sie würden es also davon abhängig machen, ob noch Betten für intensivmedizinische Behandlungen frei sind.” Nein, das würde Krause nicht – weil er weiß, dass heute noch freie Betten bei einer schlagartigen Zunahme der schweren Krankheitsverläufe schon morgen nicht mehr ausreichen könnten.

Der Chefin der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, reißt am Ende der Sendung der Geduldsfaden. “Ich wundere mich ein bisschen, dass wir uns jetzt diese Fragen schon stellen. Eigentlich sind wir uns doch einig, dass wir erst am Ende der Woche mehr wissen.”

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Wohl wahr. Mutmaßlich kommt das Thema noch einmal genauso auf die Tagesordnung. Am Sonntag in einer Woche.

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