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„Das wird jetzt eine harte Zeit“: „Anne Will“ gibt einen Vorgeschmack auf die Sondierungen

  • Das knappe Rennen um das Kanzleramt lieferte auch der Talkshow „Anne Will“ am Wahlabend massig Gesprächsstoff.
  • Gemessen an der unklaren Datenlage lieferte die Sendung vor allem psychologisch interessante Erkenntnisse.
  • Auch wenn das politische Personal müde und abgekämpft wirkte. Mit einer Ausnahme. Eine Nachkritik.
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Es ist natürlich ein hartes Brot, ein Wahlergebnis zu bewerten, das auch dreieinhalb Stunden nach der 18-Uhr-Prognose noch ungreifbar und konturlos ist wie ein politischer Wackelpudding. Doch Talkfernsehen ist eben unbarmherzig: Es verlangt nach Instant-Aufklärung. Das gilt auch für die „Anne Will“-Sendung am Wahlabend – direkt nach der „Berliner Runde“ und eine Extraausgabe der „Tagesthemen“.

Zu Gast an diesem denkwürdigen Wahlabend: Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, FDP-Generalsekretär Volker Wissing, Grünen-Bundestagsabgeordneter Cem Özdemir und – als einzige politisch unabhängige Expertin neben Anne Will – Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin der Hauptstadtredaktion des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND).

„Laschet muss auch für sich persönlich kämpfen“

„Wir werden jetzt eine sehr harte Zeit erleben: wie zwei Männer um die Macht kämpfen“, prophezeite Dunz gleich zu Beginn mit Blick auf Laschets Anspruch auf das Kanzleramt. Und blieb mit derlei Klartext dann recht einsam in dieser Sendung, die noch stark vom Wahlkampfvokabular geprägt war. Dunz sprach von einer „wundersamen Wandlung der CDU“, die nun, am Wahlabend, plötzlich doch signalisiert habe, auch als Zweitplatzierte unter Laschet eine Regierung bilden zu wollen.

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Man habe Laschet in diesem Sinne „auftreten lassen“, sagte sie. „Wenn er nicht Kanzler wird, wird er kaum als Parteivorsitzender zu halten sein. Er muss auch für sich persönlich kämpfen – weil seine Karriere sonst am Ende ist.“

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Jenseits dieser Analyse (Haseloff: „eine kühne Interpretation“) blieb die Mehrheit der politischen Gäste zu sehr im Korsett des Wahlkampfs gefangen. Fühlbar schwer fiel ihnen die Rückkehr ins Alltagsgeschäft. Immerhin: Haseloff nannte das Wahlergebnis im Osten mit Platz eins für die AfD in drei ostdeutschen Bundesländern ein „Desaster“. „Wähler wollen im Prinzip wissen: Wer macht Politik für mich?“, sagte er. Da habe es offenbar „zu wenige Angebote“ gegeben.

„Wir sollten uns mal lösen von bestimmten Klischees aus der alten Bundesrepublik, das sage ich auch als Ostdeutscher“, sagte er, sichtlich genervt vom Klein-Klein der Koalitionsspekulationen und der medialen Kaffeesatzleserei der letzten Tage und Wochen. „Die Situation lässt sich nicht mehr vergleichen mit der im letzten Jahrhundert“, sagte er.

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„Die Menschen wollen, dass Olaf Scholz Kanzler wird“

„Die Menschen wollen, dass Olaf Scholz Kanzler wird“, befand Klingbeil. „Es ist an der Zeit für einen Politikwechsel – mit einer Koalition des Aufbruchs“, sagte Wissing. „Wählen ist das Hochamt der Demokratie“, barmt Özdemir. Er wolle „keine Faxgeräte mehr, keinen gelben Impfpass, das Land ist viel weiter“. Müde und abgekämpft wirkte das politische Spitzenpersonal des Landes, nicht nur bei „Anne Will“. Die Strapazen eines Wahlkampfs lassen sich, sobald die Zahlen niederregnen, kaum noch verbergen.

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Es ging viel um „Schnittmengen“, um „außenpolitische Verlässlichkeit“, um „Geschlossenheit“ und um „unsere Partner in der europäischen Union“, um Ganztagesschulen, Breitbandinternet, Steuererhöhungen und Verkehrswende. Vor allem Haseloff warb dankenswerterweise dafür, nach dem Wahlkampf jetzt den Kopf zu heben und endlich die ganz großen Fragen und Leitlinien der Politik anzugehen. Die Welt blicke auf Deutschland und beobachte seine Suche nach der eigenen Rolle in der EU genau.

Am Ende schloss er in diesem Sinne sogar eine Fortsetzung der großen Koalition zwischen CDU und SPD nicht aus: „Warum sollten die denn nicht auch miteinander reden?“

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„Der Wahlkampf ist jetzt vorbei“

Noch stark im Angriffsmodus – und offenbar mit politischen Kraftreserven versehen – attackierte Özdemir vor allem Klingbeil. Wenn er dessen Zukunftsvorstellungen und „den schönen Fernzielen der SPD zum Klimaschutz“ lausche, frage er sich, wo denn die SPD in den letzten Jahren gewesen sei. Klingbeil konterte kühl: „Der Wahlkampf ist jetzt vorbei.“

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„Die vor uns stehende Aufgabe ist riesig“, sagte Klingbeil – „nach 16 Jahren Merkel ist dieses Land in einem großen Umbruch.“ Im Übrigen würden erst die nächsten Tage zeigen, wie stark Armin Laschet wirklich sei – im Kampf um den Posten des CDU-Fraktionsvorsitzenden. „Aber er will Kanzler werden“, erinnerte Dunz. „Er setzt jetzt alles auf diese Karte. Das ist sein Ziel.“ Sie zweifelte, dass eine neue Große Koalition wirklich die Wunschvariante der Wählermehrheit sei. „Wir brauchen jetzt wirklich etwas Neues.“

„Ein Haufen blauer Wahlkreise!“

Dramaturgisch war das üppige Themenpaket der Sendung etwas zu eng geschnürt. Leider unterbrach Anne Will den Fluss der Dinge gerade in einer interessanten Phase – als nämlich Haseloff die Siege der AfD im Osten in großer Unmissverständlichkeit beklagte („So etwas darf in diesem Land nicht passieren“) und es um die doch eher brüchige Brandmauer der CDU gegen weit rechts ging, mit einer jähen Rückkehr zur leidlich ausgeleuchteten Klimadebatte. Schon ging es wieder um „Kohleausstieg“ und „2038 oder früher“. Und auch die doch schon sehr abgenutzte Scherzfrage, ob Angela Merkel wohl noch einmal die Neujahrsansprache werde halten müssen, hätte sie sich verkneifen dürfen.

Haseloff wurde fast grantig bei dem Vorwurf, es sei doch wenig passiert in den vergangenen Jahren. „Weder CDU noch SPD haben verhindert, dass wir einen Haufen blaue Wahlkreise heute Abend bekommen haben! Da haben wir eine gemeinsame Verantwortung!“

Wer hat die Wahl verloren? Natürlich die Anderen

Gemessen an den wackeligen Zahlen gelang eine Sendung mit Erkenntnisgewinn. „Was mir zu wenig von den Beteiligten kommt, sind Antworten zum Klimaschutz auch vor dem Hintergrund dessen, was in der Corona-Krise möglich war – von Milliardenzahlungen bis zu massiven Einschnitten und Verboten“, beklagte Dunz. „An diesen Beispielen, wie schnell und wie hart und mit wie viel Geld die Politik in Krisenfällen doch reagieren kann, werden Sie auch in der Klimakrise gemessen werden.“

Sie würde sich „eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung“ zu dieser Frage. „Warum nicht ein Solidaritätszuschlag für das Klima? Oder für den solidarischen Abtrag der Corona-Kosten?“ Offenbar seien die Deutschen doch noch zögerlich, was einen wirklichen Wandel mit all seinen Zumutungen angehe. Sie erwarte aber eine stabile Regierung. „Davon bin ich überzeugt.“

„Wer macht das Rennen ums Kanzleramt? Wer hat bei dieser Wahl gewonnen, wer verloren? Welche Koalition kann und will in Deutschland künftig regieren?“ Das würden die wichtigsten Fragen der Sendung werden, hatte die ARD zuvor vermeldet. Beantworten konnte man dann keine dieser Fragen.

Das durfte niemanden überraschen, und dafür kann außer dem Wähler auch niemand etwas. Aber der Tiefenschürfung der Debatte war die flächendeckend unklare Lage wenig zuträglich. Wer hat die Wahl gewonnen? Irgendwie fast alle. Wer hat verloren? Natürlich die anderen. Und wer macht am Ende das Rennen? Das wird man sehen. Und damit zurück in die angeschossenen Funkhäuser.

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