“Anne Will”: “Maskentragen ist der neue soziale Standard”

  • Die Talkshows werden in diesen Tagen von der Streitarena zum Lagerfeuer.
  • Bei “Anne Will” zu besichtigen: Ein fast schon demütiger Krisenmanager und Geldausgeber Olaf Scholz.
  • Zudem gab es dramatische Frontberichte und mehrere Plädoyers fürs Maskentragen.
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Die neue deutsche Talkshownormalität zeigt sich in Woche drei der Corona-Einschränkungen vor allem an zwei Veränderungen: Mit Abstand und ohne applaudierendes Publikum wird eine Sendung wie “Anne Will” vom Schlachtfeld zum Lagerfeuer. Jede und jeder lässt den anderen plötzlich ausreden, alle erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt, und keiner räumt ein, wirklich weiterzuwissen. Die Diskussion dreht sich im Kreis, aber da die ganze Welt nur noch ein Thema kennt, stört das auch nicht wirklich.

Anne Will: Das Thema am 5. April

“Zwei Wochen Ausnahmezustand – wo steht Deutschland im Kampf gegen Corona?” Es ging viel um Masken und Schutzkleidung, die fehlen, und ein bisschen um viel Geld, das jetzt da ist im Kampf gegen das Virus.

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Die Gäste bei Anne Will am Sonntag

Die Lungenärztin und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker, schilderte in dramatischen Worten die mangelhafte Versorgung mit Schutzausrüstung für medizinisches Personal. Die (zugeschaltete) Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Christel Bienstein, unterstützte sie dabei. Bundesfinanzminister Olaf Scholz versprach Geld und schnelle Hilfe.

Der TV-Virologe Alexander Kekulé plädierte einmal mehr für das Tragen von einfachen Masken in der Öffentlichkeit und legte einen Plan für die schrittweise Aufhebung der Kontaktbeschränkungen vor. Der (ebenfalls zugeschaltete) Bürgermeister von Jena, Christian Gerlitz (SPD), warb für die Maskenpflicht, die seine Stadt eingeführt hat. Er will das Maskentragen zum “neuen sozialen Standard” machen.

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Der Volkswirt Jens Südekum sprach sich für eine heimische Produktion von Schutzausrüstung aus – und warnte zugleich vor einem nationalen Alleingang in der Seuchenbekämpfung, den sich die Exportnation Deutschland nicht leisten könne.

Anne Will: Der Satz des Abends

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“Der eine, der immer alles richtig weiß, ist vielleicht kein guter Ratgeber und kein guter Entscheider.” Gesagt hat ihn Alphatier Olaf Scholz, es ging um die Arbeit im Corona-Kabinett und die Diskussionen mit den Ministerpräsidenten. Ja, die Krise verändert Menschen. Und während Scholz diesen Satz sagt, schwenkt die Kamera im Studio zum Virologen Kekulé, der in jeder Sendung mit einem neuen, von Zweifeln befreiten Masterplan aufwartet.

Schock des Abends

Ärztepräsidentin Wenker berichtet von der Front und “geradezu schon heroischen” Vorgängen bei den Medizinern. Wegen des Maskenmangels wasche eine ihr bekannte Ärztin den Einwegmundschutz abends aus und trockne ihn über Nacht im Backofen. “Andere Kollegen sitzen abends am heimischen 3-D-Drucker und basteln sich einen Gesichtsschutz”, berichtet Wenker.

Scholz verspricht schnelle Abhilfe: Die deutschen Großkonzerne mit ihren Niederlassungen und Kontakten in Asien würden der Regierung helfen, “große Mengen” an Masken und Schutzausrüstung zu beschaffen: “Ich habe den Eindruck, dass wir das hinbekommen.” Wie demütig die Formulierungen von Spitzenpolitikern in diesen Tagen werden!

Und wie nah Scholz und seine Parteivorsitzende inzwischen sind! Vor zwei Wochen sagte Saskia Esken im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: “Knausern ist jetzt nicht angebracht”, forderte einen Pandemiezuschlag für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen und eine Pflicht für überlebenswichtige Branchen, Lieferketten und Produktionsstätten in Deutschland und Europa nachweisen zu müssen.

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Bazooka des Abends

Jetzt sagt Scholz über Kassierer und Pflegekräfte: “Wir müssen endlich und dauerhaft und nicht nur in dieser Situation höhere Löhne zahlen.” Er verspricht den Aufbau von eigenen Produktionskapazitäten, für Schutzvliese und Masken, mit lang laufenden Lieferverträgen.

Und er sagt, gleich mehrfach: “Das wird teuer.” Teuer in der Pflegeversicherung, teuer für den Staat. Und daher könne man zwar die Abschaffung des Solidaritätszuschlags vorziehen, aber nicht für die Spitzenverdiener, wie vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) gefordert. Und eine Steuerentlastung hoher Einkommen sei auch nicht drin.

Da fühlte sich, ganz kurz, die Sendung wieder an wie eine dieser kontroversen Talkshows zu Friedenszeiten.

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