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  • "Anne Will" am 07.06.2020: Donald Trump – “Ein-Mann-Plage für die USA”

TV-Kritik zu “Anne Will”: Donald Trump – “Eine Ein-Mann-Plage für die USA”

  • In den USA und weltweit demonstrieren Menschen für Black Lives Matter.
  • US-Präsident Donald Trump scheint kein wirkliches Interesse an einer Deeskalation zu haben und zündelt und verdreht Fakten.
  • “Anne Will” fragte ihre Gäste in ihrem Sonntagabend-Talk: Wie viel Verantwortung trägt Trump eigentlich für die Eskalation in seinem Land?
Leonie Zimmermann
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Rassismus ist ein schwieriges Thema. So schwierig, dass es nicht einmal eine allgemeine Definition für diesen Begriff gibt. Viele Menschen verbinden den Begriff aber mit schmerzlichen Erfahrungen, denn Rassismus beschreibt meistens eine Form der Herabstufung von Menschen mit anderen körperlichen oder kulturellen Merkmalen. So weit die Theorie. Aber auch, wer dieses komplexe Thema in der Praxis anspricht, kann in einige Fettnäpfchen treten.

Zum Beispiel Talkshow-Gastgeberin Sandra Maischberger bei ihrer letzten Talkrunde. Denn sie wollte über Rassismus gegen schwarze Menschen sprechen – mit ausschließlich weißen Gästen. Die Folge: ein Shitstorm. Kollegin Anne Will macht es in ihrer Show zu einem ähnlichen Thema besser: Auf ihren Stühlen nehmen diesmal Gäste Platz, die ein realistischeres Bild unserer Gesellschaft zeichnen.

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RND-Reporter im Zentrum der Proteste: “Eine mächtige Bewegung”
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In Washington gehen die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in die nächste Runde. RND-Korrespondent Karl Doemens berichtet aus der US-Hauptstadt.  © RND
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Das Thema

Seit mehr als einer Woche brennen die USA buchstäblich: Hunderttausende Menschen demonstrieren gegen Polizeigewalt und Rassismus, teilweise kommt es zu schweren Ausschreitungen. Auslöser der mittlerweile sogar weltweiten Protestwelle ist der Tod des Afroamerikaners George Floyd während eines Polizeieinsatzes in Minneapolis.

Während sich also auf der ganzen Welt Menschen gegen Rassismus positionieren, tritt US-Präsidend Donald Trump alles andere als besänftigend auf – im Gegenteil: Er feuert das Chaos in den Vereinigten Staaten nur noch mehr an, etwa mit dem potenziellen Einsatz des Militärs gegen Demonstranten. Anne Will fragt ihre Gäste deshalb: Wie viel Verantwortung trägt Trump eigentlich für die Eskalation in seinem Land?

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Das sagt Trump über George Floyd und Arbeitslosenzahlen
2:03 min
Der US-Präsident wollte über die Arbeitslosenquote in den USA sprechen und landete bei George Floyd. Nachfragen waren nicht erlaubt.  © Reuters
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Die Gäste

CDU-Politiker Norbert Röttgen sieht im aktuellen Verhalten des US-Präsidenten keine Überraschung. Trump zeige das Verhaltensmuster, mit dem er gewählt wurde: spalten, eskalieren, polarisieren. Und trotzdem hält er einen Wahlsieg Trumps im November nicht für ausgeschlossen.

Grünen-Politiker Cem Özdemir hingegen hält nichts von voreiligen Prognosen für den Ausgang der US-Wahl. Denn schon vor vier Jahren hätte sich kaum einer vorstellen können, dass Donald Trump US-Präsident werden würde, angesichts der vielen vorausgesagten Stimmen von Frauen, Homosexuellen, Afroamerikanern und anderen für die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Das Ende ist bekannt.

Alice Hasters ist Podcasterin und hat das Buch “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen … aber wissen sollten” geschrieben. In Donald Trumps Regime erkenne sie vor allem Versagen – und die Proteste seien ein Zeichen dafür, dass die Menschen ebendieses Versagen des Präsidenten auch erkennen. Sollte er dennoch im November wiedergewählt werden, wäre das ein fatales Zeichen.

Samira El Ouassil schreibt als Kolumnistin und Autorin unter anderem für den “Spiegel”. Sie findet direkt zum Einstieg deutliche Worte über Donald Trump. “Er ist nicht dafür bekannt, das Land vereinen zu wollen, er ist eher der Antipräsident der Vereinigten Staaten.” Besonders auf den umstrittenen Kirchenauftritt des Präsidenten geht sie ein: “Ich möchte noch mal daran erinnern, wie schön es war, mitanzusehen, wie er offenbar das erste Mal ein Buch in der Hand hält.”

Christoph von Marschall ist diplomatischer Korrespondent des “Tagesspiegels” und hat viele Jahre aus den USA berichtet. Und erwartungsgemäß beleuchtet er das Geschehen in den USA auch: diplomatisch. Er verurteilt weniger als seine Sitznachbarn, was der US-Präsident tut, sondern ordnet es vielmehr ein. So sagt er etwa, dass die Polarisierung, die gerade in den USA stattfindet, Trump am Ende nur nutzen wird. Seine Sorge: Am Ende könnte Trump trotz aller Kritik wiedergewählt werden.

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Black Lives Matter – Demonstrationen in London und Berlin
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Tausende Menschen demonstrieren gegen Rassismus, sie solidarisieren sich mit den Protesten gegen Polizeigewalt in den USA.  © Reuters

Die Debatte

In einem Punkt jedenfalls sind sich alle Gäste schnell einig: Donald Trump trägt eine Mitschuld an den Ausschreitungen in den USA. Das schließt Hasters etwa daraus, dass die Proteste, anders als in den vergangenen Jahren, 2020 deutlich stärker ausfallen – und zwar weltweit. Ob das letztendlich auch nachhaltig etwas ändern könne, sei abzuwarten: “Jetzt kommt es darauf an, wie die Politik darauf reagiert”, sagt die Autorin.

Das, was gerade in den USA zu beobachten ist, ist das Ergebnis von mehreren Unglücksfällen gleichzeitig: die Corona-Pandemie, die Abertausende von Opfern fordert, der strukturelle Rassismus, der nun durch den tragischen Tod von George Floyd sichtbar wurde, und das polarisierende Regime Trumps. Das jedenfalls sehen die Politiker Özdemir und Röttgen so. El Ouassil pflichtet ihnen mit einem weiteren Dreisatz bei: “400 Jahre Rassismus, 4 Jahre Trump und 4 Monate Corona – da ist eine Eskalation vorprogrammiert.”

Der ehemalige US-Korrespondent Marschall lenkt den Fokus – ganz der Diplomat – lieber auf positive Dinge, wie die Solidaritätsbekundungen einiger US-Polizisten, die etwa vor Demonstranten niederknieten. Man solle das Ganze auch einmal aus der anderen Sicht betrachten: Polizisten erleben, dass es im schwarzen Milieu oft mehr Kriminalität gibt.

Hasters sieht darin aber nur einen weiteren Beweis für strukturellen Rassismus in den USA: “Natürlich versuchen Menschen, sich aus diesen Strukturen zu befreien, aber die Versuche werden immer wieder zerstört.” Auch Grünen-Politiker Özdemir macht deutlich, dass Rassismus ein weißes und kein schwarzes Problem sei. Seine Forderung: “Die Weißen müssen ihren angelernten Rassismus aufarbeiten.” Vorher sei ein friedliches Miteinander so gut wie unmöglich.

Der spannendste Moment

Und genau das sieht man gerade in den USA. Wie prekär die Lage aber wirklich ist, hat Stefan Simons, US-Korrespondent der Deutschen Welle, per Videoschalte erzählt. Er wurde bei Demonstrationen von Polizisten bedroht und beschossen. Und das habe System: “Die Polizisten wollen nicht, dass die Presse da ist und dokumentiert, was da alles schiefläuft.”

Allein in der letzten Woche habe es 270 Angriffe auf Journalisten gegeben. Im Vergleich: Im ganzen Jahr 2019 gab es 150 entsprechende Vorfälle. Die Lage der Demonstranten fasst Simons wie folgt zusammen: “Es gibt viel Wut hier, viel, viel Wut.”

Das Zitat des Abends

Es ist schwer zu verbergen, dass US-Präsident Donald Trump in der Talkrunde nicht der beliebteste ist. Kolumnistin El Ouassil lässt aber keinen Zweifel daran, dass ihr wirklich vieles an dem Regierungschef der USA zuwider ist. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und macht ihn für das, was gerade passiert, mitverantwortlich. Sie sagt etwa: “Wir haben hier eine Ein-Mann-Plage für die USA.”

Das Duell des Abends

In der ersten Hälfte der Talkshow gab es trotz des kritischen Themas kaum Diskussionen zwischen den Gästen. Das änderte sich aber mit einem Themenwechsel schlagartig. Moderatorin Anne Will wollte von ihren Gästen wissen: Hat Deutschland auch ein Rassismusproblem?

Eigentlich hatte Kanzlerin Angela Merkel in ihrer jüngsten Ansprache zu den Ereignissen in den USA bereits die richtige Antwort gegeben: Ja, auch wir in Deutschland haben ein Rassismusproblem. Und trotzdem wurde das Offensichtliche nun zum Diskussionsthema. Konkret weist Autorin Hasters darauf hin, dass es auch in Deutschland einen strukturellen Rassismus gibt, auch vonseiten der Polizei. Röttgen sieht das anders. Kleine Randnotiz: Wohlgemerkt diskutiert hier eine schwarze Frau mit einem weißen Mann über Alltagsrassismus.

Röttgen gibt sich allerdings schnell geschlagen: “Ich widerspreche da nicht, aber wir haben in diesem Land den gemeinschaftlichen Willen, das anzugehen.” Auf ein gemeinschaftliches Nicken folgt dann ein ernüchternder Rückblick von Özdemir: “Wir haben den Konsens, aber der Konsens wurde mit Blut geschrieben. Und es wären weniger Menschen gestorben, wenn wir rechtzeitig hingeschaut hätten.” Der Grünen-Politiker spielt damit etwa auf den Mordfall von Walter Lübcke an oder die vielen Menschen, die dem NSU zum Opfer fielen.

Und Trump so?

Dass in einem deutschen Fernsehstudio am Sonntagabend fünf Meinungsträger und eine Moderatorin über seine fragwürdige Regierung debattieren, das juckt den US-Präsidenten zugegebenermaßen recht wenig. Der twittert lieber ungeniert und lässt keine Zweifel an seinem gesunden Selbstbewusstsein. Kurz nach dem Ende der Sendung schreibt er etwa: “Ich habe die größte Wirtschaft der Welt gebildet, die beste, die die USA je hatte. Und ich werde es wieder tun.” Nun ja, jeder hat eben seine Prioritäten.

Das Fazit

Wie es in den USA weitergeht, das hängt von vielen Faktoren ab, sicherlich auch vom Ausgang der US-Wahl. Und den müssen wir abwarten, wie es auch Marschall sagte: “Letzten Endes entscheiden nur die Wähler, wen sie wählen.” Und bis November kann sich die Welt noch ein paarmal in eine andere Richtung drehen. Es bleibt zu hoffen, dass es die richtige ist. Aber ganz egal, was in den USA passiert: Auch in Deutschland ist Rassismus für viele Menschen Alltag. Und die Talkshowbesetzung von Anne Will war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber nur ein kleiner. Am Ende kann jedoch ein jeder etwas gegen Rassismus tun.

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