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Anne Spiegels denkwürdiger Auftritt

„Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht“

Anne Spiegel ( Bündnis 90/die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat bei einem kurzfristig einberufenen Statement ihren vierwöchigen Familienurlaub nach der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt.

Anne Spiegel ( Bündnis 90/die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat bei einem kurzfristig einberufenen Statement ihren vierwöchigen Familienurlaub nach der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt.

Berlin. Es ist ein Auftritt, wie er im politischen Berlin außergewöhnlich ist. Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) hat ihren vierwöchigen Familienurlaub nach der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer als Fehler bezeichnet und sich dafür entschuldigt. „Das war ein Fehler, dass wir so lange in Urlaub gefahren sind, und ich bitte für diesen Fehler um Entschuldigung“, sagt sie am Sonntagabend in Berlin.

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In einem außergewöhnlichen Statement legt die Ministerin ihre privaten Beweggründe dar, zehn Tage nach der Flutkatastrophe in den Urlaub zu fahren. Nach einem Schlaganfall ihres Mannes habe dieser Stress vermeiden müssen und sei nicht mehr so belastbar gewesen. Gleichzeitig habe die Pandemie ihre vier Kinder „mit Spuren versehen“, sie seien nicht gut durch die Zeit gekommen.

Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht.

Anne Spiegel

über ihre mehrfach Belastung und die Folgen der Corona-Pandemie

Zwei Ministerien, eine Kandidatur

Die Ministerin räuspert sich mehrfach. Sie stockt, muss schlucken. Mit teils brüchiger Stimme sagt sie, wie sie zusätzlich zum Familienministerium noch die Spitzenkandidatur ihrer Partei in Rheinland-Pfalz übernommen hatte – und dann geschäftsführend das Umweltministerium. Sie habe die Verantwortung dort sehr ernst genommen, die Übernahme des Umweltministeriums sei aber der eine Schritt zu viel gewesen. „Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht.“

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Der Fall Heinen-Esser

Am Wochenende war bekannt geworden, dass Spiegel als Umweltministerin in Rheinland-Pfalz zehn Tage nach der Flut zu einem vierwöchigen Urlaub mit ihrer Familie nach Frankreich aufgebrochen war. Diesen Urlaub hat sie nur einmal für einen Ortstermin im Ahrtal unterbrochen. Die nordrhein-westfälische Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU), die kurz nach der Flutkatastrophe auf Mallorca Urlaub machte, musste mittlerweile zurücktreten – weil sie im Wahlkampf eine zu große Belastung für NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst geworden war.

Eine Luftaufnahme zeigt die Zerstörungen an der Ahr, nachdem in der Nacht auf den 15. Juli 2021 eine Flutwelle auch das Dorf Insul überschwemmt hat.

Eine Luftaufnahme zeigt die Zerstörungen an der Ahr, nachdem in der Nacht auf den 15. Juli 2021 eine Flutwelle auch das Dorf Insul überschwemmt hat.

134 Tote allein im Ahrtal, 750 Verletzte in Rheinland-Pfalz. Dazu die Zerstörung von Tausenden Häusern. Das ist die schreckliche Bilanz der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz. Auch in Nordrhein-Westfalen kam es zu Zerstörung in erheblichem Ausmaß. Spiegel war bereits vor einiger Zeit hart in die Kritik geraten, weil ein SMS-Wechsel von ihr mit Mitarbeitern unmittelbar nach der Flut bekanntgeworden war. „Das Blame Game könnte sofort losgehen, wir brauchen ein Wording, dass wir rechtzeitig gewarnt haben“, hatte sie geschrieben.

Eine falsche Angabe

Am Sonntagabend betont die heutige Bundesfamilienministerin, sie habe unmittelbar nach der Flut einen Krisenstab einberufen – unter anderem für die Wiederherstellung der Trinkwasserversorgung. Sie habe zudem ein 20-Millionen-Euro-Sofortprogramm für die Kommunen auf den Weg gebracht. Sie sei in dem Urlaub auch immer erreichbar gewesen. „Wenn es irgendeinen Anlass gegeben hätte, den Urlaub abzubrechen, dann hätte ich das auch sofort getan.“ Ihre vorherige Angabe, sie habe per Videokonferenz an Kabinettssitzungen teilgenommen, sei aber nicht richtig gewesen, räumte sie ein.

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Im Lauf des Wochenendes hatte es harte Kritik an Spiegel und zahlreiche Rücktrittsforderungen gegeben – insbesondere aus Rheinland-Pfalz. CDU-Chef Friedrich Merz hatte der „Bild am Sonntag“ gesagt: „Es beweist sich erneut: Für Frau Spiegel waren Urlaub und das eigene Image wichtiger als das Schicksal der Menschen an der Ahr. Der Bundeskanzler muss sie entlassen.“

Jetzt überlege ich gerade, ob ich irgendwas… Ich muss noch irgendwie abbinden.

Anne Spiegel (Grüne)

Bundesfamilienministerin

Die Bundesfamilienministerin selbst ging auf diese Forderungen am Sonntagabend nicht ein. „Jetzt überlege ich gerade, ob ich irgendwas…“, sagt sie am Ende ihres Auftritts. Sie blickt hilfesuchend zur Seite. „Ich muss noch irgendwie abbinden.“

Dann sagt sie: „Ich möchte mich für die Fehler ausdrücklich entschuldigen. Danke.“

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