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Baerbock und Habeck: Wie die Harmonie immer weiter bröckelt

  • Als Annalena Baerbock und Robert Habeck 2018 zu Grünen-Chefs gewählt wurden, ging es harmonisch zu.
  • Mittlerweile mehren sich die Konflikte.
  • Das wird nach dem jüngsten Habeck-Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ überdeutlich. Eine Analyse.
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Berlin. In den letzten Tagen war spekuliert worden, warum Grünen-Chef Robert Habeck nichts zu den Plagiats­vorwürfen gegen Grünen-Kanzler­kandidatin Annalena Baerbock sagt – besser gesagt: Warum er ihr nicht beispringt. Man konnte das Schweigen leicht als Kritik werten. Jetzt hat sich Habeck in einem ganzseitigen Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ geäußert. Das Interview gehört zu jenen Texten, die man mehrfach lesen muss – weil sie einen doppelten Boden haben.

Habeck sagt, dass er Baerbock noch als Kanzler­kandidat ablösen könne, sei „Kokolores“ beziehungs­weise „keine Debatte“. Auch antwortet er auf die Frage, ob die Bundestags­wahl gelaufen sei: „Gar nichts ist gelaufen.“ Doch eine Solidaritäts­adresse ist das Interview nicht. Es enthält Widerhaken.

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Auf die Frage, wie oft er sich in den letzten Wochen gedacht habe, dass Fehler wie die von Baerbock nicht hätten passieren dürfen, antwortet Habeck: „Mehr als einmal und weniger als hundert Mal.“ Dabei wären auch 98 Mal ja schon reichlich.

Auf den Vorwurf, Baerbock sei eine Hoch­staplerin, sagt er: „Annalena Baerbock ist eine Frau, die von den Themen und ihrer Umsetzung getrieben ist. Dafür geht sie hohe persönliche Risiken ein, wie man jetzt ja sieht.“ Der Subtext lautet: Vielleicht zu hohe.

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Mit Blick auf einen etwaigen Rollen­tausch auf den letzten Metern entgegnet Habeck: „Jetzt geht es darum, aus diesem Vertrauens­vorschuss, den sie von der Partei bekommen hat, das Beste zu machen.“ Das klingt nach Bewährung. Überhaupt, so ihr Co-Partei­vorsitzender, seien die letzten Wochen „kein Glanzstück“ gewesen und das Urheber­recht „die juristische Grundlage dafür, dass Kunst- und Kultur­schaffende ein Einkommen haben“.

Als die Interviewer schließlich wissen wollen, ob Baerbocks Glaub­würdigkeit reparabel sei, reagiert er ausweichend – und verweist auf das kollektive „Wir“ der Partei.

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Sichtbares Miss­vergnügen

Nein, wesentlich deutlicher hätte Habeck sein Miss­vergnügen nicht zum Ausdruck bringen können. Die Grünen erleben damit gerade eine Zäsur – auch wenn sie nicht so aussieht.

Der erste heraus­ragende Tag für das Duo Baerbock/Habeck war der Tag ihrer Wahl zu Parteichefs am 27. Januar 2018 in Hannover. Baerbock betonte ihrerzeit, sie sei „nicht die Frau an Roberts Seite“. Das reflektierte, wie manche die beiden damals wahrnahmen – und dass Baerbock sich nicht unterbuttern lassen wollte.

Der zweite herausragende Tag war der 19. April 2021 in Berlin. Da musste Habeck verkünden, dass Baerbock die Kanzler­kandidatur übernehmen werde. Sie hatte den partei­internen Konkurrenzkampf für sich entschieden. Er gab durch seine Körpersprache und ein anschließendes „Zeit“-Interview zu Protokoll, als wie ungerecht er die Niederlage empfand. Anschließend verhielt sich Habeck jedoch solidarisch – auch als die ersten Vorwürfe zu Baerbocks nicht deklariertem Vorsitzenden­gehalt und ihrem Lebenslauf aufkamen.

Hier zeigen sie sich noch als Einheit: Robert Habeck verkündete am 19. April, dass Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin wird. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Dieser 10. Juli des Interviews mit der Zeitung aus München markiert, soweit man sehen kann, eine neue Bruchstelle. Zwar ist Baerbock nicht verloren. Es gibt andere Politiker, die sich von schweren Image­schäden erholt haben: Unions­kanzler­kandidat Armin Laschet etwa, auf den noch im Frühjahr niemand einen Pfifferling gab, oder FDP-Chef Christian Lindner, der nach seinem Abbruch der Jamaika-Sondierungen im Herbst 2017 für Jahre schwer in Verschiss geriet. Beide sind derzeit so obenauf, dass manch einer sogar eine schwarz-gelbe Koalition nach dem 26. September nicht mehr völlig ausschließt.

Politik ohne Freundschaft

Nur hat Baerbock eben nicht mehr viel Zeit. Es müsste zudem ein wichtiges Ereignis eintreten, das zur Bewährung taugt. Ohnehin weiß niemand, ob die Grünen-Kanzlerkandidatin nicht derzeit tatsächlich an eine Leistungs­grenze stößt – ob sie sich also nicht übernommen hat. Längst ist die Kanzler­kandidatur für die 40-Jährige zur Bürde geworden. Immerhin hängt daran nicht allein ihre persönliche Zukunft; daran hängen mehrere Dutzend Mandate von anderen.

Die Kanzler­schaft scheint für die Grünen jedenfalls außer Reichweite. Das wiederum heißt, dass auch die Kanzler­kandidatur nichts mehr bedeutet. Die Hierarchie, die zwischen Baerbock und Habeck nach ihrer Nominierung zur Kandidatin entstanden war, fällt wieder weg. Zynisch, aber wahr: Wenn die Wahl schlecht ausginge, wäre Habeck womöglich sogar im Vorteil.

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Nein, entgegen der offiziellen Darstellung waren die Grünen nie ein Gesangs­verein Harmonie, sondern stets ein Zusammen­schluss starker Egos und seit Joschka Fischers Zeiten mitunter harter Bandagen. Zwischen den Grünen-Spitzen­kandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin gab es 2013 Spannungen. Auch das Duo Göring-Eckardt und Cem Özdemir war 2017 allenfalls ein Zweck­bündnis.

Özdemir und seine Co-Partei­vorsitzende Simone Peter verhielten sich zueinander jahrelang wie Katz und Maus. Baerbock und Habeck haben versucht, Konflikte einvernehmlich zu lösen. Doch wie so oft in diesen Höhen, in denen ein enormer Außendruck herrscht, gilt: Konkurrenz schlägt Kollegialität. Freundschaft und Politik – das schließt sich leider aus.

Der Politische Bundes­geschäfts­führer der Grünen, Michael Kellner, sagt gern: „Es gibt kein Vakuum in der Politik.“ Habecks Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zeigt: Das Machtvakuum, das Baerbock zuletzt hinterlassen hat, wird nun von ihm gefüllt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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