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Vor den Toren Berlins: Das Duell der Kanzlerkandidat*innen im Promiwahlkreis Potsdam

  • Annalena Baerbock und Olaf Scholz wollen ins Kanzleramt – und sie wollen das Direktmandat in Potsdam erringen.
  • Die kleine Landeshauptstadt vor den Toren Berlins wird Schauplatz eines Promishowdowns.
  • Aber auch eine andere Kandidatin könnte als lachende Dritte den Wahlkreis holen.
Ulrich Wangemann
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Potsdam. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik treten zwei Bewerber um das Kanzleramt bei der Bundestagswahl in einem Wahlkreis gegeneinander an: Annalena Baerbock will in Potsdam für die Grünen das Direktmandat holen, Olaf Scholz tritt hier für die SPD an.

Potsdam wird zum neuen Machtzentrum, ähnlich wie es Hannover vor 20 Jahren war. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), Ex-Bundespräsident Christian Wulff (CDU), der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) – sie alle haben der niedersächsischen Landeshauptstadt ihre Karrieren zu verdanken.

Die Kombo zeigt die Kanzlerkandidaten von SPD und Bündnis 90/Die Grünen, Olaf Scholz (SPD), Bundesminister der Finanzen, und Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Beide ringen im Wahlkreis Potsdam um ein Bundestagsmandat. © Quelle: Kay Nietfeld/dpa
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Mit Stadt- und Landespolitik haben Baerbock und Scholz in Potsdam wenig zu tun – und sie treten als Zugezogene aus dem Westen an. Baerbock wohnt seit mehr als zehn Jahren in Berlins schönstem und stolzestem Vorort, Scholz seit drei Jahren. Ein Standortnachteil muss das nicht sein: Potsdam und sein Umland wachsen stetig und sind immer mehr von Zuzüglern geprägt.

Das hübsche, reiche, stille Schwesterchen

Potsdam ist die Wohlfühlzone der Bundeshauptstadt, das begehrte Schwesterchen – hübsch, wohlhabend und etwas still. Schon die preußischen Könige wussten seinen Charme abseits der lärmigen Metropole zu schätzen. Nach 1990 sicherten sich Kenner und Genießer wie Talkmaster Günther Jauch oder Springer-Chef Mathias Döpfner früh ihren Teil am Paradies, das damals noch unter mausgrauer Ostpatina schlummerte.

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Entscheidung der Grünen gefallen: Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin
2:18 min
Die Co-Vorsitzende der Grünen geht als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf. Ihr Partner im Parteivorsitz, Robert Habeck, will ihr zur Seite stehen.  © Reuters
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Heute lebt ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Politik-, Meinungs- und Wirtschaftselite in Potsdam und Umgebung. SAP-Gründer Hasso Plattner hat der Stadt eines der schönsten neuen Museen Deutschlands geschenkt: das Palais Barberini. Im Moment hängen dort nicht weniger als 32 Rembrandt-Originale.

Eine Kulisse, die Eindruck macht

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Der Reiz des Ortes ergreift so ziemlich jeden. Es ist Mitte September 2020, Deutschland hat für ein halbes Jahr den EU-Ratsvorsitz übernommen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) verhandelt mit den EU-Finanz- und Wirtschaftsministern über milliardenschwere Corona-Hilfen. Doch für den Nachmittag hat der Wahlpotsdamer seine Kollegen in die Impressionistenschau im Barberini eingeladen. Eine kleine Gruppe extrem mächtiger Menschen steht wortlos und gebannt im Halbdunkel vor den leuchtenden Ölgemälden, den Renoirs und Monets. Für den Staatsmann Scholz ist die Stadt eine wundervolle Kulisse, für den Wahlkämpfer Scholz gleichermaßen.

Potsdam kann auch rau sein

Potsdam kann gut tun, Potsdam kann auch rau sein. In der Südhälfte der Stadt, früher Hochburg der Linken, dominieren Plattenbauten, vom preußischen Arkadien ist nichts mehr zu spüren. Wer den Wahlkreis gewinnen will, muss auch dort punkten. Scholz achtet penibel darauf, nicht mit der Hautevolée identifiziert zu werden. Im Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung erwähnt er, dass er immer gern in Gartensparten aufgetreten ist.

Die Schickeriafalle

„Als junger Anwalt für Arbeitsrecht habe ich nach 1990 an vielen Orten im Osten Deutschlands Betriebsräte und Gewerkschaften unterstützt, als es darum ging, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten“, erzählt er. Und warum wohnt er in der Berliner Vorstadt, einer Wohlstandsblase zwischen Glienicker Brücke und Innenstadt? Das habe sich „logistisch einfach angeboten“, weil er morgens ins Büro nach Berlin-Mitte müsse und seine Frau Britta Ernst als Bildungsministerin in Brandenburg in die Potsdamer Innenstadt, sagt Scholz. Ernst gehört seit 2017 der Landesregierung an, Scholz folgte ihr ein Jahr später aus Hamburg,

Für Scholz und die Sozialdemokraten ist die brandenburgische Landeshauptstadt mit ihrem heterogenen Umland keineswegs eine feste Burg.

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Das einzige SPD-Direktmandat in den Ostflächenländern

Noch 2013 ging das Direktmandat an die CDU. 2017 gewann Manja Schüle (SPD, inzwischen Kulturministerin im Land) hier das einzige Direktmandat für die Sozialdemokraten in einem ostdeutschen Flächenland. Diese Erfahrung dürfte der Scholz-Kandidatur zugrunde liegen: In keinem Wahlkreis stehen die Siegeschancen für einen SPD-Kandidaten mutmaßlich besser.

Und Scholz‘ schärfste Konkurrentin? Annalena Baerbock vertritt den Wahlkreis seit acht Jahren im Bundestag, allerdings gewann sie nie nach Erststimmen. 2017 holte die aus der Gegend von Hannover Zugezogene bescheidene 8,0 Prozent. Doch war sie damals weitgehend unbekannt. Mittlerweile lautet das Grünen-Motto: „Alles ist möglich.“

Baerbock hat in Potsdam Machtspiele studiert

Baerbock hat zwar noch nie ein Regierungsamt innegehabt, doch in ihren Potsdamer Jahren hat sie den Umgang mit Macht erlernt. Bei den dramatischen Gesprächen zur später gescheiterten Jamaika-Koalition (CDU/CSU, Grüne, FDP) auf Bundesebene saß sie 2017 als einzige Brandenburgerin mit am Verhandlungstisch.

Als die Brandenburger Grünen auf Landesebene 2019 über eine Regierungsbeteiligung in einem Kenia-Bündnis (SPD, CDU, Grüne) debattierten, plädierte Baerbock vehement für den Griff zur Macht – unter anderem wegen der Festlegung der Koalitionspartner, keine neuen Braunkohletagebaue mehr aufzuschließen. „Mega-stolz“ sei sie darauf, äußerte Baerbock.

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Eine prominente Gegenkandidatin – und eine aussichtsreiche

Auch die FDP schickt eine bundesweit bekannte Kandidatin ins Rennen um den Promiwahlkreis: Erneut tritt Ex-Generalsekretärin Linda Teuteberg an. Für die Linken, die besonders in den Plattenbauvierteln im Potsdamer Süden stark sind, kandidiert wie bereits 2017 der Bundestagsabgeordnete Norbert Müller. Müller kam vor vier Jahren auf 16,5 Prozent, Teuteberg auf 7,5 Prozent. René Springer holte 12,3 Prozent für die AfD, für die diesmal der unbekannte Tim Krause antritt. Der Drehbuchautor kandidierte 2020 im bayerischen Deggendorf erfolglos für den Posten des Bürgermeisters.

Die Klimaaktivistin Lu Yen Roloff tritt als unabhängige Kandidatin an und will in Baerbocks Wählerschaft wildern.

Bleibt die CDU: Zur besonderen Würze im Rennen um Wahlkreis 61 trägt CDU-Bewerberin Saskia Ludwig bei, die vierte Frau im Bewerberkreis. Die 52-Jährige war von 2010 bis 2012 Landesvorsitzende der Brandenburger CDU, bis sie wegen ihres politischen Rechtskurses ins Abseits geriet.

Ludwig ließ sich auf einem AfD-Empfang sehen, gab der neurechten Zeitung „Junge Freiheit“ ein Doppelinterview mit AfD-Mitgründer Alexander Gauland und phantasierte davon, die SPD-Staatskanzlei habe die Berichterstattung im Land „gelenkt“. Ludwig – sie führt den Titel Fregattenkapitän der Reserve – wurde in der Merkel-treuen Brandenburg-CDU an den Rand gedrängt. Zuletzt zog sie Kritik auf sich, weil sie Bundestags- und Landtagsmandat gleichzeitig wahrnahm – sie war für Michael Stübgen nachgerutscht, der Innenminister in Potsdam wurde. Sie hat sich für Friedrich Merz und Hans-Georg Maaßen stark gemacht – will aber auch Armin Laschet im Wahlkampf nach Potsdam holen.

Die Unternehmertochter aus dem Obstbauern- und Fischerstädtchen Werder/Havel muss in der kommenden Wahl mit einem Handicap leben: Seit dem Neuzuschnitt des Wahlkreises fehlt ein Teil des politisch eher traditionell geprägten Hinterlands, unter anderem Ludwigs Heimatstadt.

Dennoch rechnet sie sich gute Chancen aus: Wenn sich Scholz und Baerbock im Kampf ums Kanzleramt gegenseitig Stimmen im Direktwahlkreis abnehmen, könnte sie als lachende Dritte durchs Ziel gehen – und die beiden Prominenten wären von einer Außenseiterin düpiert.

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