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Kanzlerin Baerbock? Die Spitzenkandidatin der Grünen im Porträt

  • Die 40-jährige Völkerrechtlerin Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin der Grünen.
  • Ihre Chancen stehen nicht schlecht.
  • Die Parteichefin, die viel Frische mitbringt, muss nun aber auch die Skeptiker überzeugen.
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Berlin. Robert Habeck fiel es sichtlich schwer, die Entscheidung bekannt zu geben. Man konnte dies an seinem Gesicht ebenso ablesen wie an der Bewegung seiner Hände. Es war auch nicht weiter verwunderlich. Der Vorsitzende der Grünen hatte am Montag in der Berliner Malzfabrik nämlich eine Niederlage mitzuteilen, die in der grünen Team-Erzählung eigentlich gar keine sein soll. „So ist heute der Moment zu sagen, dass die erste grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sein wird“, sagte Habeck – seine Co-Vorsitzende also.

Habeck beschrieb sie als „kämpferische, fokussierte, willensstarke Frau“, die genau wisse, was sie wolle, und fügte hinzu: „Wir beide wollten es, aber am Ende kann es nur eine machen. In dieser Situation führt der gemeinsame Erfolg dazu, dass einer einen Schritt zurücktreten muss.“ Baerbock versuchte noch, ihm beim Abgang verständnisvoll über die Schulter zu streichen. Doch da war Habeck schon ein bisschen auf der Flucht – und Baerbock blieb auf der Bühne zurück.

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Entscheidung der Grünen gefallen: Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin
2:18 min
Die Co-Vorsitzende der Grünen geht als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf. Ihr Partner im Parteivorsitz, Robert Habeck, will ihr zur Seite stehen.  © Reuters
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Entscheidung vor Ostern

Es kommt nun so, wie es die meisten innerhalb wie außerhalb der Partei zuletzt erwartet hatten: Die 40-Jährige aus Hannover mit Wohnsitz Potsdam, die wenig dem Zufall überlässt, wird die erste Kanzlerkandidatin der Grünen – und sie wird es angesichts der Turbulenzen in der Union mit wachsender Aussicht auf Erfolg. Die Entscheidung, so Baerbock, sei bereits vor Ostern gefallen. So lange hat die Partei dicht gehalten.

Als Baerbock und Habeck im Januar 2018 in ihrer Heimatstadt zu Vorsitzenden gewählt wurden, da musste sich die studierte Völkerrechtlerin noch des Eindrucks erwehren, das Mauerblümchen zu sein. Sie sei „nicht die Frau an Roberts Seite“, sagte Baerbock. Schließlich galt der Intellektuelle aus Flensburg als großer Charismatiker – und als von vornherein gesetzt. Es war denn auch kein Zufall, dass er anfangs mehr Aufmerksamkeit bekam als sie. Dies zeigte sich zuallererst in häufigeren und größeren Interviews. So räumte „Die Zeit“ mal zwei Seiten frei. Die „Süddeutsche Zeitung“ druckte ein dreiseitiges Porträt. Doch Baerbock holte auf, fuchste sich in die Themen ein, netzwerkte intern wie extern – während Habeck bisweilen Fehler machte, die von der Konkurrenz genüsslich ausgeschlachtet wurden.

Je länger, desto mehr wurden beide auf Augenhöhe wahrgenommen. Dass sich die grünen Umfragewerte schließlich auf hohem Niveau stabilisierten und die Union im Zuge der Corona-Krise immer weiter abstürzte, hat Baerbocks ohnehin nicht unterentwickelten Ehrgeiz offenkundig noch einmal wachsen lassen.

In Interviews hat sie mehrfach betont, dass die eigentliche Hürde jene von der einfachen Bundestagsabgeordneten zur Parteivorsitzenden gewesen sei. „Auch jetzt bin ich oft von frühmorgens bis spätabends nicht da“, sagte sie im März. „Ob ich in dieser Zeit im Bundestag, im Wahlkampf oder gerade im Ausland bin, macht für meine Kinder keinen Unterschied. Zugleich höre ich als Spitzenpolitikerin nicht auf, Mutter zu sein. Dass die Führung einer Regierung auch mit Familie gut funktioniert, hat Barack Obama mit seinen zwei Töchtern gezeigt. Der Alltag mit Kindern erdet.“ Das sollte heißen: Was jetzt kommt, ist machbar.

Wie sie ihren Wahlkampf anzulegen gedenkt, darüber hat die Kanzlerkandidatin am Montag keinen Zweifel gelassen. „Ja, ich war noch nie Kanzlerin, auch noch nie Ministerin“, räumte Baerbock ein. Tatsächlich zog die verheiratete Mutter zweier Töchter erst 2013 mit damals 33 Jahren in den Bundestag ein. Habeck hingegen war mehrere Jahre lang ein sehr angesehener Minister in Schleswig-Holstein. Dann jedoch fuhr sie fort: „Ich trete an für Erneuerung. Für den Status quo stehen andere.“ Gemeint waren, natürlich, CDU und CSU, die derzeit „blank“ da stünden.

Damit zusammen hängt die Tatsache, dass Baerbock eine Frau ist. „Natürlich hat auch die Frage der Emanzipation eine zentrale Rolle bei der Entscheidung gespielt“, sagte sie in der Malzfabrik. Das galt wohl weniger Habeck als der Tatsache, dass Union und SPD jeweils mit männlichen Kandidaten antreten. Da lag es nahe, ihnen eine weibliche und deutlich jüngere Kandidatin entgegen zu setzen. Baerbock strahlt jene Frische aus, die den Konkurrenten fehlt.

Zeigen, dass sie es kann

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Baerbocks größte Stärke – die Frische – macht womöglich zugleich ihre größte Schwäche aus. „Mit 40 Jahren in dieser Lage ins Kanzleramt einzuziehen – das ist ambitioniert“, sagte der Phoenix-Moderator Gerd-Joachim von Fallois nach der Grünen-Präsentation und dürfte damit für viele Beobachter und Bürger sprechen. Die Kandidatin wird bis zum 26. September glaubhaft den Eindruck vermitteln müssen, dass sie es kann. Dass Frauen auch Kanzlerin können, das hat Angela Merkel in den letzten 16 Jahren ja bewiesen.

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„Wir werden diesen Wahlkampf gemeinsam führen. Die größte Kraft entwickelt man immer nur zusammen“, sagte Annalena Baerbock, allein auf der Bühne. Das war auf die mittlerweile über 100.000 Grünen-Mitglieder gemünzt – aber vor allem auf Robert Habeck. Der indes war da längst verschwunden und für Fragen nicht mehr erreichbar.

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