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Gewöhnung an die permanente Bedrohung

Atomkrieg? Nein, danke!

Riesiger Atompilz: Die Franzosen erproben auf dem Mururoa-Atoll eine Atombombe.

Was tun, wenn der Atomkrieg droht? Da gibt es leider kein Patentrezept.

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Anfang der Fünfzigerjahre zum Beispiel übten Lehrerinnen und Lehrer in den USA mit ihren Klassen „Duck and Cover with Bert the Turtle“. Kurz zuvor erst hatte die Sowjetunion Amerika mit ersten Atombombentests geschockt . Nun sollten die Schülerinnen und Schüler genau wie Bert die Schildkröte im eigens erstellten Lehrfilm die Köpfe einziehen und sich unter ihren Bänken verdrücken. Eben noch spielen die Kinder im Film ausgelassen, schon gehen sie beflissen in Deckung.

In der Bundesrepublik warfen sich Generationen von kriegsdienstleistenden Bundeswehrsoldaten beim Ruf „ABC-Alarm“ eilig ihre Ponchos über und schwitzten, bis die Übung zu Ende war. Und auch die zivile Nutzung der Atomkraft verbreitete Angst und Schrecken: Nach dem Atomunfall von Tschernobyl 1986 griffen junge Eltern ihre Kinder und flüchteten in die Bretagne.

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Als Wladimir Putin kurz nach dem Überfall auf die Ukraine ankündigte, die Atomstreitkräfte Russlands in Alarmbereitschaft zu versetzen, rannten Menschen hierzulande in die Apotheken und hamsterten Jodtabletten. Mit den Pillen woll(t)en sie ihre Schilddrüsen vor der Einlagerung von radioaktiven Elementen schützen.

Eines verbindet all diese Maßnahmen über die Jahrzehnte: Sie wirken hilflos bis verzweifelt. Es ist wohl doch besser, einen Atomkrieg unter allen Umständen zu vermeiden.

Im Kalten Krieg gelang das den beiden Supermächten USA und Sowjetunion. Das vielzitierte Gleichgewicht des Schreckens geriet allen Drohgebärden zum Trotz nicht aus der Balance. Den Kontrahenten war bewusst, dass am Ende die totale Vernichtung stehen würde. Albtraumhaft hatten sich die Bilder von den Atombombenabwürfen 1945 über Hiroschima and Nagasaki in die Köpfe der Zeitzeugen eingebrannt. Aber das ist lange her.

Minuten vom Untergang entfernt

Wohl auch eine gehörige Portion Glück half im Kalten Krieg, das Schlimmste zu vermeiden. Menschen in Alarmzentralen hatten immer wieder mal versagt, Computer verrückt gespielt, Wolkenformationen im reflektierenden Sonnenlicht waren als angreifende Flugzeuge missinterpretiert worden. Trainingsprogramme für Atomangriffe liefen versehentlich auf scharfen Verteidigungssystemen. Die Welt war manchmal wohl nur Minuten vom Untergang entfernt.

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Es halfen aber auch noch entscheidende Faktoren beim Überleben: Vernunft und Überlebenswille. 1962 installierte die Sowjetunion Mittelstreckenraketen mit rund 80 Atomsprengköpfen auf Kuba. Die USA hatten ihrerseits ähnliche Raketen in der Türkei in Stellung gebracht.

1961: Nikita Chruschtschow trifft in Wien auf John F. Kennedy.

1961: Nikita Chruschtschow trifft in Wien auf John F. Kennedy.

Die US-Regierung verhängte eine Seeblockade vor Kuba, die UdSSR schickte atombombenbewehrte U-Boote los. Bei allem militärischen Muskelspiel gelang es John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow dennoch, eine Eskalation zu vermeiden. Sie vertrauten nicht blind auf die Ratschläge ihrer teilweise geradezu kriegslüsternen Berater. Am Ende einer nervenaufreibenden Konfrontation wurden die Raketen auf Kuba und wenig später auch die in der Türkei (heimlich) abgezogen.

„Größere Feuerwerkskörper“

Heute jedoch scheint ein gewisser Gewöhnungseffekt vom Schrecken der Atombombe auszugehen. Jedenfalls ist ein gewisse verbale Lässigkeit im Umgang mit ihr kaum mehr zu überhören.

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Die euphemistischen Bezeichnungen „atomares Säbelrasseln“ oder gar „atomarer Waffengang“ verwenden sogenannte Experten gern. Es klingt, als ließe sich ein Atomkrieg im fairen Duell zwischen Gentlemen organisieren und mit einem ritterlichen Händeschütteln auch wieder beenden. Gleichzeitig werden die Folgen eines Atomschlags auf Kiew durchgerechnet, so als habe man es mit einem Computerspiel zu tun, bei dem man wenig später wieder den Resetknopf betätigen kann.

Robert Kelley, Analyst des Instituts für Friedensforschung in Stockholm (SIPRI), beobachtete schon vor Jahren: „Ich habe oftmals Vorlesungen vor jungen Leuten vor allem in Russland gehalten, an Orten, wo sie Atomwaffen hergestellt haben. Es hat mich verstört, dass für diese jungen Leute Atomwaffen nichts anderes mehr sind als größere Feuerwerkskörper. Ich rede mit jungen Wissenschaftlern und mit Spezialisten für internationale Beziehungen, und sie erscheinen mir nach den Standards meiner Generation etwas naiv.“

„Chirurgische Nuklearschläge“

Schon lange vor dem Krieg gegen die Ukraine machten sich Militärs daran, einen möglichen Atomkrieg einzuhegen. Immer kleiner werden die Sprengköpfe, immer genauer sollen sie ihre Ziele erreichen. Von „chirurgischen Nuklearschlägen“ ist die Rede.

Ein militärischer Schlagabtausch unter der Schwelle der absoluten Vernichtung soll kurioserweise die Chance für den Frieden erhöhen – und das, obwohl sich die Zahl der Atommächte beständig erhöht, die aneinandergeraten könnten. Auch Nordkorea und der Iran tüfteln an immer tödlicheren Waffen.

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Und wer nicht daran glaubt, dass sich Atomkriege beherrschen lassen? Ende April sprang der Philosoph Jürgen Habermas dem in die Bedrängnis geratenen Bundeskanzler Olaf Scholz zur Seite, der sich seinerseits gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine sträubte (eine, wie wir inzwischen wissen, überholte Position).

Der 92-jährige Habermas verwies in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ auf das für ihn nachvollziehbare Argument, dass die Bundesrepublik vor dem Hintergrund des atomaren Drohpotenzials Russlands nicht Kriegspartei werden dürfe. Das Risiko eines Weltenbrandes lasse „keinen Spielraum für riskantes Pokern“, auch wenn damit das Dilemma verbunden sei, dass gleichzeitig alles dafür getan werden müsse, damit die Ukraine den Krieg nicht verliert.

Dennoch gilt für Habermas die Prämisse: Ein Krieg mit Atomwaffen sei „nicht mehr in irgendeinem vernünftigen Sinne“ zu gewinnen. Er stellte sich damit auch gegen Jüngere, die die „völlig neue Realität des Krieges“ aus ihren „pazifistischen Illusionen“ herauskatapultiert habe. Manche Replik auf Habermas‘ auf Abwägung und Zurückhaltung abzielender Beitrag klang so, als habe man es mit einem senilen Alten und nicht mit einem hervorragenden Denker zu tun.

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Die Atomdrohungen Putins werden inzwischen vielfach als bloße Panikmache abgetan. Aber vielleicht ist eine gewisser Portion Panik gar nicht so schlecht – erst recht bei einem russischen Machthaber, dem nicht nur der deutsche Vizekanzler Robert Habeck attestiert, dass er „nicht mehr wirklichkeitsbezogen und in dem Sinn rational“ handele. So beschied er es Putin jüngst in einer Talkshow. Putin sei „ein Mensch, der die Wirklichkeit falsch einschätzt, und er hat Atomwaffen“.

Und wie schätzt Putin sein Atomwaffenarsenal ein? Es gibt öffentlich zugängliche Aussagen dazu in einem ganz besonderen Kontext. US-Regisseur Oliver Stone („JFK – Tatort Dallas“, „Snowden“) führte zwischen 2015 und 2017 lange Interviews mit Putin, die sich insgesamt durch eine allzu große Nähe zu dem russischen Präsidenten auszeichneten. Eine Sequenz aber stach hervor, in der Stone seinem Gesprächspartner Stanley Kubricks Kinofilm „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ vorspielte, den Putin nicht kannte.

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Am Ende des Films über paranoide Militärs und hilflose Staatenlenker wird die Vernichtung der menschlichen Zivilisation durch Atombomben in ausgesuchter Schönheit zelebriert. Das Ganze ist unterlegt mit einem britischen Kriegsschlager.

Hinterher ließ es sich Putin nicht nehmen, Stone mit einer historischen Einordnung von Kubricks Kinosatire von 1964 zu beehren: „Die Sache ist die, dass sich seitdem wenig geändert hat. Die modernen Waffensysteme sind nur noch ausgefeilter und komplexer geworden. Aber das Konzept solcher Vergeltungswaffen und die Unmöglichkeit, solche Waffen wirklich unter Kontrolle zu haben, gibt es bis heute. Es ist nur noch schwieriger und gefährlicher geworden.“

Danach verlässt Putin den Raum, nicht ohne die DVD des Films als Geschenk mitzunehmen.

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