Psychologin: “Sachlichkeit hilft gegen Corona-Angst”

  • Die sogenannte neue Realität des Alltags in der Corona-Krise macht vielen Bürgern zu schaffen.
  • Abstandsregelungen oder Mundschutzpflicht sorgen für Ängste, aber auch Wut und Unverständnis.
  • Die Präsidentin des Berufsverbands der Psychologen rät der Politik zu kontinuierlicher und sachlicher Information der Bürger.
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Berlin. Die sogenannte neue Realität des Alltags in der Corona-Krise macht vielen Bürgern zu schaffen. Abstandsregelungen oder Mundschutzpflicht sorgen für Ängste, Verstöße dagegen aber auch für Wut und Unverständnis. Die Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), Dr. Meltem Avci-Werning, rät der Politik zu kontinuierlichen und sachlichen Informationen der Bürger.

Viele Menschen fühlen sich stark beeinträchtigt durch Abstandsregeln oder der Mundschutzpflicht beim Einkauf. Was macht diese sogenannte neue Realität mit uns?

Es ist völlig normal, dass die meisten von uns irritiert sind. Wir sind eben nicht mit Masken aufgewachsen. Es reagieren aber nicht alle Menschen gleich, sondern manche sogar gegensätzlich. Die Masken lösen bei einigen Ängste aus, manche fühlen sich dadurch sicher, und andere reagieren eher wütend.

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Aber die Möglichkeit, andere zu schützen, indem wir Masken tragen, ist doch positiv.

Ja, allerdings ist diese Betrachtung eher rational, denn die meisten von uns haben ja keine Symptome und fühlen sich gesund. Viele Menschen empfinden die Gesamtsituation als sehr stressig. Dass Emotionen überwiegen, ist nur allzu verständlich.

Was macht den Ängstlichen Angst?

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Zunächst macht die unsichtbare Bedrohung durch ein Virus Angst, dann die unmittelbare Möglichkeiten, krank zu werden. Beängstigend finden diese Menschen deshalb auch Verstöße anderer gegen die Regeln, die sie selbst einzuhalten versuchen.

Meltem Avci-Werning ist Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP).
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Was macht die Wütenden wütend?

Wut kommt häufig bei denen hoch, die die Darstellung der Situation und somit auch die Verhaltensmaßnahmen für übertrieben halten. Die gehen in den Supermarkt und streifen sich die Maske über, weil sie müssen. Innerlich finden sie das jedoch ärgerlich, und manche reagieren dann auch aggressiv.

Was kann die Gefahr durch das Virus in Menschen auslösen, die sich schon anderen Bedrohungen gegenübersahen, etwa Geflüchtete?

Bei Menschen mit traumatischen Vorerfahrungen wie zum Beispiel Geflüchteten können durch die diffuse Gefahr durch das Virus neue Ängste ausgelöst werden. Das geht unter Umständen so weit, dass sie sich nicht aus dem Haus trauen. Die Maske steht dann als Symbol für die Bedrohung, und die Betroffenen erfahren eine Aktualisierung ihrer Angsterfahrungen. Das kann sogar zur Retraumatisierung führen.

Wie schauen Kinder auf die Lage?

Bei der Reaktion von Kindern und Jugendlichen auf den Corona-Alltag kommt es darauf an, was ihnen im familiären Umfeld oder im Freundeskreis erzählt wird. Kinder haben auch Angst oder sind wütend wegen der Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit. Sie passen sich aber der Situation an wie Erwachsene auch. Vor sechs Wochen war es noch nahezu peinlich, sich eine Maske in der Öffentlichkeit aufzusetzen. Inzwischen gehören Masken zum Alltagsbild.

Fällt es Kindern leichter, im Alltag mit der Maske umzugehen?

Generell kann man nicht sagen, dass es Kindern leichter fällt, mit der Situation umzugehen. Sie lösen es vielleicht spielerischer – auch weil es ja inzwischen viele witzige Masken gibt. Manche machen dann Selfies und sehen zu, möglichst cool auszusehen. Bei ganz kleinen Kindern ist es hingegen schwierig zu erklären, warum jetzt alle mit Masken rumlaufen. Da sind immer wiederkehrende Erklärungen hilfreich.

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Der Fotograf Luigi Toscano hat in Mannheim und Ludwigshafen Menschen mit ihrem Mundschutz fotografiert und sie zu ihren Gedanken befragt. Er selbst sagt: "Manchmal fühle ich mich darunter gruselig. Und beim Fotografieren denke ich manchmal: Was für schöne Augen!".  @ Quelle: Luigi Toscano
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Was empfehlen Sie Eltern aus psychologischer Sicht?

Kinder schauen sich viel bei Eltern und Gleichaltrigen ab. Darum sollten Mütter und Väter viel Geduld beim Erklären haben und vor allem immer ruhig bleiben. Alarmismus im Umgang mit Kindern erzeugt eher Angst als einen angemessenen Umgang mit der Situation. Kinder wollen dazugehören und keine Angst haben. Das geht auch gut über Masken mit angesagten Motiven. Ganz wichtig sind aber Informationen, also Antworten auf die Fragen von Kindern.

Das gilt doch auch für die Erwachsenen, oder?

Sachliche Informationen sind deshalb wichtig, weil wir uns kompetent fühlen wollen in der Pandemiesituation. Wer den Sinn hinter Schutzmaßnahmen erkennt, wird umso motivierter sein, ihnen gerecht zu werden. Motivation hängt ganz klar mit Sinnhaftigkeit zusammen. Das gilt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Das Aufsetzen der Maske verändert unsere Kommunikation, weil wir Reaktionen nicht mehr so leicht deuten können. Wie sollte man damit umgehen?

Kommunikation zwischen den Menschen ist durch die Maske nicht nur schwierig, weil wir die Reaktion im Gesicht des Gegenübers nicht mehr erkennen können. Man versteht sich akustisch auch einfach schlechter. Zudem halten viele Abstand. Das verunsichert, und wir fühlen einen Kontrollverlust. Die Menschen müssen Formen finden, dies auszugleichen, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Dazu sind noch mehr Aufmerksamkeit und auch Kreativität, aber auch gegenseitiges Verständnis notwendig.

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Richtiger Umgang mit einem Mund-Nasen-Schutz
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Es gibt viele Möglichkeiten für eine Mund-Nasen-Bedeckung, jedoch spielt neben dem Tragen auch der richtige Umgang eine wichtige Rolle.  © RND

Was verstehen Sie darunter?

Wir sollten ruhig nachfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Man kann aber auch sagen: “Ich sehe jetzt gar nicht, ob du böse schaust oder schmunzelst.” Das kann angespannte Situationen lockern.

Die Maske ist ein Symbol der Krise. Wird sie zum Sündenbock, obwohl sie schützt?

Es ist verständlich, dass viele von uns sie nicht mögen. Solange kein Impfstoff gegen das Coronavirus existiert, werden wir Masken tragen müssen. Dass dies bis nächstes Jahr dauern wird, sind eher bedrückende Aussichten. Daher würde ein positiver Umgang mit dem Mundschutz vielen die Situation vielleicht erleichtern. Und dafür gibt es durchaus Grund: Die Masken erlauben uns, mobil zu sein, autonom zu sein. Wir sind nicht ans Haus gefesselt.

Dennoch gibt es viele kontroverse Debatten über die Sinnhaftigkeit von Corona-Maßnahmen.

Das zeichnet eine demokratische Gesellschaft aus. Aus psychologischer Sicht sind Reaktionen wie Wut, Trauer oder Angst in der Pandemie normale Reaktionen auf eine unnormale Situation. Um Beschwerliches – wie Schutzmaßnahmen – umzusetzen, sind regelmäßige und gut verständliche Sachinformationen nötig. Die schaffen Verständnis.

War es falsch vom Robert-Koch-Institut, gerade jetzt die regelmäßigen Öffentlichkeitsbriefings zur Corona-Lage einzustellen?

Das RKI ist hochangesehen. Ich kann nicht einschätzen, ob es richtig war, diese Briefings einzustellen. Ich weiß nur, dass es gerade in der jetzigen Phase der Lockerungen wichtig ist, durch turnusmäßige Informationen zum Stand der Dinge die Motivation der Menschen aufrechtzuerhalten. Sachlichkeit kann Wut, Angst oder Aggressionen entgegenwirken.

RND






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