Merkels letzter US-Trip als Kanzlerin: Abschied im Sehnsuchtsland

  • Angela Merkels Besuch in Washington war reich an Symbolen.
  • Statt Cheeseburger in Georgetown gab es Seebarsch im Weißen Haus.
  • Und ganz ungewohnt offen sinnierte die bald 67-Jährige über ihre persönliche Zukunft.
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Washington. Also, die Sache mit der Schärpe hätte besser laufen können. In einem Saal der renommierten Johns-Hopkins-Universität ist Angela Merkel fast eine halbe Stunde lang mit Lob überschüttet und mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Nun soll sie die Schärpe zu ihrem gold-schwarzen Talar anlegen.

Der Dekan übergibt das Tuch als zusammengefaltetes Paket, und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Ratlos zieht die Kanzlerin den Stoff auseinander, sucht nach Oben und Unten, dreht ihn in verschiedene Richtungen und wirft ihn sich schließlich beherzt über den Kopf. Das Ganze sieht nun aus wie eine Kranzschleife, was der Dekan nicht ertragen kann.

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USA, Washington: Kent Calder, Dekan der Johns-Hopkins-Universität, verleiht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Campus die Ehrendoktorwürde. © Quelle: Manuel Balce Ceneta/AP/dpa

Also zerrt er die merkwürdige Stola zurück über Merkels Kopf. Die Frisur ist nun hin, und das Ergebnis wirkt kaum ansehnlicher. Am Ende hängt der Stoffstreifen schräg über der Kanzlerinnenschulter wie das Handtuch eines Boxers nach dem Kampf.

Es ist Merkels 18. Ehrendoktorwürde, doch so etwas ist der Politikerin, die an diesem Samstag 67 Jahre alt wird, ganz offensichtlich noch nicht passiert.

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Eigentlich wirkt es fast beruhigend, dass es nach 16 Jahren Kanzlerschaft noch überraschende Momente geben kann. Aber dieser USA-Trip ist auch nicht irgendeine Reise. Es ist der Antrittsbesuch bei einem neuen Präsidenten nach vier Jahren des Chaos und schwerer transatlantischer Verstimmungen. Und es ist zugleich der Abschiedsbesuch der Ostdeutschen in dem Sehnsuchtsland ihrer Jugend.

Keine Freundin öffentlicher Emotionen

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Merkel ist keine Freundin öffentlicher Emotionen. So hörte, wer sie in den vergangenen Tagen nach ihren Gefühlen vor der Begegnung mit dem amerikanischen Präsidenten Joe Biden fragte, als Replik so etwas wie: „Wir haben eine lange Agenda.“

Das war durchaus zutreffend. In den vier Trump-Jahren hatte sich allerhand aufgestaut. Und mit der Corona-Pandemie, den russischen Cyberattacken, dem selbstbewussten Auftreten Chinas und dem plötzlichen Rückzug der westlichen Truppen aus Afghanistan war zuletzt einiges hinzugekommen. Alle diese Themen kann Merkel auch nach einem neunstündigen Transatlantikflug noch ebenso trocken wie kenntnisreich herunterbeten.

Als sie im April 2018 das letzte Mal in Washington landete, hatte es die Kanzlerin noch spontan zum Cheeseburgeressen in ein Restaurant auf der belebten M Street in Washington gezogen. Da wurde sie von Passanten wie ein Rockstar gefeiert.

Tags darauf traf sie dann im Weißen Haus einen Präsidenten, der Deutschland zum Lieblingsfeind auserkoren hatte und die Begegnung vor allem nutzte, um sich und sein übergroßes Ego zu präsentieren.

Dieses Mal ist vieles anders. Ein Kneipenbummel verbietet sich wegen Merkels strikter Corona-Vorsicht, die in der durchgeimpften amerikanischen Hauptstadt leicht anachronistisch wirkt. In der Innenstadt haben sich aus Anlass des Kanzlerinnenbesuches ein paar Menschen versammelt.

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Die aber sind nicht zum Jubeln gekommen, sondern demonstrieren gegen Merkels Eintreten für Covid-Impfpatente

Hingegen erwartet sie im Weißen Haus ein überaus freundlicher Empfang. Als „großartige Freundin“ begrüßt Hausherr Biden die Deutsche und preist später ihre „prinzipientreue, starke Führung“. Vier Präsidenten habe Merkel erlebt. „Sie kennt das Oval Office so gut wie ich“, scherzt der Gastgeber und umreißt noch einmal die Dimension ihrer Regentschaft als erste Frau und erste Ostdeutsche im Kanzleramt und nach Helmut Kohl nun die Regierungschefin mit der längsten Amtszeit.

Projektionsfigur des linksliberalen Amerikas

Eine Glasdecke hat auch Kamala Harris als erste Vizepräsidentin durchbrochen. Und so hat es eine gewisse Logik, dass Merkel vor der Begegnung mit Biden schon von dessen Stellvertreterin zum Frühstück empfangen wird. Beide Frauen teilen in den USA freilich auch ein anderes Schicksal: Sie wurden wegen ihrer Andersartigkeit in den düsteren Trump-Jahren zu Projektionsfiguren des linksliberalen Amerikas.

Die eine schien als Schwarze Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners das perfekte Gegenbild zu einem rassistischen alten weißen Mann abzugeben, die andere wurde zur Retterin der freien Welt überhöht.

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Deutlich ließ sich das 2019 beobachten, als Merkel im dritten Trump-Jahr einen Bogen um Washington machte und stattdessen an der Eliteuniversität Harvard eine Ehrendoktorwürde in Empfang nahm. Die Preisrede kam einer Heiligsprechung ziemlich nahe und lobte die Kanzlerin für Errungenschaften wie die Ehe für alle und den Mindestlohn, die tatsächlich gegen ihren Widerstand vom sozialdemokratischen Koalitionspartner durchgesetzt wurden.

Doch 16 Jahre Kanzlerschaft werden durch solche Überzeichnungen nicht geschmälert. Bei Harris hingegen, die politisch bislang wenig vorzuweisen kann, hat in der amerikanischen Öffentlichkeit gerade ein rapider Ernüchterungsprozess eingesetzt. Das gemeinsame Foto mit dem Gast ist für die Amerikanerin wahrscheinlich wichtiger als umgekehrt.

Zeichen einer echten Freundschaft

Ohnehin spielt die Symbolik eine große Rolle bei Merkels Besuch. Nach den verheerenden Trump-Jahren wollen beide Seiten die transatlantischen Beziehungen neu beleben und die gemeinsamen Werte präsenter machen.

Demonstrativ hat Biden die Kanzlerin und ihren Ehemann Joachim Sauer zu einem offiziellen Dinner mit knusprigem Seebarsch und schwarzen Tagliatelle ins Weiße Haus eingeladen. Das Vier-Augen-Gespräch am Nachmittag dauert statt der angesetzten 20 Minuten weit länger als eine Stunde. Danach kommen noch Berater und Experten hinzu.

Bei der anschließenden Pressekonferenz im East Room hat man das Gefühl, dass die sonst so nüchterne Naturwissenschaftlerin und der „liebe Joe“ sich wirklich verstehen.

„Ich schätze die Freundschaft sehr, ich weiß, was Amerika für die Geschichte eines freien und demokratischen Deutschlands getan hat“, sagt Merkel. Das heißt nicht, dass sich die Regierungschefs bei allen Themen einig wären.

Biden sieht China als gefährlichen politischen Gegenspieler, Merkel vor allem als wirtschaftlichen Wettbewerber. Die vom US-Präsidenten angestoßene Aufhebung der Impfpatente hält die deutsche Kanzlerin für kontraproduktiv. Und bei der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 bemüht man sich hinter den Kulissen zwar fieberhaft um eine Entspannung, aber ein tragfähiger Kompromiss ist offenbar noch nicht gefunden.

„Meine Haltung ist klar“, antwortet Biden auf eine entsprechende Frage. „Gute Freunde können auch unterschiedlicher Meinung sein.“ Merkel betont, dass Deutschland den Status der Ukraine als Gastransitland unbedingt erhalten wolle. Auf die Frage, was denn passiere, wenn Russland die Pipeline gleichwohl nutze, um Kiew auszuhungern, gibt sie eine ziemlich merkelhafte Antwort, derzufolge sich „die Möglichkeiten der Reaktion (...) zum entsprechenden Zeitpunkt herausstellen“ werden.

Eine unerwartete Wendung beim Einreisebann

Einen überraschenden Teilerfolg kann die Kanzlerin hinter verschlossenen Türen offenbar erzielen. Dort spricht sie die unverändert geltende Einreisesperre der USA für Besucher aus Europa an, die nicht nur ungerecht erscheint, weil geimpfte Amerikaner inzwischen ohne Probleme über den Atlantik fliegen können, sondern auch gesundheitspolitisch fragwürdig, weil man sie durch einen Zwischenstopp im Risikogebiet Türkei umgehen kann.

Entsprechende Fragen werden vom Weißen Haus seit Wochen abgeblockt. Doch dieses Mal zieht Biden seinen Corona-Beauftragten hinzu und verspricht für die nächsten Tage eine Entscheidung.

Das könnte eigentlich ein guter Aufhänger für die Frage sein, welche Erfahrungen Merkel denn mit den unterschiedlichen Präsidenten gemacht habe. Doch auch zum Ende ihrer Amtszeit mag die Kanzlerin nicht allzuviel von sich preisgeben.

Erstens müsse Deutschland aus eigenem Interesse mit jedem Präsidenten zusammenarbeiten, erwidert sie trocken. Zweitens hätten sich die Journalisten bei den Pressekonferenzen selbst ein Bild machen können, und „drittens war das heute ein sehr freundlicher Austausch“.

Im Vergleich dazu wirkt die Norddeutsche geradezu geschwätzig, als sie in der Johns-Hopkins-Universität nach ihren Plänen für die Zeit nach dem Amt gefragt wird. „Wahrscheinlich werden mir gewohnheitsmäßig viele Gedanken in den Kopf kommen, was ich jetzt machen müsste“, sinniert sie da: „Und dann wird mir ganz schnell einfallen, dass das jetzt ein anderer macht. Ich glaube, das wird mir gut gefallen.“

Eine Pause wolle sie einlegen und mehr lesen: „Und dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin und dann werde ich ein bisschen schlafen.“ Fast poetisch klingt diese Schilderung, die Merkel mit einem spitzbübischen Lächeln beendet: „Und dann schauen wir mal, wo ich auftauche.“

Wer weiß? Vielleicht sogar an einer Universität in Amerika.

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