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Wenn Politik krank macht – welchen Belastungen Abgeordnete und Minister ausgesetzt sind

  • Bei einem Termin des Wirtschaftsausschusses musste Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Montag ins Krankenhaus gebracht werden.
  • Das wirft ein Schlaglicht auf die hohe Belastung von Politikerinnen und Politikern.
  • Wer nicht auf sich aufpasse, laufe Gefahr, als Politiker krank zu werden, warnt der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen.
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Berlin. Es ist gegen 21 Uhr am Montag­abend, als ein Kranken­wagen Bundes­wirtschafts­minister Peter Altmaier ins Kranken­haus bringt. Bei einem Abendessen des Wirtschafts­ausschusses des Bundes­tages in einem Berliner Hotel hatte er über Unwohlsein und Wortfindungs­störungen geklagt.

Am frühen Dienstagmorgen meldet der Minister sich dann auf Twitter: „Mir geht es wieder sehr gut“, schreibt er dort und bedankt sich für die Genesungs­wünsche. Sein Krankenhaus­aufenthalt sei eine Vorsichts­maßnahme. „Die bisherigen Untersuchungen haben die Sorgen meiner Mitarbeiter jedoch nicht bestätigt.“

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Wie gut es Altmaier wirklich geht, bleibt unklar. Schwäche zeigt kaum ein Politiker gerne – schon gar nicht im Wahl­kampf. Der frühere Bundes­kanzler Helmut Kohl kämpfte sich 1989 sogar mit einer schmerzhaften Prostata­erkrankung durch einen Partei­tag, auf dem er als CDU-Chef gestürzt zu werden drohte. Eigentlich hätte er schnellstens operiert werden müssen. Eine weitere Prostata­operation versuchte das Kanzler­amt 1995 zu vertuschen und erklärte zunächst, der Kanzler leide an einer Grippe.

Manche sprechen offen über Krankheiten

So vehement verheimlichen viele Politikerinnen und Politiker ihren Gesundheits­status heute nicht mehr. Im April dieses Jahres zog sich der CDU-Bundestags­abgeordnete und Verteidigungs­staatssekretär Peter Tauber nach einer wiederholten entzündlichen Darm­erkrankung aus der Politik zurück und sprach öffentlich über Krankheit und Schwäche.

Auch die Linken-Abgeordnete Sahra Wagenknecht sprach 2019 ungewohnt offen über ihr Burn-out-Syndrom, nachdem sie angekündigt hatte, nicht erneut für den Fraktions­vorsitz zu kandidieren.

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Altmaiers Krankenhaus­aufenthalt wirft nun erneut ein Schlag­licht auf die Arbeits­belastung und die damit verbundenen Gesundheits­gefahren von Spitzen­politikerinnen und -politikern. Bereits vor zwei Jahren war eine Debatte darüber ausgebrochen, was die Arbeit im Parlament den Bundestags­abgeordneten abverlangt. Im November 2019 hatten gleich zwei Abgeordnete während einer Plenar­sitzung einen Schwäche­anfall erlitten.

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„Wie in einer Reihe anderer harter und schwieriger Berufe in unserem Land gibt es im Politik­betrieb viel Arbeit, viel Stress und grundsätzlich ungünstige Bedingungen für die eigene Gesund­erhaltung“, sagt der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Der Notarzt ist erst im November 2020 in den Bundes­tag nachgerückt. Aus seinem früheren Beruf ist er lange Arbeits­zeiten und Stress gewohnt.

„Wenn man nicht sehr auf sich aufpasst, ist das Risiko, im Laufe der Zeit krank zu werden, überproportional groß“, sagt Dahmen über die Politik. „Nicht nur die Menge an Arbeit ist für die Gesundheit wichtig – sondern vor allem, ob man planbare Ruhe- und Erholungs­phasen hat, in denen der Körper die Chance hat, sich zu regenerieren.“

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Druck nimmt weiter zu

In den vergangenen Jahren sei die Belastung für Politikerinnen und Politiker noch gestiegen, sagt Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union. Er steht den Bundestags­abgeordneten als Seel­sorger zur Seite.

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Die permanente Präsenz von Politikerinnen und Politikern in den sozialen Netzwerken trage dazu bei, sagt Dutzmann. „Es muss immer sofort reagiert werden, man muss stets alles im Blick haben“, erklärt er. In der aktuellen Legislatur­periode habe sich die Stimmung im Bundestag außerdem durch die AfD-Fraktion deutlich verändert und sei aggressiver geworden. „Die ständigen Grenz­überschreitungen zermürben viele Menschen.“

Im vergangenen Jahr habe die Corona-Pandemie die Belastung noch weiter steigen lassen, „durch die veränderten Arbeits­abläufe, aber auch durch die akut noch größere Verantwortung, die in einer solchen Situation auf den Menschen lastet.“

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Janosch Dahmen fordert eine „parlamentarische Resilienz­strategie, die die Gesund­erhaltung zum Ziel eines funktionierenden Parlaments­betriebs macht“. Es müssten Beratungs­angebote geschaffen werden, für politische Neueinsteiger, wie auch für Menschen, die schon lange in der Politik sind. „Der Blick des ganzen Parlaments­betriebs orientiert sich stark an Legislatur­perioden. Dabei wird wenig auf Lebenszeit­risiken geschaut“, sagt der Grünen-Politiker.

Stress und Belastungen seien im Übrigen nicht nur die Parlamentarier selbst ausgesetzt. „Dahinter stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Abgeordneten an langen Sitzungs­tagen begleiten, oder wenn nachts noch Gesprächs­termine angesetzt sind.“

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