Altkanzler Schröder über Coronakrise: “Ich würde noch zum Fußball gehen”

  • Im RND-Interview kritisiert der frühere Bundeskanzler den unterschiedlichen Umgang der Bundesländer mit der Coronakrise.
  • Schröder fordert, mehr Kompetenzen von den Ländern auf den Bund zu übertragen.
  • Außerdem verlangt er eine Ende der Politik der schwarzen Null.
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Berlin. Haben Sie Angst vor dem Coronavirus, Herr Schröder?

Persönlich nicht. Man kann ja nicht leben, mit ständiger Angst und Vorsorge. Ich mach das, was vernünftig ist, wasche mir die Hände öfter, aber ich übertreibe es auch nicht. Natürlich gehöre ich altersmäßig zur Risikogruppe, aber ich habe keine Ängste – auch weil ich relativ gesund bin und keine Vorerkrankungen habe.

Sie haben keine Nudelvorräte angelegt?

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Nein, wir haben überhaupt keine Vorräte im Haus. (lacht) Selbst die Zwiebeln, die wir noch haben, treiben inzwischen Keime. Ich würde sogar zum Fußball gehen, wenn der nicht abgesagt würde. Nur Reisen nach Norditalien würde ich im Moment meiden. Aber da denke ich eher an den Schutz meiner Kinder.

Was hält der Fußballfan Gerhard Schröder von der Entscheidung, dass Spiele nun vor leeren Rängen stattfinden?

Solche Spiele sind sicherlich nicht schön. Die Liga muss aber zu Ende spielen, sonst haben wir erst im Herbst einen Meister. Unter dem Druck einer solchen Epidemie halte ich die Entscheidung für vertretbar.

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Altkanzler Schröder beim RND-Salon: “Ich habe keine Angst vor Corona”
4:17 min
Im “Berliner Salon” werden hochrangige Politiker interviewt und müssen sich den Fragen der Zuschauer stellen. Heute mit Gerhard Schröder.  © Gordon Repinski, Andreas Niesmann/RND
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Hat die Bundesregierung die Lage im Griff?

Die Bundesregierung hat einiges ganz gut gemacht. Aber man sieht in solchen Krisen, dass der Föderalismus an seine Grenze kommt. Wenn man schon sagt, dass Bundesliga-Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden müssen, dann macht es doch keinen Sinn, wenn das in Dortmund oder München so geschieht, in Leipzig und Berlin aber nicht. Das ist nach meiner Meinung etwas, das man ändern muss. In solchen Krisen der Bundesregierung mehr Kompetenzen zu geben wäre vernünftig.

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Erwarten Sie eine weitere Verschärfung der Lage?

Die eigentliche Gefahr lauert im Ökonomischen. Wenn internationale Lieferketten abbrechen, ist das ein Problem. Was die Bundesregierung mit dem Kurzarbeitergeld macht, finde ich richtig. Aber ich glaube, wir brauchen ein darüber hinausgehendes Programm. Wenn die Krise anhält, wird es darum gehen, die Ideologie der schwarzen Null mal endlich zu überwinden. Um nicht in eine Rezession zu rutschen, werden wir national mehr tun müssen. Auch die Europäische Union ist gefordert.

In China, wo die Epidemie ihren Ausbruch hatte, wird bereits die Trendwende verkündet. Haben es autoritäre Regime bei der Bekämpfung solcher Krisen leichter?

So weit will ich nicht gehen. Die Machtfülle eines chinesischen Staatschefs gibt es in Deutschland nicht. Aus guten Gründen.

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Altbundeskanzler Gerhard Schröder wird vom stellvertretenden RND-Chefredakteur Gordon Repinski begrüßt.  @ Quelle: photothek.net

Wir würden gerne mit Ihnen über ein anderes großes Land reden, das im Nordwesten Chinas liegt.

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Das habe ich mir gedacht.

Nerven Sie die ständigen Fragen zu Russland?

Nein, aber ich finde, dass das Thema ausdiskutiert ist. Der russische Präsident Wladimir Putin und ich sind befreundet – das ist so, und das wird auch so bleiben. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung, und über die eine oder andere Formulierung kann man sicher diskutieren. Aber dass wir als Europäer ein anderes Verhältnis zu Russland brauchen, kann aber doch gar keine Frage sein. Für mich ist es jedenfalls keine.

Was für ein Verhältnis stellen Sie sich vor?

Wir sollten keine Sanktionen verhängen, sondern uns darauf besinnen, dass wir Nachbarn sind und einander brauchen. Wir Deutschen müssen die Empfindsamkeit dieses großen und wichtigen Landes ernster nehmen. Wir waren im Zweiten Weltkrieg zuerst dort. Das wirkt nach. Ich habe nie verstanden, warum das Wort “Russland-Versteher” ein Schimpfwort sein soll. Etwas anderes, als die andere Seite zu verstehen, bleibt uns doch gar nicht übrig.

Wie denken Sie über die Verfassungsreform, die es Wladimir Putin ermöglicht, bis 2036 Präsident zu bleiben?

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Das sind innenpolitische Entscheidungen, die die Russen miteinander ausmachen müssen. Wenn das in freien Wahlen gewählte russische Parlament das so entscheidet, hat man das zu respektieren. Die von Ihnen beschriebene Tragweite der Reform ist für mich übrigens eine neue Information.

Wie viele politische Diskurse führen Sie mit Wladimir Putin?

Es gibt ein eisernes Gesetz: Wenn man in der Öffentlichkeit darüber redet, über was und wie lange man mit einem amtierenden Staatsoberhaupt intern diskutiert, dann ist die Debatte vorbei. Dann hat man auch künftig nicht mehr die Möglichkeit, in schwierigen Situationen etwas womöglich Hilfreiches zu sagen. Helfen kann man nur, wenn man diskret ist. Das war früher nicht meine Stärke, aber das habe ich in vielen Jahren gelernt.

Wie bewerten Sie die Lage Ihrer Partei, der SPD?

Die SPD hat derzeit eine große Chance: Wenn die CDU weiter nach rechts rückt, wonach es derzeit aussieht, kann meine Partei weit in die Mitte hineinwirken. Sie darf nur nicht den Fehler machen, linker sein zu wollen als die Linkspartei. Das wird nicht funktionieren.

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Best of “Berliner Salon”: Das sind die Highlights
4:25 min
Im “Berliner Salon” werden hochrangige Politiker interviewt und müssen sich den Fragen der Zuschauer stellen. Hier ein paar Highlights.  © Gordon Repinski, Andreas Niesmann/RND

Ist das eine Kritik an den neuen SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans?

Die beiden waren nicht meine Favoriten für die Parteiführung, ich habe sie auch nicht gewählt. Aber ich glaube, sie verdienen eine Chance. Unter dem Zuspruch und dem freundlichen Rat von Fraktionschef Rolf Mützenich, der ihnen klargemacht hat, dass letztlich die Fraktion über den Verbleib der SPD in der Bundesregierung entscheidet, haben sie ihren Plan für einen Ausstieg fallen lassen. Das fand ich gut. Es muss möglich sein, einen Irrtum zu erkennen und zu korrigieren.

Was ist für die SPD bei der nächsten Bundestagswahl drin?

Im Grunde genommen befinden sich meine Nachfolger in einer ganz guten Situation. Die CDU versinkt im Chaos und die SPD kann zeigen, dass sie der Stabilitätsanker ist. Das würden die Menschen gerade in krisenhaften Zeiten positiv bewerten. Die SPD erholt sich derzeit ein bisschen, was daran liegt, dass sie ihre Führungsfragen geklärt hat. Das mögen die Leute, wenn man sich nicht ständig streitet, und sie mögen es auch, wenn man gelegentlich sagt, da geht’s lang, basta.

Basta-Kanzler – das war einer Ihrer Spitznamen während Ihrer Regierungszeit. Wenn Sie zurückdenken: Was war Ihr größter Fehler?

Keiner! (lacht) Im Ernst: Es waren so viele, dass ich keine Reihenfolge aufzustellen vermag. Aber das ist auch ganz normal, wenn man jeden Tag so viele Entscheidungen trifft. Ich glaube, alles in allem war es nicht so schlecht, was wir damals gemacht haben. Wenn ich heute die Freundlichkeit vieler Menschen erlebe, auch hier heute Abend, dann frage ich mich manchmal: Verdammt noch mal, warum hast du eigentlich aufgehört?

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