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Altkanzler Schröder beim RND Salon: “Ich habe keine Angst vor Corona”

Altbundeskanzler Gerhard Schröder im RND Berliner Salon.

Altbundeskanzler Gerhard Schröder im RND Berliner Salon.

Berlin. Er hat es immer noch. Dieses laute und dunkle Lachen aus den Tiefen seines Brustkorbes, mit dem er spielend einen ganzen Saal übertönt. Schröder-Lachen. Der Berliner Salon des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) ist noch keine Minute alt, da röhrt es bereits zum ersten Mal durch den China Club im Herzen Berlins.

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Als „einziger noch lebender Alt-Bundeskanzler“ hat RND-Hauptstadtbüroleiter Gordon Repinski den Mann aus Hannover begrüßt. Gerhard Schröder hat mit einem launigen „Mal sehen, wie lange noch!“ geantwortet. Und gelacht. Nicht zum letzten Mal an diesem Abend.

Altkanzler Schröder beim RND Salon: “Ich habe keine Angst vor Corona”

Im „Berliner Salon“ werden hochrangige Politiker interviewt und müssen sich den Fragen der Zuschauer stellen. Heute mit Gerhard Schröder.

Kein Zweifel: Der Altkanzler ist beim Talk des RND in Hochform. Das Format mit mehr als 100 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Medien liegt ihm. Zumal Hannover-96-Anhänger Schröder an diesem Abend ein halbes Heimspiel hat: Unter den anwesenden Lesern der RND-Partnerzeitung befindet sich ein starker Block aus seiner niedersächsischen Heimat. “Gerdchen”, heißt der frühere Bundeskanzler unter diesen treuesten seiner Fans nur.

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Die Atmosphäre ist demonstrativ locker, aber natürlich müssen auch ernste Themen besprochen werden. Zum Beispiel der Ausbruch des Coronavirus.

Die Schröders bunkern keine Nudeln

Persönliche Angst empfinde er keine, sagt Schröder, wobei er altersmäßig natürlich schon zur Risikogruppe zähle. Großveranstaltungen meide er bislang nicht, auch das Bunkern von Lebensmittelvorräten sei nicht so seins, verrät der Altkanzler. “Selbst die Zwiebeln, die wir noch im Haus haben, sind inzwischen ausgetrieben.” Lediglich Reisen nach Norditalien müsse er im Moment nicht haben, aber auch bei diesen Überlegungen gehe es ihm vor allem um Schutz seiner Kinder.

Der Bundesregierung stellt Schröder in der Coronakrise ein gutes Zeugnis aus. “Die macht das schon ganz vernünftig.” Ärgerlicher findet er den Umgang der 16 Bundesländer mit der Krise. Wenn Bundesligaspiele in Dortmund und München ausgetragen werden müssten, in Leipzig und Berlin aber vor vollen Rängen stattfinden dürften, mache das doch wenig Sinn, beklagt der Altkanzler und Fußballfan.

“In Krisen wie solchen erlebt man, dass der Föderalismus an seine Grenze kommt”, sagt Schröder unter dem Applaus des Publikums und fordert mehr Durchgriffsmöglichkeiten für den Bund. „In solchen Krisen der Bundesregierung mehr Kompetenzen zu geben, wäre schon vernünftig.”

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Der frühere Juso-Chef ist jetzt in Revoluzzer-Laune, nach dem bundesdeutschen Föderalismus will er auch die Politik der ausgeglichenen Haushalte abschaffen. “Wenn das anhält, wird es darum gehen, diese Ideologie der Schwarzen Null mal endlich zu überwinden”, sagt er mit Blick auf abreißende Lieferketten und wankende Börsen. “Um nicht in die Rezession zu rutschen, werden wir national mehr tun müssen”, fordert er. Auch Europa müsse mehr tun.

Warum das Thema “Russland” für Schröder ausdiskutiert ist

Mit dem Thema Russland will Schröder sich nicht lange aufhalten. Genervt sei er zwar nicht von den dauernden Fragen, antwortet er Moderator Repinski, allerdings finde er, dass das Thema “ausdiskutiert” sei. “Wladimir Putin und ich sind befreundet – das ist so, und das wird auch so bleiben”, gibt der Aufsichtsratschef des Pipelinekonsortiums Nord Stream zu Protokoll.

Er sei zwar nicht immer mit Putin einer Meinung, so Schröder weiter. “Dass wir als Europäer ein anderes Verhältnis zu Russland brauchen, kann aber doch gar keine Frage sein.” Wie er sich das vorstellt, ist auch klar: nachbarschaftlich und ohne Sanktionen. Deutschland müsse mehr Verständnis für russische Empfindsamkeiten zeigen, forderte Schröder und sagte mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg: “Wir waren damals zuerst dort.” Dass das Wort “Russland-Versteher” ein Schimpfwort sei, habe er nie verstanden.

Best-of „Berliner Salon“: Das sind die Highlights

Im „Berliner Salon“ werden hochrangige Politiker interviewt und müssen sich den Fragen der Zuschauer stellen. Hier ein paar Highlights.

Ansonsten will Schröder nicht viel zu Russland sagen, vor allem nicht dazu, in welchen Punkten er mit dessen Präsident Putin nicht übereinstimmt. Es gebe im Umgang mit Putin eine eiserne Regel, gibt Schröder zu Protokoll. “Wenn man öffentlich darüber redet, wie lange und worüber man intern mit ihm redet, dann ist die Gesprächsmöglichkeit künftig vorbei.” Er habe inzwischen gelernt, wie wichtig Diskretion sei.

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Liebe Dörthe, komm zurück

Redsamer wird der frühere SPD-Chef, wenn es um seine Partei geht. Diese befinde sich doch im Grunde genommen in einer “wunderbaren Situation”. Angesichts der Führungskrise in der CDU könne die SPD nun zeigen, dass sie “ein Anker der Stabilität in der großen Koalition” sei.

Dass Schröder kein Anhänger der aktuellen Parteiführung Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ist, war schon vor dem Abend im China Club bekannt. “Ich habe sie auch nicht gewählt”, bekennt er freimütig. “Das darf ich ja wohl sagen.” Trotzdem hätten die beiden eine “faire Chance verdient”, zumal sie ihre ursprüngliche Idee, die Koalition mit der Union zu beenden, nach “freundlichem Zuspruch” durch Fraktionschef Rolf Mützenich aufgegeben hätten.

“Es muss möglich sein, einen Irrtum zu erkennen und zu korrigieren”, frotzelt Schröder und lässt keinen Zweifel daran, dass er unter politische Führung etwas anderes versteht. “Die Leute mögen es, wenn man sich nicht ständig streitet, und sie mögen es auch, wenn man ab und zu sagt, da geht’s lang, basta.”

Einer Leserin, die wegen dem Dauerstreit der Parteiführung aus der SPD ausgetreten ist, ruft der Altkanzler fast beschwörend zu, diesen Schritt zu korrigieren. “Liebe Dörthe”, sagt er, “überlegt Dir das doch nochmal – und komm zurück.”

Mit Juso-Chef Kevin Kühnert verbindet Schröder eine Hassliebe. “Niemand von uns wäre damals auf die Idee gekommen, als Juso Chef stellvertretende Parteivorsitzender werden zu wollen”, sagt er. “Aber ein Parteitag hätte uns auch nie und nimmer gewählt.”

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“Verdammt noch Mal, warum habe ich eigentlich aufgehört?”

Besonders zufrieden wirkt Schröder immer dann, wenn es um die eigene Regierungszeit geht. Natürlich habe er auch viele Fehler begangen, räumt er ein, “aber Alles in Allem war es nicht so schlecht, was wir gemacht haben”. Ökonomisch habe die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel stark von seinen Reformen profitiert, befindet Schröder, wobei er gönnerhaft festhält, dass auch seine Nachfolgerin ihren Job “nicht so schlecht” mache. Für diesen Satz bekommt er großen Beifall.

Am Ende wirkt Schröder fast ein bisschen sentimental – aber auch nur fast. “Wenn man die Freundlichkeit all dieser Menschen hier erlebt, dann stellt man sich eine Frage”, sagt er. “Verdammt noch Mal, warum habe ich eigentlich aufgehört?”

Schröder-Lachen, Applaus – und aus.

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