Altersarmut: Immer mehr Rentner gehen zur Tafel

  • In nur einem Jahr stieg die Zahl der Nutzer von Lebensmitteltafeln um 10 Prozent.
  • Immer mehr ältere Menschen stellen sich an – noch höher ist jedoch die Zahl der Kinder und Jugendlichen.
  • Von der Politik wollen die Tafelbetreiber nicht länger mit Schulterklopfen abgespeist werden.
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Berlin. In Deutschland nutzen immer mehr Menschen die Lebensmitteltafeln, darunter eine steigende Zahl Älterer. Die bundesweit etwa 940 Tafeln verzeichneten aktuell 1,65 Millionen Kunden, sagte Bundesverbandsvorsitzender Jochen Brühl der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstag). „Das sind 10 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.“

Besonders groß sei die Nachfrage älterer Menschen. „Die Zahl der Rentner unter den Tafekunden ist innerhalb eines Jahres um 20 Prozent auf 430.000 gestiegen.“ Noch höher sei die der Kinder und Jugendlichen.

Grundrente löst das Problem nicht

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Es koste viel Energie, Armut zu verstecken, sagte Brühl. Diese Kraft hätten ältere Menschen oftmals nicht mehr „und kommen dann zu uns“. Viele Tafeln hätten zudem spezielle Angebote für Ältere gestartet, etwa Seniorennachmittage. „Das senkt vielleicht die Hemmschwelle“, sagt Brühl, und sei auch ein Beitrag gegen Alterseinsamkeit.

Brühl geht nicht davon aus, dass die derzeit in der Bundespolitik diskutierte Grundrente Probleme grundsätzlich lösen wird. „Grundrente klingt so, als werde damit die Altersarmut in Deutschland abgeschafft. Das ist natürlich Quatsch.“

Fast jeder dritte Kunde ist unter 18

„Unter unseren Kunden sind auch 500.000 Kinder und Jugendliche“, ergänzte Brühl. Die Gesellschaft verdränge, unter welchen Bedingungen viele Menschen lebten. „Ich glaube zwar nicht, dass Menschen hierzulande hungern. Aber gerade ältere Menschen berichten uns, dass sie die Heizung im Winter nicht anstellen, weil sie Sorge haben, die Heizkostenabrechnung im Frühjahr nicht mehr bezahlen zu können.“

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Brühl rief die Bundesregierung dazu auf, die Arbeit der Tafeln mit ihren 60.000 ehrenamtlichen Helfern mehr zu unterstützen. „Eine institutionelle Förderung muss drin sein, damit wir verlässlich Lebensmittel retten und verteilen können. Das Geld will uns aber niemand geben. Stattdessen werden wir von der Politik mit Schulterklopfen abgespeist.“

Brühl warnte zudem davor, arme Menschen bei der Debatte um Lebensmittelpreise aus dem Blick zu verlieren. Einfach nur höhere Preise zu fordern sei zu einfach: „Das würde die Kundenzahl bei den Tafeln in die Höhe treiben.“

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Um Armut in der Gesellschaft dreht sich am heutigen Tag auch der SPD-Parteitag in Berlin. In der Sozialpolitik schlägt der Parteivorstand unter anderem vor, Hartz IV durch ein Bürgergeld abzulösen. Für Betroffene sollen Erleichterungen geschaffen werden – etwa beim Überprüfen von Vermögen und Wohnungsgröße sowie bei Sanktionen.

RND