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Anhaltender Unruhestand

Wolfgang Schäuble, Marieluise Beck, Wolfgang Thierse: Warum viele Spitzenpolitiker nicht aufhören können

Wolfgang Schäuble und Rita Süssmuth beim letzten CDU-Parteitag in Hannover.

Wolfgang Schäuble und Rita Süssmuth beim letzten CDU-Parteitag in Hannover.

Berlin. Manches mag unsicher sein im kommenden Herbst, klar aber ist: Der 79-jährige Wolfgang Schäuble steuert zielsicher auf zwei Jubiläen zu. Der Christdemokrat feiert in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag – so wie mehr als sechs Millionen Deutsche vor ihm. Ein Jubiläum wird Schäuble aber ganz für sich haben: die 50-jährige Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag, die im Dezember folgt. Das gab’s noch nie.

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Der ehemalige Bundesinnen- und ‑finanzminister, Unionsfraktionschef und Bundestagspräsident zitierte seine Frau in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ soeben mit den Worten: „Du kannst ja eh nicht aufhören.“ Nur: Damit ist Schäuble keineswegs allein. Viele alt gewordene Politiker hören nicht auf, politisch aktiv zu sein – ob mit oder ohne Amt. Vielleicht ist es auch umgekehrt: Sie werden alt, weil sie nicht aufhören.

Reise in die Ukraine

Rita Süssmuth (85), eine der Vorgängerinnen Schäubles an der Spitze des Bundestages, kämpft noch immer für Gleichberechtigung – so wie all die Jahre vorher. Bei besonderen Ereignissen sieht man sie auf der Tribüne des Parlaments sitzen, das vorerst letzte Mal neben ihrer CDU-Parteifreundin Angela Merkel, als der Sozialdemokrat Olaf Scholz zum Kanzler gewählt wurde.

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Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sagte Süssmuth anlässlich des Weltfrauentages am 8. März: „Frauen sind notwendiger denn je, um das weibliche Gesicht in allen Staaten der Welt wieder sichtbar zu machen. Wir geben nicht auf. Wir müssen die Welt in einen besseren Zustand führen.“ Denn der Krieg habe kein weibliches Gesicht, er gehe von Männern aus. Sie mahnte: „Schaffen wir eine Welt, in der Männer wie Putin nicht mehr das Sagen haben.“

Nimmermüde ist auch Marieluise Beck. Die einstige Bundestagsa­bgeordnete der Grünen hat nach dem Ausscheiden gemeinsam mit ihrem Mann Ralf Fücks (71) das Zen­trum Liberale Moderne gegründet. Heute engagiert sich die 70-Jährige für die Ukraine und präsentierte sich nach Kriegsbeginn vor der seinerzeit verwaisten deutschen Botschaft in Kiew; auch hier durfte ihr Mann nicht fehlen. Der Besuch in Kiew war neben anderem ein persönliches Zeichen: für ungebrochene Vitalität.

Becks ehemalige Fraktionskollegin Antje Vollmer (79) ist unterdessen Teil jener Bewegung geworden, die für Verhandlungen mit Russland eintritt und Waffenlieferungen an die Ukraine ablehnt. Dabei zieht sie erneut mit Sahra Wagenknecht an einem Strang, die bis 2018 die Linksfraktion im Bundestag anführte. Zuvor hatten beide die Sammlungsbewegung Aufstehen gegründet, die bald wieder einging, weil sich nur wenige sammeln wollten.

Zum Streit allzeit bereit

Im Reigen der agilen Alten darf – neben dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering (82), der später zeitweilig als Chef der Bundesarbeits­gemeinschaft der Senioren­organisationen amtierte – Wolfgang Thierse nicht fehlen. Der Sozialdemokrat aus Ost-Berlin wurde mit der Friedlichen Revolution in der DDR in die Politik katapultiert und bald der erste Parlamentspräsident aus den mittlerweile gar nicht mehr so neuen Ländern.

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Mit 78 geht er immer noch keinem Streit aus dem Weg. Bisweilen zettelt Thierse einen Streit an – egal ob es um das „Tanzverbot“ am Karfreitag oder das Benehmen zugezogener Berlinerinnen und Berliner vorzugsweise aus Schwaben in seinem Stadtteil Prenzlauer Berg geht. Ab und an sieht man ihn übrigens morgens noch ins Büro gehen oder mittags in der Kantine jenes Bundestages sitzen, den er 2013 verließ. Für den engagierten Katholiken, der quer durch die Republik zu Vorträgen eingeladen wird und die Einladungen gern annimmt, gilt jedenfalls wie für Schäuble: Aufzuhören ist schwierig.

Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des deutschen Bundestages, kommt am 21. September zur Veranstaltung „Ach, du liebes Deutsch“ ins Haus der OZ.

Wolfgang Thierse (SPD).

Ein ziemlich unbeachteter Marathonläufer der deutschen Politik ist Otto Wulff, Vorsitzender der Senioren-Union. Wulff, 1933 kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten geboren, trat 1953 in die CDU ein. Von 1969 bis 1990 war er Bundestags­abgeordneter und anschließend bei der Deutschen Bank beschäftigt. 2002, als Pensionär, wurde Wulff Chef der Unions-Senioren – und das nicht nur auf dem Papier. Einmal im Monat kommt er aus Schwerte im Westfälischen zu Sitzungen des CDU-Bundesvorstandes nach Berlin. Die Spitze der Senioren-Union tagt im Schnitt alle zwei Monate. Außerdem macht Wulff Wahlkampf, so jetzt vor der Landtagswahl in Niedersachsen. Am Telefon nennt der 89-Jährige nicht ohne Stolz die Orte der öffentlichen Veranstaltungen: Bad Pyrmont, Oldenburg, Vechta, Hannover. Gern verbündet er sich mit den Chefs der Jungen Union, ehedem mit Philipp Mißfelder, der im Jahr 2015 verstorben ist, später mit Paul Ziemiak und Tilman Kuban.

„Der Zweite Weltkrieg ist erst zu Ende, wenn die, die ihn erlebt haben, tot sind“, sagt Wulff. Er habe unabhängig davon aber „ein Interesse daran, dass das nicht noch einmal passiert“. Zugleich machen den CDU-Mann die aktuellen Debatten zornig. Als er Kind war, hätten Achtjährige um ein Stückchen Kohle gebettelt. „Heute erdreistet man sich zu sagen, die Welt ginge unter, wenn man einen Pullover mehr anziehen muss.“

Zeitung lesen hält frisch

Was ihn lebendig hält? Die sozialen Netzwerke lässt Wulff links liegen. „Das ist mir zu oberflächlich und wichtigtuerisch“, sagt er. „Da mache ich mich gar nicht erst groß mobil.“ Dann fährt er fort: „Ich lese sehr viel Zeitung. Das ist für mich die beste Informationsquelle, die wir haben. Die Besonnenheit kommt durch die Zeitung.“ Vor allem lese er gern Kommentare. „Ich erwische mich häufig dabei, dass ich in Kommentaren Dinge lese, über die ich noch nicht nachgedacht habe. Kluge Kommentare überzeugen mich immer.“ Das hat mit einer grundsätzlichen intellektuellen Neugierde zu tun, die Wulff in sich trägt und kultiviert. „Neugierde ist das i‑Tüpfelchen“, sagt er. Sie scheint wie Sauerstoff zu wirken.

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Sicher, Wolfgang Schäuble kennen viele, Otto Wulff kennen nicht so viele. Doch Wulff wird – wenn der Herrgott es will – im nächsten Jahr 90 und feiert im selben Jahr die 70-jährige Mitgliedschaft in der Christlich Demokratischen Union. Das muss ihm Schäuble, der einst Vorsitzender der Partei war, erst mal nachmachen.

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