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Joachim Gauck: “Die Mauer ist nicht einfach gefallen, sie wurde zum Einsturz gebracht”

  • An den Satz „Wir sind das Volk“ sollen sich nach seinem Willen auch künftige Generationen erinnern.
  • Alt-Bundespräsident Joachim Gauck war aktiv dabei, als sich 1989 die Ostdeutschen aus ihrer Ohnmacht befreiten.
  • Heute gilt sein Engagement Europa – weshalb er auch eine klare Empfehlung zur Europawahl hat.
Andreas Ebel
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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Welche Ihrer Träume aus der Wendezeit haben sich erfüllt?

Die Mehrzahl ist in Erfüllung gegangen. Der Wunsch nach Demokratie, freien Wahlen und Grundrechten, wozu auch zählt, frei zu reisen und ein Gewerbe zu eröffnen. Auch die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Justiz sind elementar. Denn in einer Diktatur ist das Recht immer bei der Macht.

Welche Ihrer Träume von Deutschland haben sich nicht erfüllt?

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Die Folgen der Massenarbeitslosigkeit haben wir damals so nicht erwartet. Aber es ist zu einfach, die Schuld für das Ende vieler DDR-Großbetriebe der damaligen Treuhandanstalt zu geben. Schuld an der maroden DDR-Wirtschaft waren weder die Arbeiter noch die Treuhand. Schuld war die Misswirtschaft der kommunistischen Diktatur. Es wird heute oft vergessen, dass die SED-Spitze genau wusste, wie pleite die DDR ist.

Eine Zeitreise in die Zukunft: Womit wollen Sie in 30 Jahren in Verbindung gebracht werden?

Für mein Gemüt ist der eigentliche Höhepunkt meines Weges die Phase im Jahre 1989, als wir aus der Ohnmacht herauskamen und durch unser eigenes Tun die Ängste beiseitegeschoben haben. Die Mauer ist ja nicht einfach gefallen. Sie wurde von Menschen zum Einsturz gebracht, die nach Jahrzehnten der Unterdrückung aufgestanden sind. Vor der Einheit kam die Freiheit. Deutsche können sich Freiheit erkämpfen. Dass sich auch künftige Generationen daran erinnern, dass wir gesagt haben „Wir sind das Volk“ – das wünsche ich mir schon.

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Schmerzt es Sie, wenn dieser Satz heute von Rechtspopulisten missbraucht wird?

Ja, sehr. Denn dieser Missbrauch stellt die Tatsachen auf den Kopf. 1989 haben wir uns gegen Diktatoren gewehrt. Heute werden wir regiert von Menschen, die wir frei gewählt haben. Aber es ist ja auch nur eine Minderheit, die so redet. Auch die Ostdeutschen wählen mehrheitlich Parteien der demokratischen Mitte. Auch wenn es mir selbst oft schwer fällt: Als Demokraten sollten wir mehr Gelassenheit an den Tag legen.

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Lesen Sie auch: Joachim Gauck: "Ich habe bis heute noch keinen Burger gegessen"

Was hätte damals kurz nach der Wende anders gemacht werden müssen?

Aus heutiger Sicht wäre seinerzeit vielleicht eine Sonderwirtschaftszone Ost sinnvoll gewesen. Wir hätten nicht alles den Marktkräften überlassen dürfen. Aber ich bleibe dabei: Die DDR war pleite. Die SED wusste das. Die Probleme in Ostdeutschland sind nicht von denen verursacht worden, die den Aufbau Ost begonnen haben. Wir sollten Ursache und Wirkung nicht verwechseln.

Kleinstarbeit: Der Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Joachim Gauck (l.), sorgte zu DDR-Zeiten dafür, dass „vorvernichtete“ Stasi-Akten durch Menschen wie Bernhard Dossel wieder hergestellt wurden.

Wie lange dauert es, bis die Einheit materiell und in den Köpfen und Herzen der Menschen vollendet ist?

So lange noch, wie die Menschen in der Diktatur gelebt haben, vielleicht sogar länger, weil oftmals Haltungen und Sichtweisen der nächsten Generation mitgegeben werden. In 20 Jahren sollten wir es geschafft haben. Bei der Chancengerechtigkeit gibt es noch viel zu tun. Aber insgesamt ist das Land heute wirtschaftlich in einer viel besseren Verfassung, als ich damals je erwartet hätte. Ich hätte gedacht, dass uns das Problem der Arbeitslosigkeit länger und massiver begleiten würde.

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Und trotzdem fühlen sich viele abgehängt ...

Ja, das ist so. Das wird sich möglicherweise auch nicht ganz ausgleichen lassen. Ich frage mich oft, ob wir neben dem strukturschwachen Vorpommern genauso auf die Eifel oder ins Ruhrgebiet schauen. Durch Förderungsmaßnahmen müssten auch dort wirtschaftliche Kerngebiete geschaffen werden, wie es seinerzeit in Mitteldeutschland gemacht wurde. Besonders wichtig ist, dass die Bildung der Kinder unterstützt wird, damit gute Bildung nicht Sache der Wohlhabenden wird.

Nach den Ereignissen in Chemnitz konnte man das Gefühl gewinnen, dass Ost und West wieder weiter auseinanderdriften.

Es gibt diese Phänomene. Doch die Mehrheit der Ostdeutschen hat das abgelegt. Eine Minderheit im Osten ist allerdings leichter verführbar für Schwarz-Weiß-Rhetoriken und neigt dazu, autoritären Führungsgestalten mit vermeintlich einfachen Lösungen zu folgen. Menschen sind Menschen. Viele haben Vorurteile, wollen sich schnell ihr Bild machen.

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... dass Bruce Springsteen noch zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin auftrat? Die SED hielt den „Boss“ für antikapitalistisch genug, um ihn in der Radrennbahn Weißensee mit seiner E-Street-Band spielen zu lassen. 200 000 Zuschauer kamen 16 Monate vor dem Mauerfall zu diesem für viele unvergesslichen Konzert. Ab und an wird behauptet, dieser Auftritt habe geholfen, die Mauer einzureißen. Doch mit dem Ende der deutsch-deutschen Teilung wird musikalisch weniger Springsteen in Verbindung gebracht als Westernhagens „Freiheit“ und David Hasselhoffs „Looking for Freedom“.  @ Quelle: J.P.Gandul/EFE/dpa
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Welches Signal erhoffen Sie sich nach der Europawahl?

Wir sind in Europa gerade nicht in der Aufbruchphase. Viele Bürger wünschen sich Sicherheit, Überschaubarkeit und Beheimatung. Es wäre fatal, wenn Europa mit dem Gefühl von Entgrenzung oder Entheimatung verbunden würde. Das darf uns nicht passieren. Der Brexit ist ein starkes Signal.

Was meinen Sie damit konkret?

Vielleicht braucht es manchmal Phasen begrenzter Geschwindigkeiten, damit ein größerer Teil der europäischen Bevölkerungen der EU weiter positiv verbunden bleibt. Aber generell bleibt es dabei: Wir brauchen Europa, wenn wir im 21. Jahrhundert nicht Spielball der anderen Weltmächte sein wollen. China wartet nur auf unsere Schwäche. Unsere Stimme wird nur gehört werden, wenn es eine europäische ist. Ich möchte alle Menschen, die den Segen eines vereinigten Europas erkannt haben, auffordern, zur Wahl zu gehen und Parteien zu wählen, die sich klar zu Europa bekennen.

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30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"
2:34 min
In diesem Jahr jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal. Am 9. November 1989 wurde Berlin wieder eins.  © Andreas Ebel/RND

Mehr aus der Serie „Mein Traum von Deutschland“? Klicken Sie hier.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.