Als gäbe es Corona nicht: Kreuzberg begeht seinen 1. Mai

  • Mehrere Tausend Menschen demonstrieren am Abend in Kreuzberg.
  • Auf Abstand achtet niemand mehr beim Hase-und-Igel-Spiel mit der Polizei.
  • Als hätte es Corona nie gegeben – die Slogans sind die alten, die Feindbilder auch.
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Berlin. An der Bushaltestelle an der Ohlauer Straße in Berlin-Kreuzberg lehnt ein junger Mann mit Kapuzenshirt und Tuch vorm Gesicht an seinem Mountainbike. Unter dem Mundschutz gibt er eine Lageeinschätzung durch, deren Sprache nicht zu seinem Outfit passt: “Ein geschlossener Block, Stärke Sechs-Null-Null, Schluss Paul-Lincke-Ufer.” Gerade ist eine spontane Demonstration von mehreren Hundert meist schwarz gekleideten und jungen Menschen aus Kreuzberg Richtung Neukölln aufgebrochen. Ein Dutzend Polizeiwagen folgt ihnen, andere Mannschaftswagen sperren die Kanalbrücken.

Der junge Kundschafter steigt auf sein Rad und fährt weiter. Die Demonstranten vereinigen sich auf dem Kottbusser Damm zu einer unangemeldeten Demonstration von mehreren Tausend Menschen. Es sieht fast aus wie in den vergangenen Jahren, in der Ära vor Corona. Niemand hält mehr Abstand und auch die Slogans sind dieselben: “A-, A-, Anticapitalista” und “BRD, Bullenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt”. In der Luft steht der Hubschrauber. Alles kann der Kundschafter am Boden ja auch nicht sehen.

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Demos gegen Corona-Regeln: RND-Videoschalte aus Berlin
5:08 min
In Berlin-Mitte geht ein schräges Bündnis gegen die Corona-Einschränkungen auf die Straße, in Kreuzberg will sich die Linke den 1. Mai nicht nehmen lassen.  © Jan Sternberg/RND

Die Stimmung ist aufgeheizt, Böller knallen, Feuerwerk fliegt in den Himmel. Je später der Abend wird, desto mehr Flaschen fliegen. Dazwischen: Partypublikum, ohne Mundschutz und dicht gedrängt. Traditionell zieht am 1. Mai um 18 Uhr die “Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration” durch den Kiez – unter Corona-Bedingungen wollten die Demonstranten eigentlich kleine Aktionen starten.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat 5000 Polizisten aufgeboten und ärgert sich über die Massen. “Das ist die geballte Unvernunft”, sagt er im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

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Von den “dezentralen Aktionen mit Gesundheitsabstand”, die die Autonomen im Vorfeld angekündigt haben, ist nichts zu sehen. Und viele Berliner Polizisten tragen keinen Mundschutz, im Gegensatz zu den Autonomen, die sich dieses Jahr legal vermummen dürfen.

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Die Linken sind nicht die Einzigen, die an diesem 1. Mai demonstrieren. Schon am Mittag sperren Einsatzhundertschaften aus mehreren Bundesländern den Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Berlin-Mitte weiträumig ab. Hunderte Gegner der verordneten Corona-Schutzmaßnahmen wollen hier erneut unangemeldet demonstrieren. Als sich am Nachmittag immer mehr Menschen um die Absperrungen drängen, fordert die Polizei sie mit Lautsprecherdurchsagen dazu auf, sich zu entfernen.

Bis zum frühen Abend blieb es ruhig im Kiez. Vom Abstand aber war schon am Nachmittag kaum etwas zu sehen. Nicht bei den Polizeibeamten, die dicht gedrängt in den Mannschaftstransportern und an den Straßenecken standen; nicht bei den Kreuzbergern, die am Feiertag die Parks bevölkerten, vor den wenigen geöffneten Geschäften anstanden und von denen sicher einige gespannt darauf warteten, was später noch geschehen würde. Vereinzelt waren Transparente zu sehen, die etwa zur Evakuierung der griechischen Flüchtlingslager aufforderten.

Das Straßenfest “Myfest” in der Oranienstraße war abgesagt, also zog man einfach so durch den Kiez.

Nicht nur in Berlin gab es linke Demonstrationen. In Leipzig mobilisierte die linke Szene mehrere Hundert Teilnehmer unter dem Slogan “Nicht auf unserem Rücken”. Auf einem Transparent war zu lesen: “Corona trifft uns alle … unterschiedlich stark. Für ein Ende des Kapitalismus – für ein gutes Leben für alle.”

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Die Demonstranten waren mit Mundschutz “vermummt”. Das Ordnungsamt habe dem spontan zugestimmt, sagte eine Polizeisprecherin.

RND


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