• Startseite
  • Politik
  • Als Austauschschüler in den USA: “Gibt es eigentlich Schwarze in Deutschland?”

Als Austauschschüler in den USA: “Gibt es eigentlich Schwarze in Deutschland?”

  • Rassismus und Polizeigewalt in den USA schockieren die Menschen weltweit.
  • Unser Autor lebte für ein Jahr als Austauschsschüler in South Carolina und hat die strukturelle Diskriminierung von Schwarzen schon vor Jahren mitbekommen.
  • Die aktuellen Proteste hält er für lange überfällig. Ein Erfahrungsbericht.
|
Anzeige
Anzeige

Es ist eine scheinbar unschuldige Frage, die mir auch acht Jahre später nicht aus dem Kopf geht: “Gibt es eigentlich Schwarze in Deutschland?” Gestellt hat sie mir ein weißer Schulfreund während meines Austauschjahres 2012 an einer US-amerikanischen Highschool in South Carolina, einem kleinen erzkonservativen Bundesstaat an der Ostküste - republikanisches Kernland.

Die Frage sagt viel aus über Unwissenheit und eine vorwiegend weiße Selbstwahrnehmung in einer Zeit vor den Massenprotesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, die die USA aktuell in Atem halten.

Die anhaltenden Unruhen in den Vereinigten Staaten überraschen mich nicht. Schon damals vor acht Jahren, als gerade der Präsidentschaftswahlkampf zwischen dem schwarzen Amtsinhaber Barack Obama und dem herausfordernden Republikaner Mitt Romney in vollem Gange war, war der Rassismus allgegenwärtig: egal ob in der Schule, unter Freunden oder im politischen System.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige
Video
Protestler berichten: „Ich will Gerechtigkeit, Frieden und Veränderung“
2:29 min
An vielen Orten der Welt gehen die Menschen derzeit auf die Straße, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren.  © Maximilian Arnhold/Reuters
Anzeige

"Gibt es denn eigentlich Schwarze in Deutschland?”

Ich weiß noch genau, wie schockiert ich war, als ich beim ersten Betreten der neuen Schule im Anmeldebogen ein Kreuzchen für Rasse bei “white” machen musste - zu demografischen Zwecken, angeblich. Das schicke Bild des “Melting Pots", der USA als Schmelztiegel der bunten Vielfalt, in dem alle friedlich zusammenleben - ganz gleich von ihrer Herkunft, Religion oder eben Hautfarbe - war gleich zu Beginn geplatzt.

Anzeige

In Wirklichkeit gleicht es ohnehin eher der “salad bowl”, dem Nebeneinander verschiedener Bevölkerungsteile wie in einer Salatschüssel. Aber das hatte man mir im Englischunterricht zuvor auch schon beigebracht. Vermutlich wollte ich es nicht hören.

Kaum Kontakt mit Schwarzen

Vermutlich muss man es selbst erleben: Schwarze, Hispanics und auch Menschen mit asiatischem Hintergrund kommen nämlich bei weitem nicht überall in der Gesellschaft gleich vor. Auf den Fluren und in der Pause standen - wie in schlechten amerikanischen Highschool-Filmen - alle meist unter sich; aber ich meine nicht die Footballer, Cheerleader und Nerds, sondern Leute verschiedener Hautfarben.

Anzeige

In meiner Chor-Klasse von 25 Menschen, ein sehr anspruchsvoller Kreis, für den man sich lange bewerben musste, waren es genau drei Nicht-Weiße. Der einzige schwarze Junge war “the athletic guy”, der dynamische Vortänzer. Acht hätten es sein müssen, wenn die Zusammensetzung dem durchschnittlichen Anteil in der Bevölkerung entsprochen hätte.

Video
RND-Reporter im Zentrum der Proteste: "Eine mächtige Bewegung"
2:03 min
In Washington gehen die Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in die nächste Runde. RND-Korrespondent Karl Doemens berichtet aus der US-Hauptstadt.  © Maximilian Arnhold/RND

Von den gut fünf Millionen Menschen, die in South Carolina leben, sind gut 67 Prozent weiß, rund 23 Prozent haben einen afroamerikanischen Hintergrund. Schwarze Freunde hatte ich aber so gut wie keine. Es gab sie schlicht kaum in meinen Kursen oder Hobbies, meine Gastfamilien waren ebenso weiß wie die “neighborhoods”, in denen ich gelebt habe.

Eine Durchmischung fand kaum statt - und das hat nach wie vor auch mit Chancengleichheit zu tun: Afroamerikaner waren schon 2012 ärmer, kränker und bildungsferner als die weiße Mehrheit der Bevölkerung.

Schockiert vom tiefen Hass gegen Obama

Und dann war 2012 auch noch Wahlkampf, eine Zeit vor Trump, in der Rassismus und Diskriminierung an höchster Stelle besiegt zu sein schienen. Vollkommen schockiert war ich von dem tiefen Hass, der Barack Obama als erstem schwarzen Präsident entgegenschlug - auch und gerade wegen seiner Hautfarbe. Ich erinnere mich, wie die Großmutter am Tisch meiner ersten Gastfamilie immer wieder die Farbe seiner Haut zum Thema machte, als wäre das allein schuld daran, dass sie mit Obamas Politik unzufrieden war.

Anzeige

Menschen fuhren mit Anti-Obama Sticker am Auto durch die Gegend, und einmal hörte ich jemanden in der Schule sagen: “I’m gonna kill that n*****”, frei übersetzt: “den N**** bring ich um”. Aber das war ja nur Spaß.

Video
Obamas Dank an die junge Generation
1:08 min
Der ehemalige US-Präsident sich bedankte in einem Livestream bei den jungen Demonstrierenden, die in seinen Augen schon so viel bewirkt haben.  © Maximilian Arnhold/Reuters

Dass Obama die Wiederwahl gewonnen hat? Geschenkt. Rassismus und strukturelle Benachteiligung gab es jedenfalls schon damals an allen Ecken. Und es gibt sie heute. Nur haben die USA jetzt keinen Präsidenten mehr, der sich auch für Vielfalt und Gleichberechtigung einsetzt. Niemanden der seinen afroamerikanischen Landsleuten zuruft: “Ich möchte, dass du weißt, dass du wichtig bist”, wie es Obama jüngst getan hat. Jetzt hält ein unfähiger Narzisst das Land in Atem und tritt amerikanische Werte mit Füßen, indem er mit Waffengewalt bei Protesten droht und Demonstranten aus dem Weg räumt, um mit Bibeln zu posieren.

Natürlich steht South Carolina nicht stellvertretend für ganz Amerika. Und auch in South Carolina treten Menschen Rassismus entgegen, wann und wo immer sie können. Während meines Austauschs durfte ich einige der weltoffensten und liebenswürdigsten Menschen kennenlernen, die heute unter Rassismus, Gewalt, dem schlechten Bildungssystem und den ewigen Hasstiraden des Präsidenten mehr leiden denn je.

Was ich meinem Kumpel übrigens damals auf seine Frage geantwortet habe? “Ja, selbstverständlich gibt es Schwarze in Deutschland.” Heute würde ich ihn zurückfragen, wie man denn darauf kommt, es gäbe People of Color irgendwo auf der Welt nicht. Ich hoffe, dass die USA dieses Selbstverständnis auch endlich für sich übernehmen - und ihre Bürger so behandeln. Und wenn die es sich erkämpfen müssen.

Anmerkung: Als junger weißer Mann aus Deutschland habe ich strukturellen Rassismus zwar erlebt - aber sicher nicht als Opfer, auch nicht als Täter. Ich wähne mich in der komfortablen Lage des Beobachters; überhaupt in einer privilegierten Lage, den Austausch machen zu können, aber das ist eine andere Geschichte.


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen