• Startseite
  • Politik
  • #allesdichtmachen-Initiatoren rechtfertigen ihren Vorstoß: „Hohles Pathos“ bekämpfen

#allesdichtmachen-Initiatoren rechtfertigen ihren Vorstoß: „Hohles Pathos“ bekämpfen

  • Die Schauspielervideos von #allesdichtmachen treffen bei Branchenkollegen auf heftige Kritik.
  • Auch Sympathisanten klagen: „Die Aktion kommt viel zu spät.“
  • Initiator Dietrich Brüggemann beschimpft Kritiker als „Lynchmob“ und erklärt seine Beweggründe.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Heike Makatsch kauert in einer kargen Wohnung auf einem Ledersofa. „Hallo, ich bin Heike Makatsch“, sagt sie, „ich bin Schauspielerin.“ Es klingelt an der Tür. „Es hat geklingelt“, sagt sie sanft. „Aber ich mach‘ nicht auf. Weil ich Verantwortung übernehme für dieses Land.“ Es mache ihr große Sorgen, sagt sie ironisch, „dass es da draußen egoistische Leute gibt, die aufmachen wollen. Gerade jetzt, wo es besonders wichtig ist, dass wir alle nicht aufmachen“.

Schon klar, was Makatsch meint: Sie rümpft sarkastisch die Nase über all jene, denen ein Lockern des Lockdowns Sorge bereitet. Ihr Clip war eines von mehr als 50 Videos, mit denen ein Teil von Deutschlands Schauspielelite seit Donnerstagabend das Land irritiert.

„Alles dichtmachen“ heißt die Aktion. Es ist der Versuch, mit den Mitteln der Kunst die Verhältnismäßigkeit der Anti-Corona-Maßnahmen zu hinterfragen. Soweit die gute Absicht. Das Problem: Im Ergebnis ist es vor allem ein Triumph für die Szene der „Querdenker“. Und das wussten die Initiatorinnen und Initiatoren von Anfang an.

Anzeige
Video
#allesdichtmachen – Wie 53 Schauspieler die Corona-Politik in Deutschland kritisieren
1:33 min
Die mehr als 50 Promis, die in ironischen Clips mit der Corona-Politik abrechneten, lösten eine große Diskussionswelle im Internet aus.  © RND

Der Münchner Regisseur und Produzent Bernd Wunder, auf dessen Namen die Website zur Aktion läuft, sagt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass man mit Beifall aus „Querdenker“- und AfD-Kreisen durchaus gerechnet hat. „Mehr als distanzieren können wir uns nicht“, sagt er.

Und dann fällt ein Satz, der in seiner Schlichtheit all diese Distanz wieder entwertet: „Man kann ja heute keine Kritik mehr äußern, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden“, sagt Wunder. Einen anderen Weg habe man nicht gesehen.

Anzeige

Der Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann hat die meisten der einmütigen Filme gedreht. Er holt auf Twitter zum Gegenangriff gegen die Kritiker aus: „Ihr seid ein Lynchmob“, schimpft er. Die Videos sollten das „hohle Pathos durch den Kakao ziehen, mit dem wir uns seit einem Jahr konfrontiert sehen“.

Mitgemacht haben nicht irgendwelche Gernegroße auf Rampenlichtsuche. Es sind Stars der Zunft darunter, wie Jan Josef Liefers, Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Ulrich Tukur, Heike Makatsch, Meret Becker und Volker Bruch. Tukur fordert sarkastisch die Schließung aller Lebensmittelgeschäfte. Becker trägt von einem XXL-Zettel einen ironischen Text über Masken vor. Richy Müller atmet panisch in Papiertüten.

Ein populärer Irrtum

„Tatort“-Star Liefers ventiliert die Mär von den gleichgeschalteten Mainstreammedien, die während der Corona-Zeit nur Einseitiges angeboten hätten. „Habt ihr euch rundherum gut informiert gefühlt?“, raunt er. Gleich mehrere unterfüttern munter den populären Irrtum, es sei unmöglich in diesem Land, eine konträre Meinung zu äußern.

Prompt ertönt Jubel und Applaus von ganz rechts. „In Deutschland gibt es tatsächlich noch regierungskritische Satire“, staunt „Tichys Einblick“. Der nach rechts außen geratene frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen (CDU), nannte die Aktion „großartig“. Applaus kommt von den AfD-Größen Alexander Gauland und Jörg Meuthen. Die mögliche AfD-Spitzenkandidatin Joana Cotar freute sich über den „intelligenten Protest“.

Anzeige

Nur ein bisschen kokeln?

In der übrigen Kulturszene stieß die Aktion flächendeckend auf Ablehnung. Schauspieler Christian Ulmen fühlte sich an den rechten Verschwörungserzähler Ken Jebsen erinnert. Der „hätte es nicht schöner sagen können“. „Make cynicism great again? Oder wie?“, fragte auch Nora Tschirner bei Instagram.

„Wird’s schon boring im Brandenburger Landhaus? Jetzt doch mal rauswagen und ‘n büschn kokeln, weil man sich sonst um die eigene Gefühlsverwaltung kümmern müsste? Unfuckingfassbar.“

„Zynismus ist Teil der Kunst“, kontert Initiator Bernd Wunder, der von einer monatelangen Findungsphase eines harten Kerns der Aktion spricht. Am Ende war der Druck anscheinend so groß, dass man einfach rausgehen musste. Die Aktion sei als „einmaliges, künstlerisches Statement“ gedacht gewesen, Fortsetzungen seien nicht geplant. Die Wucht der Kritik habe Wunder und seine Mitstreiter überrascht. „Wir haben mit Gegenwind gerechnet, aber es ist ein Sturm geworden“, sagt er.

„Alles in allem eine wirklich wunderbare Aktion, die zeigt, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, wenn es um Eitelkeiten und Egoismen der beteiligten ,Mimen‘ geht“, schrieb Schriftsteller Saša Stanišić, auch er mit bitterer Ironie. Denn die meisten Akteure gehören zu den bestbezahlten und auch in Corona-Zeiten gut beschäftigten Stars der Branche.

Schauspieler Michael Gerlinger findet: „Die Aktion kommt viel zu spät.“ © Quelle: Jan Sternberg
Anzeige

Michael Gerlinger gehört nicht zu diesen Stars. Der Potsdamer Schauspieler und Musiker musste im Gegensatz zu Liefers und Co., die über ihre Film- und Fernsehengagements auch während der Pandemie im Geschäft blieben, das Jahr 2020 komplett abschreiben. 2021 sieht bisher kaum besser aus. „Ich drucke seit einem Jahr Plakate für Veranstaltungen, die dann doch nicht stattfinden“, klagt er. „Trotz meines Durchhaltevermögens spüre ich immer stärker das Gift der Resignation.“

Einen ernsthaften Aufschrei der Branchenpromis, ein Zeichen der Solidarität hätte er sich spätestens zum zweiten Kulturlockdown im November gewünscht. „Die Aktion kommt viel zu spät“, sagt Gerlinger deshalb. Er plant jetzt mit einem Open-Air-Auftritt im Mai. Doch auch Shows unter freiem Himmel sind jetzt unter der Bundesnotbremse verboten.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) kämpft seit Beginn der Pandemie für die Kultur. Die Schauspielervideos der Aktion #allesdichtmachen lehnt er dennoch ab. „Bei allem Frust kann Zynismus nicht die richtige Haltung sein. Es braucht dialektische Zuversicht: Jetzt klar und wirklich konsequent gegen die Ausbreitung des Virus handeln, damit eine klare Perspektive für den Neustart der Kultur entsteht. So muss das gehen“, sagt er dem RND.

Der heftige Gegenwind scheint manchen Teilnehmer der Aktion irritiert zu haben. Gleich mehrere Videos sind auf dem Youtube-Kanal #allesdichtmachen nicht mehr zu finden, darunter das von Heike Makatsch. Sie distanzierte sich nach wenigen Stunden von der Aktion: „Sollte ich rechten Demagogen in die Hände gespielt haben, so bereue ich das zutiefst.“

Meret Becker und Ken Duken machen ebenfalls einen Rückzieher. Die Aktion sei „gründlich in die Hose gegangen“.

Grünen-Chef Robert Habeck, selbst einst Theaterautor, bewertet die Aktion kritisch. „Natürlich braucht es Raum für eine kritische und streitbare Debatte über etwas, das so tief in unser aller Leben und unser aller Freiheit eingreift“, sagte er dem RND. „Nach mehr als einem Jahr Pandemie sind viele Menschen erschöpft, zermürbt, einfach auf. Und dass gerade in der Kulturbranche, die als erstes schließen und als letztes öffnen wird, die Verzweiflung groß ist, ist nur nachvollziehbar. Allerdings erscheint mir die Kampagne in ihrer Pauschalität und ihrer krassen Zuspitzung unangemessen.“

Habeck schließt mit der Forderung: „Wir sollten uns klarmachen, dass Kultur nicht irgendein Anhängsel ist, sondern Grundstoff einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft ist. Und dass sie fehlt – in live und in echt.“

Vermutlich haben Brüggemann, Liefers und die anderen befürchtet, dass das wirklich infrage steht. Und dass ihr Applaus nicht zurückkommt.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen