Alles China, oder was?

  • Das Coronavirus schlägt in Europa schlimmer zu als je zuvor. Zumindest was die nackten Infektionszahlen angeht.
  • In China dagegen, dem Ursprung des Virus, scheint es Covid-19 quasi nicht mehr zu geben. Aber kann das stimmen?
  • Und wenn ja, wie hat das bevölkerungs­reichste Land der Welt diesen Umschwung geschafft? Ein Blick ins Reich der Mitte.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

braucht es mehr China, um das Coronavirus zu besiegen? Mehr von den Methoden und Mitteln, die das bevölkerungsreichste Land der Welt auffährt, um die Infektionszahlen im Keller zu halten? Gerade wurden beispielsweise in der Stadt Qingdao mal eben neun Millionen Menschen wegen zwölf bestätigter Covid-Fälle getestet.

Mehr China? Das klingt für uns Mitteleuropäer abschreckend. Totale Überwachung? Nein, danke!

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Dennoch lohnt ein Blick auf das Land, in dem das Virus seinen Anfang nahm, als es in der Stadt Wuhan zu wüten begann und von dort die ganze Welt teilweise lahmlegte und bis heute stark einschränkt. Allein die australische Stadt Melbourne war zuletzt etwa 100 Tage von einem harten Lockdown betroffen, erst jetzt gibt es wieder gewisse Lockerungen.

In China dagegen scheint längst wieder alles gut zu sein. Sofern man dem dortigen Propaganda­apparat glauben kann. Kaum Neuinfektionen, keine Hotspots. Seit über zwei Monaten haben die Gesundheits­behörden in Peking keine lokale Infektion mehr registriert. Auch landesweit zählt die Regierung nur noch wenige Fälle im zweistelligen Bereich pro Tag, wobei das absolute Gros unter „importierte Fälle“ aus dem Ausland verbucht wird. De facto ist China, ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen, derzeit fast virusfrei. Aus deutscher Sicht mag dies geradezu surreal erscheinen: Ausgerechnet am Ground Zero von Corona, das ja zuallererst in der chinesischen Stadt Wuhan gewütet hat, soll der Krankheitserreger nun ausradiert sein?

Wie haben die Chinesen das geschafft, fragt sich nicht nur unser Asien­korrespondent Fabian Kretschmer in seiner China-Corona-Analyse.

Ein Teil der Wahrheit: Bewohner ganzer Provinzen wurden über Wochen wortwörtlich in ihre Wohnungen weggesperrt und von Nachbarschafts­komitees mit Lebensmitteln versorgt. Auch in Gegenden, die nur marginal von der Pandemie betroffen waren, schränkten die Behörden die Bewegungs­freiheit tiefgreifend ein. Wer auch nur in die nächst­gelegene Stadt reiste, musste im Frühjahr in eine 14-tägige Quarantäne – und zwar in einem staatlich zugewiesenen Zimmer, welches rund um die Uhr überwacht wurde.

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Von der in China üblichen Überwachung ganz zu schweigen.

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Davon sind wir in Deutschland, zum Glück, weit entfernt. Die Wahrheit ist aber auch: Die Infektions­zahlen haben ein tägliches Niveau erreicht, das Sorge bereitet. Reichen die Maßnahmen der Politik? Reichen die Appelle, wie der Aufruf von Kanzlerin Angela Merkel? „Treffen Sie sich mit deutlich weniger Menschen, ob außerhalb oder zu Hause“, so Merkel. „Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist, auf jede Feier, die nicht wirklich zwingend notwendig ist.“

Steven Geyer, der stellvertretende Leiter des RND-Büros in Berlin, sieht den Merkel-Appell als letzte Warnung der Kanzlerin an die Deutschen, selbst noch etwas gegen striktere Einschränkungen tun zu können – und dafür zu sorgen, dass Weihnachten in einem einigermaßen gewohnten Rahmen stattfinden kann.

In seinem Leitartikel schreibt Steven Geyer aber auch: „Mit Eigen­verantwortung allein ist keine Krise abzuwenden. Dafür fehlen dem Einzelnen die Informationen zum aktuellen Stand der Forschung, die Muße und der Durchblick. Vorausschauend zu planen ist Aufgabe der Politik. Wer jetzt zu kleine Dämme baut, dem gerät in ein paar Wochen alles außer Kontrolle.“

Eine Forderung, die in diesen Tagen immer lauter wird, ist die nach deutschlandweit einheitlichen Corona-Maßnahmen. Steven Geyer hat sich nach Merkels Appell im politischen Berlin umgehört – und genau diese Forderung mehrfach gehört.

Klar ist: Jetzt kommt es auf alle an. Auf Politik und Bürger. Gemeinsam gegen Corona. Und für ein Weihnachten wie wir es kennen.

Die Zahl des Tages

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1.446.000.000.000 Euro

hat die Corona-Krise den deutschen Finanzhaushalt bisher gekostet. Das geht aus einer Anfrage der Linksfraktion im Bundestag an die Regierung hervor. „Wer bezahlt die 1,4-Billionen-Euro-Corona-Rechnung? Das ist eine zentrale politische Frage der kommenden Monate“, sagt der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Zitat des Tages

Wenn ich mit 20 oder 30 Jahren in dieser Verfassung gewesen wäre, hätte mich niemand gestoppt, aber sie stoppen mich auch jetzt nicht.

Der 39 Jahre alte schwedische Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic nach seinen beiden Toren zum 2:1 für den AC Mailand am Samstagabend im Stadtderby gegen Inter

Leseempfehlungen

  • Mit ihren Zaubertricks faszinieren die Ehrlich Brothers Massen. Damit gehören sie zu den wenigen Magiern, denen das gelingt. RND-Redakteurin Hannah Scheiwe hat sie in ihrer Zauber­werkstatt im ostwestfälischen Bünde besucht und mit ihnen darüber gesprochen, woran das ihrer Meinung nach liegt, und über das Zaubern als Hauptberuf. Einen kleinen Trick haben die Brüder ihr dann auch noch gezeigt – und mal eben einen Fünf-Euro-Schein in einen Fünfziger verwandelt.
  • Ein Flyer zwischen Fakten und Fake News: In deutschen Briefkästen finden sich zurzeit Flyer einer Gruppe von rund 700 Medizinern. Sie sollen vor der Gefahr einer vermeintlichen „Zwangs­impfung“ gegen das Coronavirus warnen. Ein ehemaliger Professor des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf kommt im Schreiben mit fragwürdigen Argumenten zu Wort. Hierbei soll vor allem Angst geschürt werde, von „80.000 Toten“ ist die Rede. Vanessa Casper und Ben Kendal berichten und ordnen ein.
  • Geld anlegen kann man in Gold, Aktien oder Immobilien, schon seit zwei Jahrzehnten aber auch in seinen Lieblingsfußballverein. Immer wieder greifen Fußball­klubs dazu – jedoch eher als letztes Mittel. Doch bringen Fananleihen tatsächlich Geld? RND-Autor Christoph Scherbaum über die Welt zwischen Fantreue und Finanzinvest.
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Die Termine des Tages

Wegen der verschärften Corona-Lage sind von Montag an wieder bundesweit telefonische Krank­schreibungen bei Erkältungs­beschwerden möglich. Die Regelung gilt vorerst bis zum Jahresende – das hatte der Gemeinsame Bundes­ausschuss im Gesundheits­wesen am Donnerstag beschlossen.

Nach fünf Jahren Bauzeit und zwei Termin­verschiebungen ist es so weit: Das neue Jüdische Museum in Frankfurt öffnet seine Türen. Bei einer Pressekonferenz am Montag (11 Uhr) wird Einblick gegeben in die neue Dauerausstellung, die unter dem Motto „Wir sind Jetzt“ steht. Zudem wird der Museums­komplex vorgestellt.

Die EU-Landwirtschafts­minister verhandeln am Montag (10 Uhr) in Luxemburg über die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der kommenden Jahre. Ziel der deutschen EU-Rats­präsidentschaft ist es, am zweiten Tag des Minister­treffens – also am Dienstag – eine Einigung zustande zu bringen. Auch das Europa­parlament will sich in dieser Woche auf eine Linie festlegen, sodass beide Seiten anschließend Verhandlungen miteinander aufnehmen könnten.

Wer heute wichtig wird

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Montag doppelt gefordert. Zum einen spricht sie bei der Asien-Pazifik-Konferenz, die dieses Mal digital stattfindet. Außerdem steht der zwölfte Integrationsgipfel bei der Kanzlerin an. Dabei sind unter anderem die Integrations­staats­ministerin Annette Widmann-Mauz, Bundes­bildungs­ministerin Anja Karliczek, Arbeitsminister Hubertus Heil, Bundes­familien­ministerin Franziska Giffey sowie rund 130 Vertretern von Migranten­organisationen, Religions­gemeinschaften sowie aus Wirtschaft, Politik und Sport. © Quelle: Kenzo Tribouillard/AFP Pool/AP/d

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

aus dem RND-Newsroom: Ihr Markus Merz

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