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Alba-Chef Axel Schweitzer: Deutschlands Vorreiterrolle beim Recycling ist weg

  • Die Deutschen fühlen sich gerne als Recycling-Weltmeister.
  • Zu Unrecht, findet der Vorstandsvorsitzende des Berliner Recycling-Unternehmens Alba, Axel Schweitzer.
  • Deutschland habe seine Ansprüche beim Recycling in den letzten Jahren zurückgefahren, kritisiert er im RND-Interview.
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Berlin. Herr Schweitzer, die Deutschen fühlen sich als Recycling-Weltmeister. Stimmt dieses Selbstbild eigentlich?

Deutschland hat das Thema Recycling früher als andere Länder entdeckt und vorangetrieben. Das geht zurück bis in die 70er- und 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wir waren Vorreiter bei der Wiederverwendung von Ressourcen und weltweit führend. Das ist inzwischen vorbei.

Weil die anderen aufgeholt haben?

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Ja. Zur Wahrheit gehört aber auch: Deutschland hat seine Ansprüche beim Recycling zurückgefahren – vor allem beim Recycling von Kunststoffen. Mit dem neuen Verpackungsgesetz ist endlich wieder neuer Schwung hereingekommen, dank neuer ambitionierter Verwertungsquoten.

Wer trägt dafür die Verantwortung?

Wir alle – die gesamte Gesellschaft. Recycling kann man nur gemeinsam voranbringen: Die Politik muss den gesetzlichen Rahmen schaffen, Produzenten und Handel müssen wiederverwertbare Verpackungen einsetzen, Verbraucher ihren Abfall trennen, Betreiber von Sortieranlagen die vorgeschriebenen Verwertungsquoten erfüllen und der Staat muss diese kontrollieren. Gerade bei der Kontrolle hapert es häufig. Beim Recycling hat Deutschland ein Vollzugsproblem.

Dr. Axel Schweitzer, Vorstandsvorsitzender des Berliner Recycling-Unternehmens Alba. © Quelle: Alba
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Sie wollen strenger kontrolliert werden?

Ja. Wenn Sie ein Tempolimit ohne Kontrollen einführen, werden sich nicht alle Autofahrer daran halten. Das ist in der Recycling-Industrie nicht anders. Von dem Abfall aus der Gelben Tonne oder dem Gelben Sack, der in eine Sortieranlage kommt, müssen laut Verpackungsgesetz 50 Prozent wiederverwertet werden. 2022 wird diese Quote auf 58 Prozent steigen. Ich bezweifle, dass sich alle Verwerter daran halten oder dazu technisch überhaupt in der Lage sind. Deshalb wünsche ich mir schärfere Kontrollen der Sortieranlagen. Unternehmen, die die Vorgaben nicht erfüllen, müssen entweder in moderne Technik investieren oder aus dem Markt ausscheiden. Die Nichteinhaltung von gesetzlichen Vorgaben darf kein Kavaliersdelikt sein.

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Die Wiederverwertungsquote ist aber doch nicht nur eine Frage der Sortiertechnik…

Natürlich nicht. Die Technik spielt eine große Rolle, aber nicht jede Verpackung lässt sich problemlos recyceln. Manche Käse-Verpackung besteht aus drei verschiedenen Kunststoffen und zusätzlichen Klebern. Die bekommt man selbst mit der modernsten Sortieranlage nicht getrennt, weshalb die thermische Verwertung, etwa die Verbrennung in Zementwerken, derzeit der einzige Weg ist. Bei Alba beraten wir Verpackungshersteller, wie sie auf solche Verpackungen verzichten oder sie entsprechend modifizieren könnten. Mit unserer Bewertungsmethode „Made for Recycling“ können sie sehen, wie geeignet ihre Verpackungen für die Wiederverwertung sind. Zusätzlich erarbeiten wir mit unserem eigenen Labor gemeinsam mit dem Kunden Lösungsvorschläge. Dann können wir auch zu höheren Recycling-Quoten kommen.

Trennen die Verbraucher ihren Müll gut genug?

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Die Menschen geben sich viel Mühe. Besser geht es immer, aber im Prinzip sind wir zufrieden. In der jungen Generation erleben wir ein neues und viel stärkeres Bewusstsein für Umweltfragen. Vielen jungen Menschen ist es wichtig, dass ihr Abfall wiederverwertet wird. Und sie haben kein Problem damit, Recycling-Produkte zu kaufen. Ganz im Gegenteil. Darauf muss der Gesetzgeber reagieren – etwa indem er den Einsatz von Recycling-Rohstoffen in mehr Bereichen als bisher erlaubt.

Welche Bereiche schweben Ihnen vor?

Bislang gibt es bei Kunststoffen nur zwei Kategorien: lebensmitteltauglich – oder nicht. Das halten wir für falsch, denn dadurch wird der Einsatz von Recycling-Materialien in vielen Bereichen verhindert, in denen er absolut unproblematisch wäre. Nichts spräche gegen den verstärkten Einsatz von wiederverwertetem Kunststoff im Baubereich oder im Flugzeugbau. Wir brauchen ein differenzierteres System bei der Bewertung von Kunststoffen, wenn wir mehr Recycling-Materialien verwenden wollen. Die aktuelle Regelung ist nicht mehr zeitgemäß.

Scheitert es nicht häufig auch am Preis? Neuplastik ist ja derzeit billiger als recycelter Kunststoff.

Der Preis von neuem Plastik wird maßgeblich vom Ölpreis beeinflusst. Derzeit ist der wegen der Corona-Krise sehr niedrig, weshalb Neuplastik sehr günstig zu haben ist. Das ist eine absolute Ausnahmesituation und wird nicht ewig so bleiben. Trotzdem sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: Wiederverwertetes Plastik ist wertvoller als neues, weil es eine wesentlich bessere CO2-Bilanz hat. Die Herstellung von Recycling-Kunststoff spart im Vergleich zur Neuproduktion bis zu einer Tonne CO2 je Tonne Material ein. Das findet sich aber im Preis heute noch nicht wieder.

Was kann man tun?

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Man kann in einen Markt mit Verboten eingreifen - oder mit Anreizen. Ich bin immer eher für die Anreize. Um den Anteil von Recycling-Kunststoff zu fördern, könnte man wiederverwertetes Plastik steuerlich besser behandeln als Neuplastik, beispielsweise indem die bessere Klimabilanz einen Vorteil bringt. Auch könnte der Staat in seiner Rolle als Nachfrager stärker auf Recycling-Produkte setzen. Wir können an vielen Stellschrauben drehen. Das sollten wir auch tun, damit wir wieder Vorreiter beim Recycling werden.

Axel Schweitzer ist Vorstandsvorsitzender des Berliner Recycling-Unternehmens ALBA. Die ALBA Group ist mit ihren beiden Marken ALBA und Interseroh in Deutschland und Europa sowie in Asien aktiv. Im Jahr 2018 erwirtschafteten ihre Geschäftsbereiche einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und beschäftigten insgesamt über 8000 Mitarbeiter. Das Unternehmen zählt damit zu den führenden Recycling- und Umweltdienstleistern weltweit.

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