Steht es wirklich unter Beschuss?

Gefährliche Kämpfe am AKW Saporischschja: Was Sie über das Kernkraftwerk wissen müssen

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine.

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine.

Das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk in Saporischschja im Südosten der Ukraine ist das größte Atomkraftwerk (AKW) in ganz Europa. Auf dem Kraftwerksgelände befinden sich sechs Reaktorblöcke, die zusammen über eine Leistung von knapp 6000 Megawatt verfügen. Damit ist es nicht nur für die Stromversorgung in der Ukraine von großer Bedeutung, sondern auch für andere Ländern in Europa. Auch nach Deutschland liefert die Ukraine zurzeit Strom. Doch seit Wochen gibt es in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks schwere Kämpfe. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Steht das AKW wirklich seit Wochen unter Beschuss?

Nein, die Reaktoranlagen selbst waren zuletzt keine Zielscheibe der Angriffe. Anfang März stand das AKW jedoch tatsächlich unter Beschuss. „Damals wurde ein Trainingsgebäude getroffen, und ein Brand brach in der Nähe eines der Reaktoren aus“, sagt Expertin Elisabeth I-Mi Suh von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Seitdem habe es nur kleinere Zwischenfälle gegeben, bei denen Infrastruktur auf dem Anlagenkomplex zerstört wurde. Jede kriegerische Handlung berge aber hohe Risiken für die Unversehrtheit der Reaktoren, weiterer wichtiger technischer Einrichtungen, der Infrastruktur wie auch des Fachpersonals. „Kämpfe um den Anlagekomplex herum, wie es momentan der Fall ist, sind wirklich sehr riskant“, betonte Suh im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Warum wird nahe dem AKW überhaupt gekämpft?

Das Kernkraftwerk befindet sich im im aktiven Kampfgebiet und im Bereich der Front zwischen ukrainischem und russisch besetztem Territorium. Aufgrund seiner Größe hat es zudem eine wichtige Bedeutung für die Stromversorgung der Ukraine und Europas. Außerdem vermutet die Ukraine, dass Russland Waffen auf dem Kraftwerksgelände lagert und aus der unmittelbaren Umgebung des AKWs Angriffe auf ukrainische Stellungen verübt. Unabhängig bestätigen könnten dies die Inspekteure der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die das AKW inspizieren. „Die wichtigsten Erkenntnisgewinne der Mission sind, ob im Atomkraftwerk tatsächlich Waffen und anderes militärische Material gelagert werden, ob es als Schutzschuld für Angriffe genutzt wird und ob das Personal auch nach vielen Monaten Krieg in der Lage ist, den Betrieb des AKWs aufrechtzuerhalten“, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Jäger von der Universität Köln dem RND.

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Welche Szenarien sind beim AKW in Saporischschja möglich?

Die größte Gefahr geht derzeit von einer Unterbrechung der Stromversorgung des Kraftwerks aus, so die Einschätzung von Clemens Walther, Leiter des Instituts für Radioökologie und Strahlenschutz der Universität Hannover. Der Reaktor müsse ständig gekühlt werden und benötige dafür Strom von außen, selbst wenn er abgeschaltet ist. „Fallen gleichzeitig Stromversorgung und Notstromversorgung aus, wie in Fukushima, können die Brennelemente nicht mehr gekühlt werden, und es kommt zu einer Kernschmelze“, sagt er dem RND. Dieses Szenario könne eintreten, wenn der Reaktor zerstört oder dauerhaft von der Stromversorgung getrennt werde.

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Ab wann wird ein Stromausfall gefährlich?

Die Stromversorgung des Kraftwerks war bereits mehrmals unterbrochen. „Theoretisch könnte die russische Seite damit drohen, die Stromversorgung auszuschalten oder zu manipulieren, um noch mehr Druck auszuüben“, gibt DGAP-Expertin Suh zu bedenken. Typischerweise ist die Notstromversorgung eines AKWs auf 60 Stunden ausgelegt. Saporischschja hat 20 Notstromaggregate, pro Reaktorblock benötigt man aber laut Walther bis zu sechs davon gleichzeitig. Bei ausreichendem Treibstoffvorrat oder wenn nicht alle eingesetzt werden, könnten die Aggregate auch etwas länger als 60 Stunden laufen. Die IAEA sprach nach ihrem Besuch von zehn Tage, für die die Dieselvorräte vor Ort reichen würden.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt die sechs Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Teil der von Russland besetzten Ukraine.

Dieses von Maxar Technologies zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt die sechs Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Teil der von Russland besetzten Ukraine.

Wie gefährlich ist ein Beschuss durch Raketen?

Trifft eine Rakete versehentlich einen Reaktor in Saporischschja, wird nach Einschätzung von Experte Walther die Schutzhülle lediglich beschädigt, aber nicht zerstört. Vor einem Beschuss mit leichten Waffen seien die Reaktorblöcke ebenfalls sicher. „Wenn man den Reaktor aber mit militärischen Mitteln zerstören möchte, dann schafft man das mit panzerbrechender Munition auch, keine Frage“, sagt er.

Und bei einem gezielten Angriff?

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Sollten alle Sicherheitsbarrieren eines Reaktors im laufenden Betrieb vollständig zerstört werden, dann wäre der Reaktorkern unter freiem Himmel. Die Folgen: „Im Umkreis von 30 bis 100 Kilometern gibt es eine sehr, sehr starke radioaktive Kontamination und je nach Windrichtung wäre die Radioaktivität über 1000 Kilometer nachweisbar“, erklärt Experte Walther. Auch die Truppen in 20 Kilometern Entfernung würden daher große gesundheitliche Schäden davontragen. Aus diesem Grund hält der Experte einen gezielten Angriff, der den Reaktor zerstört, für wenig realistisch.

Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sei ein zerstörtes Atomkraftwerk „gleichbedeutend mit dem Einsatz einer Atombombe“. Stimmt das?

Nicht unbedingt. Bei einer taktischen Atombombe gibt es lokal eine große Zerstörung, aber außerhalb von zwei bis drei Kilometern keine schweren Schäden. Dagegen hätte ein zerstörter Reaktor laut Experte Walther lokal keine enorme Zerstörung zufolge, aber die Radioaktivität verbreite sich über Hunderte Kilometer. Selenskyjs Vergleich ist also nicht korrekt, könnte man glauben. Sollte der ukrainische Präsident aber die größeren strategischen Nuklearwaffen meinen, ist der Radius der Zerstörung tatsächlich enorm. Experten halten den Einsatz solcher strategischer Atomwaffen aber weitgehend für ausgeschlossen. Denn Russland würde damit auch gesundheitliche Schäden der eigenen Truppen in Kauf nehmen und vermutlich einen Atomkrieg auslösen.

Besteht bereits eine Gefahr, wenn andere Gebäude auf dem AKW-Gelände getroffen werden?

Ja, wenn die Brennelemente beschädigt werden. Sie müssen in einem Wasserbecken über viele Monate heruntergekühlt werden, da sie nach ihrem Einsatz im Reaktor noch sehr viel Wärme abgeben. Dieses Brennelementebecken ist nicht so stark gesichert wie der eigentliche Reaktorkern. Die Abschirmung im Wasserbecken ist geringer, so Walther, und die Brennelemente sind noch frisch – und damit die Gefahr der Strahlung weiterhin hoch. Raketentreffer können dem verstärkten Gebäude aber so leicht nichts anhaben, Probleme bei der Stromversorgung für die Kühlung der Brennelemente dagegen schon eher. Es droht eine Kernschmelze. „Allerdings dringt davon wahrscheinlich nur ein geringer Teil nach außen – wenn überhaupt“, schätzt Walther die Gefahr ein.

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Welche weiteren Gefahren gibt es?

Außerhalb des Reaktors lagern ebenfalls Brennelemente, die bei Angriffen zerstört werden könnten. „Die Abschirmung der Lagerstätte in Saporischschja wurde bereits getroffen und beschädigt“, sagt Experte Walther. Die in der Ukraine verwendeten Brennelementebehälter seien weniger stabil als Behälter in Deutschland und könnten bei einem Raketenangriff beschädigt werden. „Dann könnte es zu einer Freisetzung von radioaktivem Material kommen.“ Die Auswirkungen sind nach Einschätzung des Experten aber sehr lokal und die Radioaktivität dürfte sich nicht weit über das Kraftwerksgelände hinaus ausbreiten. Und dann gibt es noch den Faktor Mensch.

Wie geht es dem ukrainischen Personal im AKW?

Genau weiß man das nicht, da ein Informationskrieg um die Situation des Atomkraftwerks herrscht. „Es hieß, dass Russland Mitarbeiter foltert, Personal wegschickt und die Sicherheit nicht gewährleistet ist“, sagt Politikwissenschaftler Jäger. Damit habe Russland bewusst Angst vor einer Atomkatastrophe geschürt. Die Ermüdung des ukrainischen Fachpersonals und der psychische Druck durch die russischen Besatzer sind eine große Gefahr. „Es besteht das Risiko, dass die Reaktorfahrer Fehlentscheidungen treffen, zum Beispiel während die Sicherheitsmechanismen regelwidrig deaktiviert sein könnten“, warnte Experte Walther, der selbst schon einmal einen Reaktor gesteuert hat. Er weiß: „Dann sind Szenarien möglich, die dramatischer sind als alles, was durch einen Raketenbeschuss hervorgerufen werden kann.“ Das Problem bei der Steuerung eines Reaktors sei, dass er sehr langsam reagiere. „Wenn man einen Fehler macht und dann auf den Ausschalter drückt, dauert es eine Weile, weil noch viele Prozesse physikalisch-intrinsisch weiterlaufen.“

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Würde die freigesetzte Radioaktivität auch Deutschland erreichen?

Wenn der Wind aus Osten weht, wäre Radioaktivität auch in Deutschland messbar. „Wir würden in Deutschland aber keine so großen Mengen Radioaktivität abbekommen, die eine sofortige Evakuierung oder die Einnahme von Jod zur Folge haben“, so die Einschätzung von Walther. In Pilzen und Wildfleisch könne die Strahlung aber wahrscheinlich nachgewiesen werden, wie nach dem Tschernobyl-Unfall.

Könnte sich Tschernobyl in Saporischschja wiederholen?

Das ist eher unwahrscheinlich. In Tschernobyl kam es infolge eines missglückten Experiments, bei dem die Sicherheitsmechanismen bewusst ausgeschaltet wurden, zu einer Kernschmelze und Explosionen, bei denen die Reaktorhülle zerstört wurde. Bei den Reaktoren in Saporischschja handelt es sich um Druckwasserreaktoren, die deutlich sicherer sind als der AKW-Typ von Tschernobyl. Außerdem hat die Reaktorhülle des besetzten Kraftwerks eine dickere Betonschicht, die auch gegen Schäden von außen mehr Schutz bietet. Eine Kernschmelze in Saporischschja muss auch keine Katastrophe zur Folge haben.

Wie gefährlich ist eine Kernschmelze in Saporischschja?

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Eine Kernschmelze könnte glimpflich ausgehen. Das AKW in Saporischschja ähnelt in seinem Aufbau dem von Three Mile Island, bei dem es 1979 einen Reaktorunfall gab. Dort trat bei der Kernschmelze praktisch keine Radioaktivität aus dem Reaktor aus, so Walther, alles blieb im Inneren. „Deshalb stehen die Chancen gut, dass bei einer Kernschmelze in Saporischschja ebenfalls keine nennenswerte Radioaktivität austritt“, sagt der Experte dem RND.

Was ist ein GAU?

Experte Clemens Walther von der Universität Hannover erklärt: „Die Kernschmelze gehört bei modernen Reaktoren zu den sogenannten GAUs, also den größten anzunehmenden Unfällen. Das sind die Unfälle, die noch beherrscht werden können und bei denen es nicht zu einer großen Freisetzung nach außen kommt. Tschernobyl und Fukushima nennt man in der Fachsprache auslegungsüberschreitende Ereignisse. In Fukushima war nicht die Kernschmelze selbst, sondern die Wasserstoffexplosion der Grund für die Zerstörung des Gebäudes und somit der Freisetzung.“

Und was ist mit Fukushima?

In Fukushima hatte eine Wasserstoffexplosion das Gebäude zerstört und so dafür gesorgt, dass Radioaktivität austrat. Der Reaktortyp in Saporischschja verfügt aber über Wasserstoffabsorber, sodass eine Katastrophe wie in Fukushima laut Walther unwahrscheinlich sei – aber nicht ausgeschlossen werden kann. „Um den Reaktordruckbehälter befinden sich im Zwiebelprinzip 20 bis 25 Zentimeter dicker Stahl, dann ein biologischer Schild aus zwei Meter dickem Beton und anschließend eine Kuppel mit meterdicken Abschirmungen aus Beton.“ Diese letzten Abschirmungen habe es bei Fukushima nicht gegeben.

Sinkt die Gefahr, wenn Reaktoren heruntergefahren sind?

Ja, dann ist das Schadenspotenzial deutlich geringer. Der Grund: Es herrschen dann keine hohen Temperaturen und kein hoher Druck mehr im Reaktorkern. Wenn ein kalter und druckfreier Kern zerstört wird, verbreitet sich die Radioaktivität laut Walther nicht so stark wie bei einem aktiven Reaktor, der immerhin unter 100 bar Druck steht. „Sie machen nicht mehr einen Schnellkochtropf unter Druck auf, sondern öffnen nur noch die Tupperdose im Kühlschrank“, erklärt Experte Walther.

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Warum Fracking in Deutschland eine Alternative sein sollte

Theoretisch könnte Deutschland mit eigenem Gas heizen, ohne jeden Import – vielleicht sogar zehn bis 20 Jahre lang. Doch das Schiefergas in tiefen Schichten kann nur per Fracking gefördert werden. Die Methode wird in Deutschland abgelehnt – aus Bedenken, die nicht mehr ganz aktuell sind.

Sollte Radioaktivität austreten, ließe sich das zurzeit überhaupt feststellen?

Zwar befindet sich das Atomkraftwerk im aktiv umkämpften Gebiet, aber das Messnetzwerk in der Ukraine mit vielen Messstellen funktioniert weiterhin. Es lässt sich online jederzeit abrufen und wird kontinuierlich von unabhängigen Stellen überwacht. Wenn Radioaktivität austritt, kann das nicht unbemerkt bleiben. Bisher gebe es keine erhöhten Strahlungswerte in der Region Saporischschja, hieß es zuletzt von Russland und der Ukraine.

Dieser Artikel erschien erstmals am 2. September und wurde am 11. September aktualisiert.

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