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Deutschlands Hotspots: Woher kommen die Infektionen?

  • Während in vielen Regionen die Infektionszahlen sinken, sind sie in einigen Kreisen zuletzt massiv gestiegen.
  • Die höchsten Werte verzeichnen derzeit Kreise in Bayern, Thüringen und Sachsen.
  • Waren zunächst eher die Metropolen betroffen, sind es jetzt vor allem kleinere Städte und ländliche Regionen.
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Hannover. Herr Braumandl hat vorsichtshalber mal mitgezählt, er kam auf 42. 42 Menschen ohne Masken, die ihm auf dem Weg vom Parkhaus zu seinem Friseur am Kleinen Exerzierplatz im Zentrum begegnet sind, dabei sind das gerade mal 300 Meter.

„Der joggende Uniprofessor, Studenten, Arbeiter auf Montage, alles dabei“, sagt Reinhard Braumandl, und in seiner Stimme liegt dabei ein durchaus deutlicher niederbayerischer Ärger. Braumandl ist 70 Jahre alt, Kreisvorsitzender der Senioren-Union, ein Beobachter seiner Stadt, so gut es dieser Tage geht, vor allem aber ist er Risikopatient, die Nachlässigkeit der anderen könnte ihm sehr schaden. Jedenfalls wird Braumandl gerade sehr häufig gefragt, was denn bei ihnen in Passau los sei und wie das denn komme, mit den Zahlen. Seit seinem Gang zum Friseur hat er darauf eine Antwort.

„Die Passauer tragen leider schon auch eine Mitschuld“, sagt Braumandl am Telefon. „Das gehört zur Wahrheit dazu.“

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Corona-Hotspots in Deutschland: Ausbrüche in zwei Seniorenheimen

Passau also, Niederbayern. Hochwasser, Flüchtlingskrise, die Stadt stand in den letzten Jahren oft im Fokus. Meist würde sie gern darauf verzichten, gerade jetzt. Mit rund 480 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen ist Passau gerade die am stärksten betroffene Kommune – und umgeben von Kreisen, die auf der Karte des Robert-Koch-Instituts genauso tiefrot sind.

In Passau herrschen Ausgangsbeschränkungen – und eine Maskenpflicht in der Innenstadt. © Quelle: Lino Mirgeler/dpa
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Die Gründe? Im Rathaus der Stadt zählt die Sprecherin noch ein paar weitere auf. Da sind die Ausbrüche in zwei Seniorenheimen, 152 infizierte Bewohner, dazu 33 Mitarbeiter. Der Ausbruch in einem Schlachthof im Landkreis, 80 Infizierte. Und dann ist da auch die Grenze, die die Passauer gern zum Tanken und die Österreicher zum Einkaufen überqueren, nur dass die Inzidenz drüben im Bezirk Rohrbach zwischendurch sogar bei 1500 lag. Die Grenze soll dennoch offen bleiben, so sagte es der Oberbürgermeister zuletzt. Erklärt das alles?

Braumandl hat sie auch beobachtet, die vollen Parkplätze und Menschentrauben bei den Autohändlern. Aber am Ende will er seine Passauer auch nicht aus der Verantwortung entlassen. „Ich gehe grundsätzlich auf Distanz“, sagt Braumandl. Auch wenn es ihm schwerfällt, gerade bei seinem Enkel.

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Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Donnerstag einen Höchststand der ans RKI übermittelten Todesfälle in Zusammenhang mit Sars-Cov2.  © Reuters

Symbol der Uneinsichtigkeit

Aber ist das schon die ganze Erklärung? Die individuelle Verantwortung? Gibt es strukturelle Gründe? Andere Gemeinsamkeiten all der Gebiete, in denen die Infektionszahlen zuletzt gegen den Trend stiegen? Es ist ja tatsächlich gerade so, dass die Werte vielerorts zuletzt durchaus gesunken sind, gerade im Norden ist das tiefe Rot einem hellen Grau gewichen, vor allem im Südosten dagegen, in Bayern, Thüringen und Sachsen, stiegen sie mancherorts auf 500 und darüber, weit entfernt von jenen 50, die die Kanzlerin als Ziel ausgegeben hat. Woran liegt das?

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In Hildburghausen jedenfalls sagt Pfarrer Hartwig Dede, auch er habe sich nach dem Sommer erst daran gewöhnen müssen, dass das Virus doch nicht weg ist. „Man dachte doch, wir hätten es hinter uns“, sagt Dede, hier vielleicht noch mehr als anderswo.

Hildburghausen, das ist jener Landkreis in Thüringen, der zuletzt die höchsten aller Infektionswerte hatte, über 600 – und der zum Symbol der Uneinsichtigkeit wurde, als 400 Menschen durch Hildburghausen zogen, gegen die nun sehr strengen Regeln protestierten und noch „Oh, wie ist das schön“ sangen.

Dede ist seit acht Jahren Pfarrer in Hildburghausen, und er sagt, diese offene, zynische Form der Gegnerschaft begegne ihm allenfalls vereinzelt. Aber was er gut kennt, ist eine große Enttäuschung. Im Sommer hatten sie schließlich in der Stadtkirche fast wieder ganz normale Gottesdienste gefeiert, Sars-CoV-2 schien ein rätselhaftes Kürzel aus der Vorzeit, in den Zeitungen standen Berichte, die zu ergründen versuchten, warum der Osten immun zu sein schien gegen die großen Ausbrüche.

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Britische Behörden lassen ersten Corona-Impfstoff zu
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Bereits in der kommenden Woche werde mit den Impfungen begonnen, sagte Gesundheitsminister Matt Hancock.  © Reuters

Seelsorge per Telefon

Dann kam das Virus doch wieder, stärker als im Frühjahr, und Pfarrer Dede lud die Konfirmanden in den Gottesdienst ein, als Ersatz für den ausgefallenen Unterricht. Aber dann wurden wegen der vielen Infektionen auch seine Gottesdienste abgesagt. „Da steht man erst mal mit leeren Händen da“, sagt Dede, der zusammen mit der Kirche das Verbot als unverhältnismäßig kritisierte.

Pfarrer Dede telefoniert jetzt viel. So hält er Kontakt mit denen, die zu vereinsamen drohen. Jetzt hofft er darauf, dass die Zahlen bis Weihnachten sinken. Die meisten, sagt er, versuchten ihr Bestes. Die hohen Zahlen, die massive Rückkehr des Virus, „das muss erst mal im Bewusstsein ankommen“. Was wiederum eine Erklärung dafür ist, dass jetzt gerade viele Regionen am schwersten betroffen sind, die besonders gut durch die erste Phase dieser Pandemie gekommen waren.

Nur ist das sicher nicht die einzige.

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Monika Wenzel leitet das Seniorenheim St. Ludmila in Crostwitz bei Bautzen, und sie hat Erfahrungen gemacht mit jenem Phänomen, das zugleich Bedingung und Folge hoher Infektionszahlen ist: der Überforderung der Gesundheitsämter. Die Mitarbeiter dort seien ja sehr bemüht, sagt Wenzel. „Aber die sind wirklich am Ende. Das funktioniert dann irgendwann nicht mehr.“

Neun Tage bis zum Ergebnis

Es war am 9. November, als ein Arzt bei einer Dame Covid-19-Symptome feststellte. Wie viele Bewohner und Mitarbeiter sich da bereits infiziert hatten oder noch infizierten, diese Zahl nennt die Leiterin nicht. Aber klar war, dass sich das Virus da schon ausgebreitet hatte.

Inzwischen sind die Bewohner wieder aus der Quarantäne raus, viele Mitarbeiter sind aber noch drin. „Wir haben schon noch schwer zu kämpfen“, sagt Monika Wenzel. Sie bekam Hilfe von anderen Heimen, auch vier Bundeswehrsoldaten helfen jetzt noch immer in St. Ludmila aus, sie reden und spielen mit den Bewohnern, helfen ihnen, pflegen aber dürfen sie nicht. Vieles klingt noch mühsam, Monika Wenzel hatte auch selbst im Frühjahr Corona, aber nichts bei ihr klingt nach Klage.

Nur an einem Punkt reagiert sie dann doch verärgert. Bei den ersten Tests habe es eine Woche gedauert, bis alle Ergebnisse vorlagen. Beim zweiten Mal waren es sogar neun Tage. In der Zwischenzeit hätten Infizierte das Virus theoretisch unwissentlich weiterverbreiten können. „Die Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher“, sagt Wenzel. Das gilt inzwischen für viele Kommunen in Deutschland. Nur kann es sich bei denen, die schon besonders betroffen sind, auch besonders fatal auswirken.

Der Osten ist weniger betroffen – das war eine der Annahmen, die das Virus zuletzt widerlegte. Eine andere betrifft die Städte: Covid-19 verbreite sich besonders schnell in den Metropolen, das war eine Beobachtung im Herbst. Jetzt sind es eher die kleineren Städte und ländlichere Regionen, die betroffen sind. Und Nürnberg ist eine große Ausnahme.

Schon dreimal in Quarantäne

Die mehr als 500.000 Einwohner zählende Stadt ist die größte, in der jetzt auch Ausgangsbeschränkungen gelten, der Inzidenzwert liegt bei 365, die Schulen müssen auf Wechselunterricht umstellen, bis auf die Abschlussklassen. Alica Polat ist davon demnach nicht betroffen, aber was sie stört, ist ohnehin etwas anderes.

Dreimal war die 19-Jährige in diesem Jahr schon in Quarantäne, dreimal hat sie zwei Wochen lang von zu Hause aus gelernt, für das Abitur im nächsten Jahr. „Das hält ziemlich auf“, sagt sie, und deshalb kämpft sie jetzt dafür, dass man wenigstens Rücksicht nimmt. Gemeinsam mit anderen Schülervertretern will sie erreichen, dass sie ihre Seminararbeit in diesem Ausnahmejahr ein, zwei, drei Monate später abgeben dürfen.

Und dann streitet sie deutlich einsamer noch dafür, dass auch die anderen das Virus ernst nehmen. In den Städten sind es gerade die Jüngeren, unter denen es sich verbreitet. Alica Polat hat gesehen, was es anrichten kann, aus ihrer Familie ist jemand daran gestorben.

„Ich versuche immer wieder und wieder zu erklären, was es bewirkt“, sagt sie. Manchmal ist sie ihre Rolle selbst schon leid. „Es kommt vor, dass ich mich wie ein Spielverderber fühle.“

Hotspot für lange Zeit

Aber wahrscheinlich ist „Hotspot“ ohnehin eine schwierige Kategorie. Als „Hotspot“ gilt, wo die Neuinfektionen hoch sind. Da ist der Kreis Cloppenburg fast Durchschnitt. Aber wenn es um die Dauer geht, ist die Region doch extrem. Schon Ende September hatte sie den Warnwert überschritten.

Deshalb steht zum Beispiel das Vereinsleben dort noch etwas länger still als anderswo. Und so kann Helmut Pille, der Vorsitzende des VfL Löningen, viel über ausbleibende Sponsorengelder oder den ungewissen Zuschuss für das neue Dach der Tennishalle berichten. Aber am Ende geht es um etwas anderes. „Die Kontakte, die da so lange wegfallen, das ist schlimm“, sagt Pille. „Gerade für die Jugendlichen.“

Die Gründe hier? Da klingt der Sprecher im Kreishaus eher ratlos. Es gab Ausbrüche bei einer Fußballmannschaft, in einem Fleischbetrieb, bei Großfamilien. Aber die eine Erklärung gibt es inzwischen längst nicht mehr. Zuletzt meldete die Polizei trotz des Lockdowns „haufenweise Regelverstöße“, wie es in einer Überschrift hieß.

Es ist gut möglich, dass wenn der Passauer Reinhard Braumandl die maskenlosen Menschen im Norden statt im Süden gezählt hätte, das Ergebnis am Ende ganz ähnlich gewesen wäre.

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