AKK: „Lasst doch Mädchen einen Pferdestall bauen“

  • CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer startet mit ihrer neuen Stellvertreterin Silvia Breher einen Modernisierungsversuch.
  • Die Christdemokraten sollen sich stärker für Frauen öffnen.
  • Ein Gespräch über Rollenbilder und Bewerbungsgespräche, rosa Raumschiffe, Zölibat und seufzende Männer.
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Berlin. Keine andere Partei ist an ihrer Spitze so weiblich wie die CDU. Mit Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel prägen zwei mächtige Frauen das Gesicht der Christdemokraten. Doch die weibliche Führungsriege steht im scharfen Kontrast zur Gesamtpartei – die nämlich ist männlich dominiert, bei Mitgliedern wie Abgeordneten.

Kramp-Karrenbauer will das ändern. Die Verteidigungsministerin will die CDU für Wählerinnen und Mandatsträgerinnen attraktiver machen. Dafür will sie das familienpolitische Profil der CDU schärfen. Für die Familienpolitik soll auch die Parteivize Silvia Breher stehen, die AKK Ende 2019 überraschend in die Parteispitze beförderte.

Die Offensive der CDU-Chefin kommt zu einem interessanten Zeitpunkt: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will Bürgermeisterin in Berlin werden und räumt damit spätestens zur nächsten Bundestagswahl das Feld.

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Frau Kramp-Karrenbauer, Frau Breher, was ist für Sie Familie?

AKK: Ich kann mir mein Leben ohne Familie nicht vorstellen. Am Rande des Besuches des israelischen Präsidenten lernte ich gerade die Eltern der zwei israelischen Soldaten kennen, die seit 2014 in den Händen der Hamas sind. Niemand weiß, ob sie leben oder tot sind. Es wurde schnell ein Gespräch dreier Mütter. Familie verbindet Menschen über Grenzen hinweg.

Breher: Ich bin in einem Mehrgenerationenhaus aufgewachsen, mit meinen Großeltern. Mein Leben jetzt richtet sich zwar viel nach dem Job, aber die Kinder, die Familie bleiben das Wichtigste.

Können Sie Familie so leben, wie Sie möchten?

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Breher: Ich bin zwar viel unterwegs, aber in den Wochen, wenn wir keine Sitzungen im Bundestag haben, gehen meine Kinder vor und ich versuche so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen – an manchen Nachmittagen fühle ich mich wie ein „Kinderchauffeur“.

Frau Kramp-Karrenbauer, wann mussten Sie zuletzt Familientreffen absagen wegen der Arbeit?

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AKK: Vor anderthalb Wochen – eine Geburtstagsfeier. Als meine Kinder noch klein waren, war ich bereits Innenministerin in Saarland. Für die Geburtstage der Kinder habe ich jeden Termin abgesagt und natürlich auch, wenn sie krank waren. Heute wohnt nur noch mein jüngster Sohn zu Hause. Wir sind eine typische Wochenendfamilie. Und so versuchen wir unsere Terminkalender so zusammenzulegen, dass wir uns mindestens alle einmal am Wochenende sehen können.

Welche Rolle haben ihre Ehemänner?

AKK: Wir waren sehr pragmatisch: Wer mehr verdient, geht den ganzen Tag arbeiten. Jetzt managt mein Mann zu Hause alles. Ich komme meist erst am Wochenende nach Hause. Manchmal beschweren sich dann mein Mann und mein Sohn, wenn ich versuche, die unter der Woche gut eingeübte Praxis wieder durcheinander zu bringen. Oder wenn ich anrege, die Weihnachtsdekoration durch Frühlingsdeko zu ersetzen. Die Herren finden, Deko wird überbewertet.

Breher: Die Unterstützung der eigenen Familie spielt eine unfassbar große Rolle, dazu gehören natürlich vor allem auch meine Eltern. Ohne sie könnte ich meinen jetzigen Job auch so nicht machen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Meist ist Familienarbeit Frauensache. 64 Prozent der Väter nehmen keine Elternzeit. Finden Sie sich damit ab?

AKK: Mütter und Väter müssen selbst entscheiden, wie sie das machen. Ich höre oft von jungen Männern, dass sie die Erfahrung in der Elternzeit nicht mehr missen wollen. Deshalb würde ich jeden jungen Vater dazu ermutigen. Die Entscheidung liegt immer allein bei den Familien.

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Das Geld ist ein großes Problem für viele Familien. 2,7 Millionen Kinder sind Teil von Familien, die als arm gelten. Wie wollen Sie das ändern – mit einer Kindergrundsicherung?

Breher: Die bisherigen Konzepte zur Kindergrundsicherung greifen zu kurz. Wir müssen die ganze Familie in den Blick nehmen, denn Kinderarmut ist immer auch Familienarmut. Die beste Armutsvermeidung für Kinder ist immer noch die Erwerbstätigkeit der Eltern. Aber natürlich müssen auch unsere bisherigen familienpolitischen Leistungen, vor allem der Kinderzuschlag und das Bildungs- und Teilhabepaket, einfacher und schneller bei den Anspruchsberechtigten ankommen. Daran wollen wir als Union ansetzen.

AKK: Das stimme ich Silvia völlig zu.

Die CSU will die Elternzeit verlängern. Ziehen Sie mit?

AKK: Politik für mehr Zeit für Familie ist eine der wichtigen Zukunftsfragen. Ich möchte die Rahmenbedingungen so verbessern, dass möglichst viele Menschen ihr Familien- und Berufsleben problemlos so gestalten können, wie sie das gern wollen.

Breher: Das Elterngeld ist ein Erfolgsmodell. Aber auch hier dürfen wir natürlich nicht stehen bleiben. Aktuell diskutieren wir beispielsweise, wie wir den besonderen Betreuungsbedarf von Frühchen besser beim Elterngeld abbilden oder den Faktor Partnerschaftlichkeit noch stärker fördern können. Und es gibt bislang zu wenig Chancen, seine Arbeitszeit zu reduzieren. In der Union diskutieren wir dazu aktuell die Einführung eines Familienzeitkontos, auf dem Überstunden und Mehrarbeit eingezahlt werden können. Dann können Eltern ohne Gehaltseinbußen und nach eigenem Bedarf ihre Arbeit reduzieren, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren.

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Wie wäre es mit einer Vier-Tage-Woche als Standard?

AKK: Es geht auch anders: In den skandinavischen Staaten ist das Berufsleben stärker auf die Familie ausgerichtet. Da gibt es keine Besprechung nach 17 Uhr. Bei uns habe ich oft den Eindruck: Arbeitnehmer gelten erst dann als engagiert, wenn sie um 19 Uhr noch im Büro sind. Ich denke, wir können das besser machen.

Auch althergebrachte Rollenbilder erschweren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Müssen wir mehr über Rollenbilder sprechen?

Breher: Ja, absolut.

AKK: Ja, obwohl sich schon viel verändert hat. Für meine Nichten und Neffen im Alter von 30 bis 40 Jahren war immer klar, dass sie Familie und Beruf haben können. Als ich mit drei Kindern berufstätig war, kam noch die Frage auf, ob ich eine Rabenmutter sei.

Breher: Aber es gibt noch die klassischen Rollenbilder. In meinem beruflichen Leben habe ich zwar nie gehört: Du bist Frau und Mutter, lass das sein. Aber als ich in die Politik wollte, hieß es öfters: Muss die das jetzt auch noch machen? Und es fängt ja früh an mit diesem Mädchen-Jungs-Getue. Spielsachen und Bücher sind rosa oder blau. Technik gibt es nur in Blau. Mädchen, die sich für Technik interessieren, müssen blaue Raumschiffe zusammenbauen. So wird ihr Interesse nicht gefördert.

AKK: Lasst doch Mädchen einen Pferdestall bauen, wenn sie das mehr interessiert als das Raumschiff. Wenn das ihr Weg zur Ingenieurin und Architektin ist, gut!

Breher: Solche Beispiele hat man ständig. Ich habe neulich mit meinen drei Kindern Schreibtischstühle gekauft. Der Verkäufer hat den Wunsch meines Sohnes aufgeschrieben. Dann ging es um die Mädels und er sagte: Ach, die wollen Chefsekretärinnen werden? Nein, Chefinnen!

Was kann Politik tun?

Breher: Wir dürfen uns nicht an Benachteiligung gewöhnen. Die Gesellschaft muss umdenken. Statt Frauen aufzutragen, die von Männern vorgegebene Norm zu erfüllen, sollte man sie in die Lage versetzen, nach ihren Vorstellungen etwas zu erreichen.

AKK: Es müssen mehr Frauen in gute Positionen und in nicht klassische Berufe. Frauen reagieren stark auf persönliche Vorbilder. Wenn entsprechende Positionen weiblich besetzt sind, wollen auch mehr Frauen dahin. Kluge Unternehmer wissen, dass in Frauenförderung eine Chance steckt. Ich möchte das auch für die CDU.

Aber jetzt kümmern sich eine Verteidigungsministerin und eine Agrarexpertin doch klassisch um Familienpolitik.

AKK: Wir sind auch Mütter. Und mich hat das Thema schon immer interessiert.

Breher: Familienpolitik ist ein Herzstück für das Programm der CDU. Deshalb kümmern sich die Parteivorsitzende und die stellvertretende Parteivorsitzende darum, die beide als Mütter von drei Kindern auch ein bisschen Praxiserfahrung haben.

Es gibt eine Frauenquote für Aufsichtsräte von Unternehmen. Vorstände müssen sich bisher nur freiwillige Zielmarken setzen. Die liegt häufig bei Null. Die SPD fordert eine verbindliche Frauenquote auch für die Vorstände.

AKK: Es gibt auch Maßnahmen unterhalb der Quote. Es kann nicht sein, dass sich Unternehmen aus der Selbstverpflichtung herausschleichen, indem sie ihr Ziel auf Null setzen.

Breher: Die Quote für die Aufsichtsräte wirkt – da gibt es jetzt schon mal 30 Prozent Frauen. Aber die Quote bedeutet keine automatische Verbesserung auf allen anderen Ebenen, das ist offensichtlich. Die Hoffnung, dass Frauen in sämtliche Führungsetagen nachrücken, hat sich noch nicht erfüllt. Männer stellen Männer ein. Sie sortieren Bewerber für Topjobs nach der Vorstellung ein: Der ist wie ich. Die Wünsche sind bekannt: Geld, Auto, Bonusmeilen. Aber was braucht eine Frau, eine Mutter, um den Job machen zu wollen, vielleicht Hilfe bei der Kinderbetreuung. Diese Frage stellen sich die Verantwortlichen zu selten.

Was heißt das für die CDU?

AKK: Wir können beim Frauenanteil insgesamt und in den Führungsgremien der CDU noch deutlich besser werden. Es reicht nicht mehr zu sagen: Wir haben ganz tolle Männer, die auch phantastisch für Fraueninteressen eintreten. Die Frauen sagen zu Recht: Das können wir gut selbst. Frauenförderung ist wichtig, damit die CDU auch in Zukunft Volkspartei bleibt.

Wie bringen Sie das der Männermehrheit in der CDU bei, die der Frauenförderung Mandate kostet?

AKK: Alle Männer in der CDU können sehr gut rechnen. Sie wissen: Wenn die CDU als Volkspartei nicht in der Breite attraktiv und wählbar ist, geht das Gesamtergebnis runter. Dann zieht auch das Mandat nicht. Welche Wege am erfolgversprechendsten sind, um mehr Frauen in Verantwortung zu bringen, berät gerade meine Partei in einer Kommission. Wenn Posten neu besetzt oder Direktwahlkreise neu vergeben werden, muss man überlegen, ob es nicht auch eine Frau gibt, die für die jeweilige Aufgabe die am besten geeignete Person ist.

Sie wollen den Spagat schaffen zwischen konservativem und modernem Antlitz. Was bedeutet das für das familienpolitische Programm der CDU?

AKK: Wir brauchen dringend ein neues familienpolitisches Programm. Ich erkläre das mal mit einem Bild: Seit jeher kommt die Familie in der Küche zusammen, bis heute. Das Bedürfnis nach Geselligkeit, Zusammenhalt und stabilen Bindungen ist unverändert, und kochen muss man auch. Aber moderne Küchen von heute haben kaum etwas gemein mit Küchen in den fünfziger Jahren. So ist auch konservative Politik im Wandel: Wir schauen, was das Grundbedürfnis von Familien ist – und zeigen moderne Wege auf, danach zu leben.

Und was wollen Familien?

AKK: Im Mittelpunkt stehen das Kind und die Übernahme von Verantwortung füreinander. Dabei spielt Wahlfreiheit eine entscheidende Rolle. Wenn eine Familie sich dafür entscheidet, dass ein Elternteil zu Hause bleibt, muss dieser Wunsch Vorrang haben. Der Staat darf nichts vorgeben. Er muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass Entscheidungen möglich sind.

Passt die gleichgeschlechtliche Ehe zum Familienbild der CDU?

Breher: Ich habe damit kein Problem.

AKK: Sie ist Gesetz. Punkt.

Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der Katholiken diskutieren darüber, das Zölibat zu streichen, um Priestern eine Familie zu ermöglichen. Außerdem ist die Zulassung von Frauen in Priesterämtern Thema. Sie sind beide katholisch. Was halten Sie davon?

Breher: Ich würde mich über mehr Sichtbarkeit und Verantwortung von und für Frauen in der Kirche freuen.

AKK: Ich wünsche mir viel mehr Frauen in der Kirche und als ersten Schritt die Zulassung von Frauen als Diakonin. Und ich bin für die Aufhebung des Zölibats. Es würde möglicherweise helfen, mehr Menschen für diesen Dienst zu begeistern. Die Lebensentscheidung, ohne Familie zu leben, ist für viele eine zu große Hürde.

Stichwort Wahlfreiheit: Eizellenspenden sind in Deutschland anders als in Nachbarländern verboten. Sollte man das ändern?

AKK: Das ist wie bei allen Themen rund um den Schutz des Lebens für die CDU eine sehr grundsätzliche und ernsthafte Diskussion. Es rührt an unseren Kernbereich. Aber wir stellen uns als CDU dieser Debatte.

Im Koalitionsvertrag steht die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz. Viel Zeit bleibt dieser Regierung dafür nicht mehr.

AKK: Ich unterstütze das Vorhaben. Kinderrechte im Grundgesetz sind aber noch keine Garantie dafür, dass es allen Kindern in unserem Land gut geht und sie die gleichen Chancen haben.

Wie wollen Sie Kindern helfen?

AKK: Kinder brauchen größtmöglichen Schutz. Die Kleinsten in unserer Gesellschaft können sich selber nicht verteidigen. Wir sollten dringend jede Form von sexuellem Missbrauch als Verbrechen einstufen. Bisher handelt es sich bei manchen Verbrechen „nur“ um Vergehen, bei denen man mit sehr milden Strafen davonkommen kann. Damit einhergehend sollte auch der Strafrahmen für den Besitz und die Besitzverschaffung von kinderpornografischem Material deutlich erhöht werden. Ich setze mich gemeinsam mit der Innenministerkonferenz und vielen Fachleuten der Union dafür ein, dass diejenigen, die sich an Kindern vergehen, härtere Strafen zu erwarten haben.

Breher: Ein wichtiger Punkt. Wenn wir uns anschauen, dass Gewalt, Hetze und Mobbing immer stärker aus dem Netz kommen und Kinder davon massiv betroffen sind, müssen wir reagieren. Hierzu wollen wir die digitale Kompetenz von Kindern und Eltern gezielt stärken. Darüber hinaus haben wir erst vor kurzem ein Gesetz verabschiedet, um Kinderpornografie und das sogenannte Cybergrooming, bei dem gezielt Kinder in Chats mit der Intention der Anbahnung sexueller Kontakte angesprochen werden, effektiver zu bekämpfen. Online wie offline darf es keine rechtsfreien Räume geben.

Sind auch Betreiber von digitalen Plattformen in der Pflicht?

AKK: Jeder ist in der Pflicht, wenn es um den Schutz von Kindern geht. Ich möchte die Plattformbetreiber nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.

Wie schützt man Kinder, die selbst im Netz unterwegs sind?

Breher: Kinder und Eltern brauchen digitale Kompetenz. Beide sind oft völlig ahnungslos. Eltern stellen Kindern Zugänge ins Internet zur Verfügung. Sie wissen aber oft nicht, wie sie die Kommunikation des Kindes altersgerecht gestalten und sicherstellen können, dass es nicht auf Seiten kommt, die nicht kindergerecht sind.

Was lassen Sie bei Ihren Kindern zu? Whatsapp?

Breher: Whatsapp für Kinder geht offiziell nicht, dafür muss man mindestens 16 Jahre alt sein. Trotzdem haben schon in der fünften Klasse fast alle Kinder Whatsapp. Eltern loggen also ihre Kinder mit falschen Daten ein. Das ist nicht nur rechtswidrig, sondern öffnet Kindern auch höchst problematische Zugänge. Da bräuchte es mal ein anderes, kindergeeignetes Modul.

Sie sind zwei der Frauen nach Angela Merkel. Kennen Sie den Seufzer, es solle doch bitte mal wieder ein Mann das Ruder übernehmen?

Breher: Habe ich natürlich noch nie gehört.

AKK: Die Seufzer gibt es, aber weniger als Sie vielleicht denken.

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