„Die Taliban sind ihre Ressource” – Pakistans Rolle in Afghanistan

  • Für den Vormarsch der Taliban in Afghanistan geben viele im Land dem Nachbarn Pakistan eine Mitschuld.
  • Mit seinem Dementi kann Islamabad bislang nicht recht überzeugen.
  • Welche Rolle spielt das Nachbarland in der Ausbildung der Taliban?
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Parachinar. Nach seinem Verschwinden von zu Hause hat sich Wahab in Pakistan zum Terroristen ausbilden lassen. Der 20-jährige Afghane war von Freunden aus Kindheitstagen rekrutiert und in ein Trainingslager für Extremisten in Parachinar an der Gebirgsgrenze zwischen beiden Staaten gebracht worden. Dort wurde er nach Angaben seiner Angehörigen zum Taliban-Kämpfer ausgebildet.

Viele Afghanen machen Pakistan für den raschen Vormarsch der militant islamistischen Taliban in ihrem Land mitverantwortlich. Der Druck auf die Regierung in Islamabad, die die Taliban ursprünglich an den Verhandlungstisch gebracht hatte, steigt: Sie soll die Extremisten dazu bewegen, ihre Angriffe zu stoppen und die Gespräche wiederaufzunehmen.

„Die neuen, zivilisierten Taliban”

Analysten betonen zwar, dass der Einfluss Pakistans häufig überschätzt wird. Allerdings lässt das Nachbarland die Taliban-Führung auf sein Staatsgebiet, und verwundete Kämpfer werden in pakistanischen Krankenhäusern behandelt. Einige der Islamisten besitzen Immobilien in Pakistan, ihre Kinder besuchen Schulen dort. Pakistanische Politiker bezeichnen die Aufständischen inzwischen als „die neuen, zivilisierten Taliban“.

Zu den Kritikern Islamabads gehört der einflussreiche, mit den USA verbündete Warlord Ismail Chan, der sich in seinem Territorium in Westafghanistan heftige Kämpfe mit den Taliban geliefert hat, bevor diese Herat eroberten. Die Schuld an den Gefechten in seiner Heimat gibt er Pakistan. „Ich kann den Afghanen offen sagen, dass dies kein Krieg zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung ist“, sagte Chan kürzlich lokalen Medien. „Es ist der Krieg Pakistans gegen die afghanische Nation. Die Taliban sind ihre Ressource und ihre Diener.“

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Maas warnt Taliban vor Errichtung eines Kalifats in Afghanistan
1:28 min
Außenminister Heiko Maas hat die in Afghanistan vorrückenden Taliban davor gewarnt, ein Kalifat in dem umkämpften Land zu errichten.  © dpa

Pakistan hat erfolglos versucht, die Afghanen davon zu überzeugen, dass es keine neue Taliban-Regierung in Afghanistan wolle. Die Zeit, in der Pakistan Afghanistan als Satellitenstaat gegen den feindlichen Nachbarn Indien sah, gehöre der Vergangenheit an, versichert Islamabad. Ministerpräsident Imran Khan betont bei jeder Gelegenheit, dass Pakistan Frieden in Afghanistan wolle und eine militärische Machtübernahme durch die Taliban strikt ablehne.

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Osama bin Laden ein Märtyrer

Doch die Afghanen bleiben skeptisch, ebenso wie selbst die internationale Gemeinschaft. Die Vereinten Nationen lehnten in der vergangenen Woche eine Bitte Pakistans ab, bei einem Sondertreffen zu Afghanistan erneut seine Position deutlich machen zu dürfen.

Die Kritik wird angefacht durch Bilder von Beerdigungen getöteter Taliban-Kämpfer in Pakistan mit Hunderten Trauergästen. Noch im vergangenen Jahr hatte Regierungschef Khan den Terrorchef Osama bin Laden als Märtyrer bezeichnet. Nach Kämpfen der Aufständischen in der afghanischen Grenzstadt Spin Bodak gegen heimische Sicherheitskräfte wurden nach Angaben von Ärzten Dutzende verletzte Taliban in pakistanischen Kliniken in Chaman und Quetta behandelt. Die Miliz hatte die Stadt eingenommen und hält sie immer noch.

In Tausenden Religionsschulen in ganz Pakistan werden nach Angaben von Analysten und Menschenrechtsorganisationen Schüler an den Dschihadismus in Afghanistan herangeführt. Die Rekrutierungen laufen seit Jahrzehnten weitgehend ungehindert ab.

Auch ein Cousin von Wahab hatte sich nach dem Besuch einer der Schulen vor einigen Jahren den pakistanischen Taliban angeschlossen. Wahab wurde durch Propagandavideos von angeblichen Gräueltaten ausländischer Soldaten gegen Muslime radikalisiert. Er lief im vergangenen Jahr von zu Hause weg. Seine Familie konnte ihn aber nach eigenen Angaben rechtzeitig in Pakistan aufspüren und zurückbringen, bevor er in den Kampf zog.

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Sinnbild Durand-Linie

Solange die pakistanischen Behörden keinen „Null-Toleranz“-Kurs gegen die Extremisten fahren, würden die internationale Kritik und das Misstrauen nicht schwinden, sagt Amir Rana, Geschäftsführer des unabhängigen pakistanischen Instituts für Friedensstudien. „Die Rechtfertigung dafür muss aufhören.“

Pakistan hat derweil eigene Sorgen: Die Regierung wirft Afghanistan vor, Extremisten Zuflucht zu gewähren, die im Kampf gegen Islamabad stehen. Der Geheimdienst in Kabul erlaube es Pakistans Erzrivalen Indien, mithilfe afghanischer Extremisten verdeckte Angriffe gegen Pakistan zu verüben, heißt es aus pakistanischen Sicherheitskreisen. Dabei seien in den vergangenen sechs Monaten im Grenzgebiet mehr als 200 Mitglieder der pakistanischen Streitkräfte getötet worden.

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Die als Durand-Linie bekannte Grenze steht als Sinnbild für das zutiefst belastete Verhältnis zwischen Afghanistan und Pakistan. Bis heute erkennt die afghanische Führung den Verlauf nicht an und erhebt Anspruch auf mehrere pakistanische Gebiete.

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Analysten werfen Pakistan vor, extremistische Tendenzen geschürt und mit Aufständischen kooperiert zu haben, als dies im Interesse Pakistans war. Während des langen Kampfes gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans hatte der einflussreiche pakistanische Geheimdienst enge Verbindungen zu vielen afghanischen Extremisten aufgebaut. Dazu zählte auch das berüchtigte Hakkani-Netzwerk, die stärkste Fraktion innerhalb der afghanischen Taliban.

„Islamabad hat großen Einfluss auf die Taliban“, sagt Michael Kugelman vom Asien-Programm des Forschungszentrums Wilson Center in Washington. „Aber die Taliban, die einen Krieg führen, den sie ihrer Ansicht nach gewinnen werden, haben den Luxus, pakistanischen Bitten nach einem Nachlassen der Gewalt und einer Verpflichtung zu Gesprächen zu widerstehen.“ Für die Miliz sei das Kalkül einfach, erklärt Kugelman: „Warum aufgeben, wenn man vorne liegt?“

RND/AP

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