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Afghanistan-Experte: Der Westen hat gegen die Taliban keinen Hebel mehr in der Hand

Kundus: Taliban-Kämpfer halten in der nordafghanischen Stadt Kundus Wache.

Kundus: Taliban-Kämpfer halten in der nordafghanischen Stadt Kundus Wache.

Berlin/Kabul. Politikwissenschaftler Markus Kaim sieht für die Nato-Partnerländer keine realistischen Optionen mehr, die Taliban bei ihrem Vormarsch in Afghanistan zu stoppen. „Angesichts der militärischen Fortschritte der Taliban und angesichts der Tatsache, dass der Abzug ja nicht an militärische oder politische Rahmenbedingungen geknüpft ist, gibt es eigentlich keine Hebel mehr, die der Westen in der Hand hat”, sagte der Afghanistan-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Die Dynamik weise ganz eindeutig in Richtung der Taliban und er sehe aus Sicht der Islamisten keinen Anlass, weshalb sie aufhören sollten, diesen militärischen Schwung weiter zu nutzen. Ob das dazu führen werde, dass Kabul in 30 oder 60 Tagen fallen wird, wie es die US-Geheimdienste mutmaßen, sei dahingestellt. „Aber dass die Taliban die dominante politische und militärische Kraft in Afghanistan sind, scheint unaufhaltbar.”

Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Allein am Donnerstag fielen die Provinzhauptstädte Gasni und Kala-e Nau an die Taliban. Dazu eroberten sie auch die zweitgrößte und drittgrößte Stadt des Landes, Kandahar und Herat. Am Freitagmorgen übernahmen sie die Kontrolle der Provinzhauptstadt Laschkargah, womit nun in gerade einmal einer Woche 15 Provinzhauptstädte an die Taliban fielen.

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Drohung mit Entwicklungshilfestopp: „Da tut sich die deutsche Außenpolitik keinen Gefallen”

Bundesaußenminister Heiko Maas hatte den militanten Islamisten am Donnerstag damit gedroht, die deutschen Entwicklungshilfezahlungen einzustellen, sollten sie in Afghanistan ein Kalifat errichten. Dann werde es „keinen Cent” mehr geben. Derzeit zahlt Deutschland rund 430 Millionen Euro Entwicklungshilfegelder pro Jahr an Afghanistan.

Kaim sieht die Drohung von Maas kritisch. „Da tut sich die deutsche Außenpolitik keinen Gefallen mit und manövriert sich in eine Dilemmasituation. Dahingehend, dass 70 bis 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung von Hilfszahlungen der internationalen Gemeinschaft abhängig sind.” Er könne nachvollziehen, dass man nun eine Drohkulisse aufbauen wolle, aber wenn man die Zahlungen wirklich einstellte, würde man der Zivilbevölkerung schaden, was niemand wolle. „Und man würde vor allem den Migrationsdruck, den es ja ohnehin schon gibt, noch weiter erhöhen. Also wenn man nicht will, dass sich Tausende Afghanen auf den Weg machen, ist das keine gute Idee”, sagte er.

Kaim glaubt daher nicht, dass „das ein probates Mittel ist, um die Taliban zu beeindrucken”. Genauso wenig wie die von Maas erwähnte mögliche Nichtanerkennung einer Regierung unter Taliban-Führung. „Das scheint mir nicht ein besonders beeindruckendes Instrument zu sein, um eine Verhaltensänderung der Taliban zu bewirken”, sagte Kaim.

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