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Taliban feiern afghanischen Unabhängigkeitstag – mehrere Menschen bei Protesten getötet

  • Die militant-islamistischen Taliban haben am Donnerstag den Jahrestag zur afghanischen Unabhängigkeit von Großbritannien begangen – und auch verbal gegen die USA ausgeteilt.
  • Währenddessen sind bei Protesten mehrere Menschen von den Taliban getötet worden.
  • Die Situation spitzt sich zu: Nahrungsmittel werden knapp und Bankautomaten geht das Geld aus.
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Kabul. In Siegerpose haben die militant-islamistischen Taliban am Donnerstag den afghanischen Unabhängigkeitstag begangen. „Wir feiern heute den Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien“, erklärten die Taliban.

„Gleichzeitig haben wir durch unseren Dschihad-Widerstand eine andere arrogante Weltmacht, die Vereinigten Staaten, zum Scheitern gebracht und gezwungen, sich von unserem heiligen afghanischen Territorium zurückzuziehen.“ Das gegenwärtige Chaos und den Widerstand gegen ihre Herrschaft erwähnten sie nicht.

Mehrere Menschen bei Protesten getötet

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Währenddessen protestierten in mehreren afghanischen Städten die Menschen am Unabhängigkeitstag gegen die Taliban. In der Stadt Asadabad im Nordosten des Landes wurden mehrere Menschen getötet, wie der Sender Al Dschasira am Donnerstag berichtete.

Demnach sollen Taliban-Kämpfer das Feuer auf eine Kundgebung eröffnet haben, deren Teilnehmer die alte Fahne der afghanischen Republik schwenkten. Afghanistan erlangte vor 102 Jahren, am 19. August 1919, die Unabhängigkeit von Großbritannien.

Die Taliban hatten nach der Machtübernahme am Sonntag ihre weiße Fahne mit schwarzer Inschrift der Schahada, dem islamischen Glaubensbekenntnis, über dem Präsidentenpalast in Kabul gehisst. Den Medienberichten zufolge ist unklar, ob die Menschen in Asadabad bei den Protesten durch die Schüsse der Taliban oder bei der anschließenden Massenpanik ums Leben kamen.

Proteste auch in Kabul

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Auch in der Hauptstadt Kabul gab es am Unabhängigkeitstag vereinzelte Proteste. Am Mittwoch kam es in der Stadt Dschalalabad zu Demonstrationen gegen die Taliban. Berichten zufolge wurden dabei mehrere Menschen getötet.

In Dschalalabad wurde bei einer Demonstration die Taliban-Flagge heruntergerissen und eine Person getötet. In Chost verhängten die Taliban nach ähnlichen Kundgebungen eine vollständige Ausgangssperre. Entsprechende Berichte wollten sie nicht bestätigen.

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Frauen in Afghanistan: „Mein Leben ist in Gefahr“
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Afghaninnen im Land und im Exil warnen vor den Taliban. In den vergangenen Tagen hatten sich die neuen Machthaber in Kabul verdächtig milde gegeben.  © Reuters

Zeitungsartikel ruft USA zu Unterstützung auf

Zudem kursierte ein Video, das Oppositionsführer bei einer Versammlung im Pandschir-Tal im Norden des Landes zeigte, dem einzigen Gebiet, dass die Taliban während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 nicht unter Kontrolle bekommen hatten.

Zu sehen waren Verteidigungsminister Bismillah Mohammadi, Vizepräsident Amrullah Saleh, der sich zum rechtmäßigen Präsidenten des Landes erklärt hat, und Ahmad Massud, der Sohn des 2001 ermordeten Führers der einstigen Nordallianz, Ahmad Schah Massud. Dieser rief die USA in einem Zeitungsartikel in der “Washington Post” zu Waffenlieferungen für den Kampf gegen die Taliban auf. Diese würden Afghanistan wieder zum Stützpunkt für islamistischen Terror machen.

Die Hilfsorganisation Emergency, die zahlreiche Kliniken in Afghanistan betreibt, meldete eine Reihe von Verwundeten in dem nördlich von Kabul gelegenen Tal.

Taliban haben die Macht übernommen

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Die Taliban hatten nach der Flucht des vom Westen unterstützten Präsidenten Ashraf Ghani am Wochenende die Macht in Afghanistan übernommen. Danach gaben sie sich moderat, verkündeten eine Amnestie und riefen auch Frauen auf, wieder zur Arbeit zu gehen. Doch die meisten Regierungsbeamten verstecken in ihren Häusern und versuchen, irgendwie ins Ausland zu kommen.

Indessen stehen die neuen Machthaber nach 20 Jahren Krieg vor der Herausforderung, eine Zivilregierung zu bilden, allerdings weitgehend ohne die üppigen Mittel aus dem Ausland, die bisher geflossen sind. Ein großer Teil der neun Milliarden Dollar (rund 7,7 Milliarden Euro) Devisenreserven ist offenbar in den USA eingefroren.

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Tote bei Anti-Taliban-Protesten in Afghanistan
1:50 min
Bei Anti-Taliban-Protesten in der afghanischen Stadt Dschalalabad sind am Mittwoch mindestens drei Menschen getötet und mehr als ein Dutzend verletzt worden.  © Reuters

Nahrungsmittelimporte wurden schwierig, weil sich viele Spediteure nicht auf die Straßen trauten. Bankautomaten ging das Bargeld aus. Die Zentralbank warnte, das Land habe kaum noch US-Dollar in bar. Das werde zu einem Wertverfall der einheimischen Währung Afghani und zu steigenden Preisen führen.

Dazu kommt, dass Afghanistan wegen einer Dürre mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge verloren gingen, wie Mary Ellen McGroarty vom Welternährungsprogramm sagte. “Vor unseren Augen entwickelt sich eine humanitäre Krise unvorstellbaren Ausmaßes”, sagte sie und appellierte an die internationale Gemeinschaft, das afghanische Volk jetzt nicht im Stich zu lassen.

Die Lage am Flughafen in Kabul bleibt angespannt. Hunderte Familien warteten am Donnerstag weiter auf einen Platz in einem Evakuierungsflugzeug. Am und im Flughafen sind in den vergangenen Tagen zahlreiche Menschen getötet und verletzt worden.

RND/AP/epd

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