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  • Afghanistan: Taliban-Absage zur Verlängerung der Evakuierung - Menschen retten gegen die Uhr

Die weltweite Demütigung des Westens ist perfekt

  • Der Westen wollte die neuen Machthaber Afghanistans dazu bringen, die Frist zur Evakuierung früherer Helfer zu verlängern.
  • Doch die Taliban sagen Nein: Ab dem 31. August darf niemand mehr ohne ihre Erlaubnis in Kabul starten oder landen.
  • Für viele Betroffene kann diese Deadline den Tod bedeuten – und für den Westen ist die weltweite Demütigung jetzt perfekt. Eine Analyse von Matthias Koch.
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Angela Merkel ahnte schon, dass nichts Gutes herauskommen werde beim virtuellen G-7-Gipfel zum Thema Afghanistan. Schon vorab soll sie gegenüber dem gegenwärtigen Vorsitzenden der Runde, dem Briten Boris Johnson, Zweifel geäußert haben, ob es überhaupt weise sei, die Frage der nicht besonders realistischen Fristverlängerung für die Evakuierungen aus Kabul in diesem Kreis zu erörtern.

Es war in der Tat unklug. Mit dem Gipfel wurde das Drama nicht kleiner, sondern größer.

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Die Taliban machten sich sogar den Spaß, zeitlich parallel zu G7 entmutigende Botschaften um die Welt zu senden. Sie sagten nicht nur nein zu einer Fristverlängerung, sondern wollen schon jetzt generell keine Afghanen mehr vorlassen in Richtung Flughafen.

Unterm Strich hat sich die Lage der bedrohten früheren afghanischen Mitarbeiter der westlichen Streitkräfte damit nicht etwa verbessert, sondern verschlechtert.

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Afghanistan: Ortskräfte „wissentlich zurückgelassen“
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Das Patenschaftsnetzwerk für afghanische Ortskräfte hat der Bundesregierung unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen.  © Reuters

Die Taliban haben ihren ganz eigenen Stolz

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Für Joe Biden ist es wie verhext. Beim Thema Afghanistan traf er seine erste und bislang einzige große Fehlentscheidung. Doch seit er hier einmal falsch abgebogen ist, hören Pleiten und Pannen nicht auf. Biden sieht aus wie einer, dem mit Blick auf Afghanistan inzwischen überhaupt nichts mehr gelingt.

Theoretisch hätte man sich natürlich ein Entgegenkommen der Taliban in der Fristdebatte vorstellen können. Der Westen sitzt an wichtigen Schalthebeln, vor allem finanzieller Art. Doch die Taliban haben, wie sich zeigt, ihren ganz eigenen Stolz.

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Mit dieser ernüchternden Botschaft war auch schon Bidens CIA-Direktor William Burns am Vortag aus Kabul zurückgekehrt. Dort war Burns, wie am Dienstag bekannt wurde, zu einem geheimen Treffen mit dem derzeitigen De-facto-Führer der Taliban, Abdul Ghani Baradar, zusammengekommen.

Schon in diesem Tête-à-Tête liegt wieder eine neue Fragwürdigkeit. Musste Biden unbedingt das Schwergewicht Burns entsenden, der nicht nur sein oberster Spionagechef ist, sondern als früherer Vizeaußenminister zugleich der am höchsten dekorierte Diplomat in seinem Kabinett?

Für Taliban-Chef Baradar lag in dem Treffen in Kabul ein Triumph. Wer hätte gedacht, dass es ihm, der von der CIA einst wegen Spionage für acht Jahre ins Gefängnis gebracht wurde, vergönnt sein würde, eines Tages noch einmal einem leibhaftigen CIA-Chef gegenüber zu sitzen – und dessen höflich vorgebrachte Bitten abzulehnen?

Die Liste von Fehlern des Westens ist lang genug

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Biden, ein Vernunftpolitiker, scheint die emotionalen Triebkräfte zu verkennen, die auf der Gegenseite walten. Das ist gefährlich. Lieber sollte er zum Beispiel die neue Erklärung der Taliban ernst nehmen, dass jeder Versuch, noch nach dem 31. August in Kabul weitere westliche Evakuierungsflüge durchzuführen, eine rote Linie überschreiten würde. Unausgesprochen liegt darin ja auch eine Terrordrohung: Mit Boden-Luft-Raketen könnte man die behäbigen Großraumflugzeuge, die derzeit täglich starten und landen, abschießen wie Tontauben.

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Die Demütigung des Westens durch die Taliban ist längst perfekt. Und die Liste von Fehleinschätzungen ist lang. Der Westen sollte jetzt nicht weitere Fehler hinzufügen, die alles noch schlimmer machen. Die gestrige G-7-Runde war ein solcher Fehler. Die wichtigsten Staats- und Regierungschefs der Erde haben über Optionen geredet, die es schon nicht mehr gab. Sie haben versucht, neue Züge zu machen in einem Schachspiel, das sie schon verloren haben.

Den cooleren weltpolitischen Auftritt legte am gleichen Tag Moskau hin. Russlands Außenminister bot an, in Afghanistan zwischen verschiedenen Kräften „zu vermitteln“, „vernünftige Lösungen“ zu suchen und den „Frieden zu vertiefen“. Dass am gleichen Tag auf UN-Ebene erste Berichte über Massenmorde durch Taliban vorgelegt wurden, ging glatt unter. So sinkt der Stern des Westens.

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