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Schicksalsort Kabul Airport: Wo sich Afghanistans Zukunft entscheidet

  • Wer sichert nach dem Abzug der Amerikaner den Flughafen Kabul?
  • Diese Frage dürfte über die Zukunft von ganz Afghanistan entscheiden – und vieles deutet gerade auf Erdogan als Friedensfürsten hin.
  • Wenn alles klappt, behalten Millionen Menschen eine Perspektive – wenn nicht, droht eine Massenflucht.
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Die Taliban kommen? Ganz Afghanistan kippt?

Ach, es werde vieles übertrieben im europäischen Fernsehen, sagt der junge Mann, der an der Rezeption des Fünfsternhotels Serena in Kabul Anrufe aus dem Ausland entgegennimmt. In der afghanischen Hauptstadt habe sich eigentlich gar nichts verändert. Von der Normalität des Lebens in Kabul berichteten die Europäer nur leider nichts.

Die Zimmer bietet das Serena ab 133 Euro an, auch über eine Buchungsseite im Internet, wo sie als „fabelhaft“ bewertet werden. Der Pool, der klimatisierte Fitnessbereich, der oasenhafte Garten: Alles, verspricht der Rezeptionist, sei gerade bestens in Schuss.

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„Unser Fahrzeug ist allerdings nicht gepanzert, Sir“

Flüge nach Kabul sind übrigens in Deutschland von allen größeren Städten aus problemlos buchbar. Man zahlt eine dreistellige Summe, mal eher 800, last minute auch mal nur 400 Euro, und man muss einmal umsteigen, in Istanbul.

Und die Sicherheit? Man hole die Gäste gern am Flughafen ab, sagt der junge Mann, die Fahrt dauere nur 20 Minuten, alles kein Problem.

„Unser Fahrzeug ist allerdings nicht gepanzert, Sir“, schränkt er dann ein. „It’s a soft skin car.“

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Früher oder später fällt es doch auf, das Anderssein Afghanistans. Wachsende Modernität trifft auf wachsende mittelalterliche Gewaltandrohung. „Armoured“ (gepanzert) und „soft skin“ (übliches Blech) sind seit Langem die gängigen Kategorien für Autos im Lande, auch bei Mietwagen.

„Wirklich entspannt": Afghaninnen und Afghanen in der vorigen Woche im Kabul City Amusement Park. © Quelle: Getty Images
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„Die Leute hier in Kabul sind wirklich entspannt“

Per Mausklick mieten kann man auf schicken Portalen rund um die Uhr auch bewaffnete Begleiter. Die „Fixer“ sollen helfen, Probleme zu beheben oder sogenannte Missverständnisse auszuräumen, zum Beispiel für den Fall, dass der Wagen von Bewaffneten angehalten wird. Manches lässt sich mit Geld regeln, anderenfalls muss man beschleunigen, sich ducken und auf das schusssichere Glas vertrauen. Von Überlandfahrten wird derzeit abgeraten.

Kabul selbst aber ist noch im Lot, jedenfalls äußerlich. „Die Leute hier in Kabul sind wirklich entspannt“, sagt der 32-jährige Politikwissenschaftler Enayat Najafizada. Er selbst war gerade mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar in einem Lokal zum Essen. „Da läuft alles ganz normal.“

Bei den Gesprächsthemen allerdings dreht sich was. Wie man im Fall des Falles rauskommt aus der Stadt, ist zum Topthema geworden. Der eine hat ein Visum für die Türkei, der nächste plant einen Flug nach Islamabad in Pakistan. Wieder andere haben Einladungen aus der EU oder aus den USA in der Tasche.

Es ist eine urbane, mobile und finanziell einigermaßen flexible Schicht von Afghanen, die derzeit so redet. Sie alle eint der feste Wille, zu verschwinden, bevor die Taliban ihr ominöses Emirat ausrufen.

Nach Istanbul, nach Dubai, nach Delhi

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„Man muss das verstehen“, sagt Najafizada dem RedaktionsNetwerk Deutschland. „Die jüngeren Leute hier sind alle geprägt durch die 20 Jahre, in denen Amerikaner und Deutsche hier waren. Wir haben ja nichts anderes erlebt. Niemand will jetzt auf einmal unter die Herrschaft der Taliban geraten.“

Und so schielen jetzt alle auf den Flughafen. Das Paradoxe ist: Solange die Flucht möglich ist, muss man sie nicht unbedingt antreten. Noch funktioniert Kabul. Noch kommt man rein und wieder raus aus der Millionenmetropole, von der neuerdings niemand mehr genau sagen kann, wie viele Einwohner sie hat.

Kabul gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Inzwischen scheint sie auf dem Weg zur Fünf-Millionen-Marke zu sein. Sollte die Zahl weiter ansteigen, hat die Stadt bald so viele Einwohner wie ganz Dänemark.

Tag für Tag treffen, in vollgestopften alten Autos, immer mehr Binnenflüchtlinge ein, denen es in den bereits von den Taliban umlagerten Provinzen zu gefährlich geworden ist: Stadtluft macht frei. Und eines der stärksten Symbole dieser Freiheit ist Kabuls Flughafen.

Mal geht es nach Istanbul, mal nach Dubai, mal nach Delhi

Der Hamid Karzai International Airport ist kein Zentrum des internationalen Luftverkehrs. Über viel mehr als 25 Starts und 25 Landungen pro Tag kommt der Flughafen nicht hinaus. Dennoch ist das regelmäßige Auf und Ab der Maschinen ein beruhigendes Vitalitätszeichen ganz eigener Art, wie der EKG-Monitor auf der Intensivstation. Mal geht es nach Istanbul, mal nach Dubai, mal nach Delhi.

Und jede Maschine, die sich bald nach dem Start steil über den Hindukusch erhebt, sendet ein Signal zurück ins eigene Land. Das moderne Afghanistan ist noch da, und es bleibt offen für den Rest der Welt.

Aber wie lange noch? Die Uhr tickt.

Am heutigen Montag will die US-Luftwaffe anfangen, afghanische Hilfskräfte auszufliegen, die in den vergangenen Jahren fürs amerikanische Militär gearbeitet haben. Viele von ihnen fürchten ihre Ermordung durch die Taliban, einige wurden bereits geköpft. Auch die Bundeswehr will ihren Ortskräften helfen, es geht um rund 500 Menschen, plus Familien. In den USA wie in Deutschland hätte man bei diesem Thema früher und entschlossener handeln sollen.

„Keine Szenen wie in Saigon 1975″

Inzwischen ist in Nato-Kreisen zu hören, es gehe in den kommenden Wochen nicht zuletzt auch um die Optik. Man wolle „keine chaotischen Szenen wie in Saigon 1975“. Damals klammerten sich verzweifelte südvietnamesische Helfer an die Kufen der letzten amerikanischen Hubschrauber, die das Land verließen.

Ab dem 11. September sollen so oder so auch die allerletzten amerikanischen Soldaten Afghanistan verlassen. US-Präsident Joe Biden will beim Zeitplan nicht wackeln, er hat seinen Amerikanern schon im Wahlkampf 2020 „das Ende dieses endlosen Krieges“ versprochen.

Saigon, 29. April 1975: Vietnamesische Angestellte fliehen per US-Hubschrauber vom Dach eines Hauses in Saigon, in dem neben der Hilfsorganisation USAid auch Büros des Geheimdienstes CIA untergebracht waren. © Quelle: Wikipedia

Wer aber sorgt ab September für die Sicherheit des Flughafens Kabul? Die Fliegerei hat nicht nur symbolischen Wert. Schon Ende Juni haben USA und Nato die Luftwaffenbasis Bagram geräumt. Seither fungiert Kabul faktisch als Afghanistans einziges Tor zur Welt.

Schon die bloße Aussicht auf Chaos an diesem Flughafen könnte eine Kettenreaktion auslösen – mit unheilvollen Folgewirkungen für ganz Afghanistan. Erst würden ausländische Botschaften schließen, dann würden die Hilfsorganisationen ihre Präsenz einstellen – und parallel dazu würde eine neue Massenflucht einsetzen, mit Zahlen, die schnell in die Millionen gehen könnten.

Bliebe indessen der Flughafen intakt und funktionsbereit, wäre dies ein massiver Konter der modernen Afghanen im immer weiter eskalierenden Psychokrieg gegen die Taliban. Im besten Fall würden die Städter den Kämpfern aus der Provinz eine Nase drehen: Seht mal her, hier stoßt ihr an Grenzen.

Lieber das Land aufteilen als Blut vergießen

Viele in Kabul hoffen inzwischen, ohne es laut zu sagen, auf eine Teilung Afghanistans in einen modernen und einen unmodernen Teil. Sollen doch die Taliban in den Provinzen grob gesagt machen, was sie wollen, solange sie nur ja nicht in Kabul einrücken.

Ein spannungsreicher, ungelöster Dauerkonflikt dieser Art erschiene vielen als das geringere Übel im Vergleich zu einem neuen, blutigen Bürgerkrieg, der ganz Kabul zu einem Schlachthaus machen könnte. Eben erst zeigten westlichen Journalisten junge Frauen, die sich am Gewehr und im Häuserkampf ausbilden lassen. Zum gefleckten Tarnanzug trugen einige von ihnen Ballerinas.

„Da läuft alles ganz normal“: Schülerinnen der Zarghoona High School freuten sich am Wochenende in Kabul über ein erstes Zusammenkommen nach wochenlanger Corona-Pause. © Quelle: Getty Images

Aber werden die Taliban sich mit einer Rolle als Provinzregenten zufriedengeben? Was, wenn sie gezielt schon ab September nach dem Flughafen greifen – und damit dem aus ihrer Sicht verwestlichten Kabul als Erstes die Luft abdrehen?

Aus Sicht der Taliban wäre ein Angriff auf den Flughafen sinnvoll

Einen Überraschungsangriff auf den Flughafen halten westliche Militärs für denkbar und aus Sicht der Taliban auch für sinnvoll – je früher, desto besser. Es würde gut passen zur Psychostrategie der Taliban, die derzeit auch in den Provinzen darauf zielen, ihre Gegner möglichst schnell zu entmutigen.

Anders aber als in manchen Dörfern draußen im Land können die Taliban in der Hauptstadt nicht damit rechnen, auch nur kleinste Teile der zivilen Infrastruktur ohne Kampf von der regulären Regierung und von den Bewohnern ausgehändigt zu bekommen. Als Letztes bekämen sie den Flughafen.

Das afghanische Militär hat vor wenigen Tagen immerhin ein modernes Raketenabwehrsystem am Flughafen installiert. Piste und Terminal mit Raketen zu zerstören, ist jetzt nicht mehr so einfach. Wie aber massive Attacken zu Land abgewehrt werden sollen, bleibt unklar. Auch nach Abzug der Amerikaner braucht man rund um den Flughafen eine professionelle Truppe.

Erdogan pokert „richtig gut“ mit Biden

US-Präsident Biden hat längst erspürt, dass es hier nicht um irgendein Detail geht, das man den Militärs überlassen darf. Biden spielt, von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, den Ball in Richtung Türkei: Die türkische Armee soll sich um Hamid Karzai International dauerhaft kümmern.

Er diskutierte über das Thema Flughafen sogar bereits in einem Vieraugengespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, am Rande des Nato-Gipfels in Brüssel im Juni.

Bei der Nato heißt es, Erdogan habe sich, mit klarem Blick auf eigene Interessen, einmal mehr als gerissener Verhandler erwiesen: „Im Pokern ist er ja richtig gut.“

Schon bei der Begegnung der beiden Präsidenten am Rande des Nato-Gipfels war der Flughafendeal ein Thema: Joe Biden und Recep Tayyip Erdogan am 14. Juni in Brüssel. © Quelle: imago images/Belga

Erdogan möchte als Erstes die Sanktionen wegverhandeln, die der US-Kongress gegen die Türkei verhängt hat, nachdem Ankara in Russland ein Raketenabwehrsystem gekauft hatte. Bei diesem – parteipolitisch komplizierten – Manöver könnte der von Biden ernannte neue US-Botschafter in Ankara helfen, Jeff Flake, ein Republikaner.

Es geht nicht um einen Schönheitspreis

Grundsätzlich ist Erdogan für den Flughafendeal aufgeschlossen, doch er stellt Bedingungen. Vor allem hält er, wie beim Flüchtlingsdeal mit der EU, die Hand auf. In arabischen Medien kursieren bereits Hinweise, Ankara wolle Söldner anheuern, etwa aus Syrien, und nicht lange nach deren Herkunft fragen; die Rede ist von 3000 Dollar als Monatsgehalt.

In Nato-Kreisen in Brüssel heißt es, niemand lege Wert auf einen Schönheitspreis. Am Ende aber könne eine Konstruktion, die nach schnödem doppelten Outsourcing aussieht – von den Amerikanern an die Türken, von den Türken an Söldner –, den Taliban durchaus einen Riegel vorschieben.

Die Bedeutung des Geldes dürfe man im armen Afghanistan nicht unterschätzen, sagt Politologe Najafizada, der in Kabul das Institut für Kriegs- und Friedensstudien leitet. „Wenn der Westen die nötige Finanzierung sicherstellt, wird es am Ende eine effiziente Truppe geben, die den Flughafen verteidigt.“

Die finanzielle Unterstützung des Westens ist aus seiner Sicht entscheidend für den Erfolg eines Flughafen-Deals mit der Türkei: Enayat Najafizada, Politikwissenschaftler in Kabul. © Quelle: IWPS

Auch der Türkei-Experte Selim Cevik von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht die Dinge gar nicht so pessimistisch. Vieles sei im Fall der Türkei anders als bei den zuvor in Afghanistan gescheiterten Nationen.

Die Türkei genieße in Afghanistan hohes Ansehen, nicht nur weil sie ein islamisches Land sei. Türken hätten sich nicht an den Kämpfen beteiligt, aber stets die humanitäre Lage im Land im Auge behalten.

Cevik erinnert an den 2003 erstmals ernannten Hohen Vertreter der Nato für Zivilangelegenheiten in Afghanistan: Das neue Amt übernahm ein früherer türkischer Außenminister. Als einer der ersten Politikwissenschaftler in Deutschland hat Cevik die neuen Perspektiven in einem Aufsatz aufgezeigt.

Erdogan als Friedensfürst?

Jüngst warnten Vertreter der Taliban die Türkei vor einer Einmischung. Es gab drohende Töne: Die Regierung in Ankara werde „die Konsequenzen tragen müssen“.

Doch Cevik glaubt, dass die Türkei vor den Taliban nicht zurückweichen muss: „Ankara hat genügend diplomatische Kanäle, sowohl zu den Taliban als auch zu deren wichtigsten Helfern in Pakistan.“

Tritt am Ende noch Recep Tayyip Erdogan überraschend als eine Art Friedensfürst in Afghanistan in Erscheinung? Es wäre eine ganz neue Rolle für den im Westen allseits kritisierten Präsidenten.

„Optimal wäre für Erdogan ein innerafghanisches Abkommen, das die Gewalt fürs Erste in Schach hält“: Salim Cevik, Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. © Quelle: SWP

Cevik lacht, wenn man ihn darauf anspricht. Aber ausschließen will er einen derart verblüffenden Ausgang ausdrücklich nicht. Erdogan prüfe in diesen Tagen gerade sehr genau, was für ihn und sein Land drinliegt. Unter anderem gehe es um wirtschaftliche Vorteile im Verhältnis zu den USA und der EU.

Zugleich suche Erdogan nach Möglichkeiten, die Türkei nicht unelegant aussehen zu lassen, als eine Art Ersatzspieler für die USA. „Er will nicht, dass die Türken sagen: Jetzt opfert er unsere jungen Leute im Kampf gegen die Taliban. Das kann er sich innenpolitisch nicht leisten.“

Optimal wäre für Erdogan ein innerafghanisches Abkommen, das die Gewalt fürs Erste in Schach hält. Auf jeden Fall, sagt Cevik, werde ein Flughafendeal die Rolle der Türkei vollkommen verändern, mit Wirkungen für ganz Afghanistan und auch darüber hinaus.

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