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Riesige Datenbanken nun in Taliban-Hand – Werkzeug für Unterdrückung?

  • Große digitale Sammlungen persönlicher Daten sollten dazu dienen, Afghanistan zu modernisieren.
  • Dazu zählen Fingerabdrücke, Gesichtsscans von Polizisten und Regierungsmitarbeitern.
  • Jetzt haben die Taliban die Macht und nicht alle Daten konnten gelöscht werden.
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Boston. Über zwei Jahrzehnte hinweg haben die USA und ihre Verbündeten Hunderte Millionen Dollar ausgegeben, um Datenbanken für das afghanische Volk aufzubauen. Ziel war es, Recht, Ordnung sowie die Rechenschaftspflicht der Regierung zu fördern und ein vom Krieg verwüstetes Land zu modernisieren. Aber im Zuge ihrer raschen Machtübernahme ist der größte Teil der digitalen Systeme anscheinend in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen, darunter Biometrie zur Bestätigung von Identitäten.

Daten nur wenig gesichert

Nun gibt es Befürchtungen, dass diese Dateien, die mit nur wenigen Schutzvorrichtungen aufgebaut wurden, von den Taliban als Instrument für einen Überwachungsstaat genutzt werden könnten – für soziale Kontrolle und Bestrafung vermeintlicher Feinde. Um solche digitalen System konstruktiv einzusetzen, für bessere Bildung etwa, die Ermächtigung von Frauen und die Bekämpfung von Korruption, bedarf es demokratischer Stabilität. Diese hatten die Schöpfer auch im Sinn, als sie die Dateien aufbauten, an die Möglichkeit einer Niederlage dachten sie nicht.

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„Es ist eine schreckliche Ironie“, sagt Frank Pasquale, Experte für Überwachungstechnologien an der Brooklyn Law School. Was sich abspiele, sei ein Lehrbeispiel für das Sprichwort „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“.

Tatsächlich sind seit dem Einmarsch der Taliban am 15. August in Kabul Hinweise aufgetaucht, dass die Dateien bereits zur Identifizierung und Einschüchterung von Afghanen genutzt worden sein könnten, die mit den US-Truppen im Land zusammengearbeitet haben. Leute erhielten ominöse und bedrohliche Anrufe und SMS-Botschaften, schildert Neesha Suarez, eine enge Mitarbeiterin des US-Abgeordneten und Irakkriegsveteranen Seth Moulton. Sein Büro versucht Afghanen aus dem Land zu helfen, die den US-Truppen beigestanden hatten und nach deren Abzug gestrandet waren.

Ein US-Auftragnehmer in Kabul war nach eigenen Angaben an der Entwicklung einer von den USA finanzierten Datenbank zum Management der Soldaten-und Polizeigehälter in Afghanistan beteiligt. Er und Mitarbeiter seien per Telefon ins Verteidigungsministerium zitiert worden, sagte der 27-Jährige, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AP. Er halte sich nun versteckt und ändere seinen Aufenthaltsort täglich.

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Die Taliban haben zwar nach ihrer Machtübernahme versichert, dass sie nicht an Vergeltung interessiert seien. Bislang gibt es auch nur wenige Anzeichen für eine Rückkehr zu den drakonischen Beschränkungen, insbesondere für Frauen, die sie während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 verhängt hatten. Aber viele misstrauten den Militanten, sagt Ali Karimi, ein Gelehrter an der University of Pennsylvania. Er sorgt sich, dass die Datenbanken rigiden fundamentalistischen Theokraten in Sachen Überwachung „dieselben Fähigkeiten wie einer durchschnittlichen US-Regierungsbehörde“ geben könnte.

Datenbank mit Telefonnummern, Fingerabdrücke, Gesichtsscans

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Die Datei zum Management der Polizisten-und Soldatengehälter zählt zu den besonders sensiblen Systemen. Sie enthält Angaben über mehr als 700.000 Sicherheitskräfte – von Telefonnummern über Fingerabdrücke bis hin zu Iris-und Gesichtsscans, wie zwei afghanische Auftragnehmer schildern, die an der Datenbank mitgearbeitet haben.

Nur autorisierte Benutzer haben Zugang zu dem System, und wenn die Taliban keinen finden können, sei zu erwarten, dass sie es mit Hacking versuchten, sagt ein früherer hochrangiger Sicherheitsbeamter der von den Taliban vertriebenen Kabuler Regierung. Er glaubt auch, dass der pakistanische Geheimdienst ISI, seit Langem ein Schirmherr der Taliban, gern zu technischer Hilfe bereit sei. US-Analysten erwarten auch von chinesischer, russischer und iranischer Seite ähnliche Angebote.

Das System, zur Bekämpfung von Lohnbetrügereien entwickelt, sollte später mit einer anderen mächtigen bei den Ministerien für Verteidigung und Inneres angesiedelten Datenbank verknüpft werden. Diese entstand nach dem Vorbild einer Datei, die das Pentagon 2004 zur Identifizierung von Personen in Kampfzonen geschaffen hatte, und war ursprünglich als Werkzeug zur Überprüfung der Loyalität von Militär- und Polizeirekruten gedacht. Sie wuchs dann aber zu einem massiven Speicher mit 8,5 Millionen Daten an, so auch über Regierungsfeinde und Zivilpersonen.

Viele sensiblen Daten wurden vernichtet

US-Beamten zufolge wurde diese Datei aber rechtzeitig vor dem US-Abzug gelöscht, mithilfe einer Software auf militärischem Niveau. Auch 20 Jahre an Daten, die der afghanische Geheimdienst durch Telekommunikations-und Internetüberwachung gesammelt hat, wurden vernichtet, wie der ehemalige Sicherheitsbeamte der Kabuler Regierung sagt. Zu den noch verbliebenen sensiblen Dateien zählen eine mit ausführlichen Einzelheiten über ausländische Auftragnehmer und eine mit Angaben über die Finanzierungshilfen durch internationale Stellen.

Und dann sind da die Daten – mit Iris-Scans und Fingerabdrücken von etwa neun Millionen Afghanen – unter der Kontrolle der afghanischen Behörde für Statistik und Information. Wer einen Pass oder Führerschein beantragt oder sich bei einer Universität um Aufnahme bewirbt, muss sich seit mehreren Jahren einer biometrischen Überprüfung unterziehen. Westliche Hilfsorganisationen haben den Nutzen der Datei – vor allem für eine Ermächtigung der Frauen – gepriesen, so bei der Registrierung von Landbesitz und der Sicherung von Bankkrediten. Die Taliban erben auch eine Datei mit Iris- und Gesichtsabtastbildern sowie Fingerabdrücken von 420.000 Regierungsangestellten.

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Die Ansammlung einer solchen Menge an persönlichen Daten möglicherweise in Taliban-Hand hat 37 Bürgerrechtsgruppen auf den Plan gerufen. In einem Brief vom 25. August forderten sie die unverzügliche Schließung und, wo immer möglich, das Löschen „digitaler Identitätswerkzeuge“. Autoritäre Systeme, so warnen sie, hätten derartige Daten genutzt, „um verletzliche Leute ins Visier zu nehmen“.

RND/AP

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