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Ortskräfte in Afghanistan: Deutschland hat sein Wort gebrochen

  • In Afghanistan warten noch immer viele Tausend Menschen darauf, dass Deutschland sein Versprechen wahr macht und Ortskräfte mit ihren Familien aus dem Krisengebiet ausfliegt.
  • Bereits im Juli kündigte die Bundesregierung an, auch über Charterflüge nachzudenken.
  • Rund 1800 Menschen haben es bereits nach Deutschland geschafft – die, die zurückbleiben, verlieren zunehmend ihren Glauben in ihren ehemaligen Arbeitgeber.
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Kabul/Berlin. Die Lage in Afghanistan spitzt sich weiter zu. Allein am Donnerstag fielen die Provinzhauptstädte Gasni und Kala-e Nau an die Taliban. Dazu eroberten sie auch die zweitgrößte und drittgrößte Stadt des Landes, Kandahar und Herat. Am Freitagmorgen übernahmen sie die Kontrolle der Provinzhauptstadt Laschkargah, womit nun in gerade einmal einer Woche 15 Provinzhauptstädte an die Taliban fielen.

Abschiebungen nach Afghanistan sind seit Mittwoch vorerst vom Bundesinnenministerium gestoppt. Die Sicherheitslage in dem Land am Hindukusch habe sich drastisch verändert. Wenige Tage zuvor appellierte der deutsche Botschafter mit anderen EU-Kollegen in Kabul eindringlich an die Staatenunion, dass ihre Mitglieder keine weiteren Abschiebungen mehr nach Afghanistan vornehmen.

Die Lage im Land ist dramatisch, immer mehr Menschen fliehen vor den radikalen Kämpfern der Taliban. Auch die Ortskräfte, die die Bundeswehr und deutsche Polizei bei ihrem 20-jährigen Einsatz am Hindukusch unterstützt haben, suchen Zuflucht. Alleine 340 Menschen befinden sich auf engstem Raum in sogenannten Safehouses des „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.“ in Kabul. Erst zuletzt wurde das dritte Haus eröffnet, um geflüchtete, ehemalige afghanische Mitarbeiter Deutschlands aus Kundus und ihre Familien in Sicherheit zu bringen.

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„Haben keine Wochen mehr Zeit, die Ortskräfte noch in Sicherheit zu bringen“

Insgesamt befinden sich noch 1000 Ortskräfte und Familienangehörige mit Visa in Afghanistan, 1800 Menschen wurden bereits nach Deutschland ausgeflogen, knapp 2000 Menschen warten noch auf Bestätigung ihres Antrags. „Es herrscht wirklich großes Unverständnis, die Menschen hier, die für die Bundeswehr und das Innenministerium gearbeitet haben, empfinden das jetzige Verhalten der deutschen Politik als Wortbruch“, sagte Marcus Grotian, Vorsitzender des Patennetzwerks und Soldat, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Wir haben keine Wochen mehr Zeit, die Ortskräfte noch in Sicherheit zu bringen.“

Marcus Grotian, Vorsitzender von Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V. © Quelle: privat
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Zuletzt berichtete die „Washington Post“ unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten davon, dass Kabul bereits in 30 bis 90 Tagen an die militant-islamistischen Taliban fallen könnte. Viel früher als bislang von den USA angenommen. „Dort wo sich die Ortskräfte aktuell aufhalten, können nach unserer Kenntnis noch überall Flugzeuge landen“, sagte Grotian. Für viele von ihnen sei es mittlerweile unmöglich, sich über den Landweg in Sicherhit zu bringen. „Ob die Ortskräfte überhaupt noch aus Masar-e Scharif raus kommen, wissen wir nicht.“

Soldat Grotian fordert die Politik als Vorsitzender des Patennetzwerks auf, „alle Visa-Anträge der Ortskräfte im Einzelfall zu prüfen. Der pauschale Ausschluss von Ortskräften zum Visaverfahren aufgrund politischer Vorgaben muss gestoppt werden.“ Pauschal abgelehnt werden von Deutschland zur Zeit solche Ortskräfte, die vor 2013 für Bundeswehr oder Polizei in Afghanistan gearbeitet haben. Viele Kräfte vor Ort hätten aber aus „Angst um ihre Jobs“ in den vergangenen Jahren auf solche Anträge verzichtet, berichtet Grotian.

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Merkel: „Setze mich sehr dafür ein“

Nach Angaben vom Patenschaftsnetzwerk handelt es sich dabei um rund 800 Ortskräfte mit Familienangehörigen, die aktuell nicht als antragsberechtigt für ein Visum für Deutschland gelten. Insgesamt also knapp 4000 Menschen. „So, wie wir uns jetzt gegenüber den afghanischen Ortskräften verhalten, wird es für die Bundeswehr in Zukunft schwer, in Einsatzgebieten weltweit Ortskräfte zu finden, die beim Einsatz unterstützen“, warnt Grotian, der selbst 2011 im Einsatz in Afghanistan war.

Die Bundesregierung hat bereits im Juli angekündigt, notfalls mit Charterflügen Ortskräfte in Sicherheit bringen zu wollen. „Ich möchte, dass wir hier denen, die uns sehr stark geholfen haben, auch wirklich einen Ausweg geben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vergangene Woche: „Unser Ziel ist, dass diejenigen, die für Deutschland gearbeitet haben ab 2013, dass die auch die Möglichkeit bekommen, wenn sie das wünschen, nach Deutschland zu kommen, um eben genau nicht bedroht zu werden.“

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Außenminister Heiko Maas hat die in Afghanistan vorrückenden Taliban davor gewarnt, ein Kalifat in dem umkämpften Land zu errichten.  © dpa

Vor allem das Verteidigungsministerium hatte gedrängt, mehr zur Unterstützung gefährdeter, einheimischer Mitarbeiter zu tun, die der Bundeswehr beim Einsatz in dem Land geholfen hatten. „Ich setze mich sehr dafür ein, dass wir pragmatische Lösungen finden“, versprach die Kanzlerin. Grotian begrüßt den Vorstoß der Bundesregierung: „Diese Ankündigung freut uns natürlich.“ Doch allein der Worte „waren schon viele“.

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