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Flughafen Kabul: Schüsse, Chaos und verzweifelte Menschen

Der Ansturm von Menschen auf den Flughafen in Kabul hält nach der Machtergreifung der Taliban an.

Kabul. Angesichts des zunehmenden Zeitdrucks werden Verzweiflung und Gewalt rund um den Flughafen von Afghanistans Hauptstadt Kabul immer größer. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Gelegenheit, nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mit westlichen Flügen außer Landes zu kommen. Auch die Evakuierung von Ausländern war am Freitag noch längst nicht abgeschlossen.

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Auf dem Weg zum Flughafen erlitt ein Deutscher, ein Zivilist, eine Schussverletzung. Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte in Berlin: „Er wird medizinisch versorgt, es besteht aber keine Lebensgefahr.“

Zuvor hatte eine Beraterin der afghanischen Mission bei den Vereinten Nationen in den USA auf Twitter geschrieben, einem Familienmitglied sei am Donnerstag am Flughafen Kabul in den Kopf geschossen worden. Trotz der Gefahr hielt der Ansturm von Menschen, die auf das Flughafengelände gelangen wollen, den fünften Tag in Folge an. Taliban-Kämpfer feuerten am Eingang zum zivilen Teil des Flughafens in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben, wie ein Augenzeuge der Deutschen Presse-Agentur dpa berichtete.

Immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen

Am Flughafen gibt es einen zivilen und einen militärischen Bereich. Die Menge am Zugang zum militärischen Teil sei groß und unberechenbar, berichtete ein Reporter des US-Senders CNN. Bilder zeigten, wie US-Soldaten in die Luft schossen, damit die Menschenmenge von den Außenmauern zurückweicht.

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In einem Schreiben der deutschen Botschaft an Menschen, die auf einen Flug hoffen, hieß es: „Die Lage am Flughafen Kabul ist äußerst unübersichtlich. Es kommt an den Gates immer wieder zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Der Zugang zum Flughafen ist derzeit möglich. Zwischendurch kann es aber immer wieder kurzfristig zu Sperrungen der Tore kommen, auch weil so viele Menschen mit ihren Familien versuchen, auf das Gelände zu kommen. Wir können Sie leider nicht vorab informieren, wann die Tore geöffnet sein werden.“

Evakuierte aus Kabul nach Landung: „Jeden Tag wurde es schlimmer“

Die ersten Ausgeflogenen sind in Frankfurt angekommen, sie berichten von dramatischen Szenen am Flughafen.

USA wollen Truppenabzug bis 31. August

Die Nerven liegen bei vielen Menschen blank, weil der Zeitdruck wächst: Die USA wollen eigentlich bis zum 31. August den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan abschließen. Vom Schutz durch die derzeit 5200 US-Soldatinnen und -Soldaten hängen aber die Evakuierungseinsätze anderer Streitkräfte wie beispielsweise der Bundeswehr ab.

US-Präsident Joe Biden geht davon aus, dass zwischen 50.000 und 65.000 Menschen von den USA in Sicherheit gebracht werden wollen. Möglicherweise bleiben auch über den 31. August hinaus US-Truppen in Kabul – sicher ist das nicht. Zudem ist ungewiss, wie sich die Taliban verhalten.

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Die Bundeswehr twitterte am Freitag, sie habe bislang 1649 Menschen aus 38 Nationen über eine Luftbrücke in Sicherheit gebracht. Es ist der bislang größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr. Die US-Streitkräfte flogen seit Samstag dem Pentagon zufolge 7000 Menschen ins Ausland.

Am Sonntag hatte der afghanische Präsident Aschraf Ghani fluchtartig das Land verlassen. Wenige Stunden später nahmen die Taliban kampflos die auf 5,4-Millionen-Einwohner-Stadt ein. Seitdem sind sie die neuen Machthaber in Afghanistan.

Amnesty warnt: Religiöse Minderheiten gefährdet

US-Geheimdienste haben nach Informationen der „New York Times“ bereits im Juli vor einem raschen Zusammenbruch des afghanischen Militärs und einem wachsenden Risiko für die Hauptstadt Kabul gewarnt. In mehreren Berichten stellten sie zu dieser Zeit unter anderem in Frage, ob afghanische Sicherheitskräfte den militant-islamistischen Taliban ernsthaften Widerstand leisten würden, schrieb das Blatt unter Berufung auf informierte Kreise.

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Biden hatte am 8. Juli noch öffentlich erklärt, eine Machtübernahme der Taliban in ganz Afghanistan sei unwahrscheinlich. Trotz des Vormarschs der Islamisten hielt er damals an seinen Abzugsplänen fest.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International macht die Taliban für ein Massaker an der Hazara-Minderheit in Afghanistan Anfang Juni verantwortlich. Nach der Machtübernahme in der Provinz Ghazni hätten die militanten Islamisten neun Männer auf grausame Weise getötet, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. „Diese gezielten Tötungen sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten auch unter der neuen Herrschaft der Taliban in Afghanistan besonders gefährdet sind“, sagte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard.

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RND/dpa

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