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  • Afghanistan-Experten überall – doch ein Rätsel bleibt ungelöst

Gab es geheime Deals in Afghanistan?

  • Plötzlich sind Deutschlands Biertische voller Afghanistan-Experten: Es sei doch „völlig klar gewesen“, heißt es dröhnend, was da passieren würde.
  • In Wahrheit aber gilt: Nichts ist klar in Afghanistan.
  • Vor allem ein zentrales Rätsel bleibt ungelöst, auch für die Afghanen selbst. Ein Kommentar von Matthias Koch.
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Afghanistan hat in diesen Tagen nicht nur die westliche Welt verwirrt.

Auch die Afghanen selbst stehen noch immer vor einem zentralen Rätsel. Warum verzichteten, wie auf ein unhörbares Kommando, Hunderttausende Soldaten der afghanischen Armee darauf, die Waffen zu erheben, als die Taliban kamen?

Verdächtig schnell wurde stattdessen Präsident Aschraf Ghani außer Landes gebracht. In der Nacht zum Dienstag wunderten sich, wie CNN-Korrespondentin Clarissa Ward aus Kabul berichtete, sogar die Taliban selbst über das Tempo, mit dem sie in den Präsidentenpalast eindringen konnten.

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+++ Alle Entwicklungen in Afghanistan hier im Liveblog +++

Die große Schlacht um Kabul wurde vermieden

Welche geheimen Deals hat es da gegeben? Welche Rolle spielten auswärtige Mächte? Wie weit ging vorab die diskrete Infiltration von Armee und Polizei?

War seine schnelle Ausreise ins Ausland Teil eines geheimen Deals? Aschraf Ghani, bis zur Machtübernahme durch die Taliban Präsident von Afghanistan. © Quelle: Rahmat Gul/AP/dpa
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Die Klärungen werden dauern. Eins aber steht schon fest: Das afghanische Rätsel wird man nicht lösen durch billige parteipolitische Schuldzuweisungen innerhalb der Hauptstädte des Westens. Merkt denn keiner, dass in solchen Debatte etwas Überhebliches und Kolonialistisches liegt?

Man mag es kaum aussprechen angesichts des düsteren Ausblicks auf die Menschenrechtslage. Aber vielleicht tastet sich Afghanistan jetzt gerade hinein in einen ganz eigenen Weg. Ja, es gab entsetzliche Szenen auf dem Flughafen. Und ja, die Verzweiflung weltoffener Afghanen, die im Schutz flatternder Nato-Fähnchen aufwuchsen, ist groß. Immerhin aber, auch das gehört zur realpolitischen Bilanz dieser Tage, ist die oft vorhersagte große blutige Schlacht um Kabul vermieden worden.

Keine Angriffe auf westliche Soldaten am Flughafen

Der Westen muss jetzt die Nerven bewahren und aus der neuen Lage das Beste machen. Dazu gehört es, am Flughafen Kabul eine Schleuse zu etablieren, mit deren Hilfe Gefährdete geordnet außer Landes gebracht werden: Deutsche, afghanische Ortskräfte, politisch Verfolgte, bedrohte Frauen.

Afghanistans – mittlerweile einziges – Tor zur Welt: Der Flughafen Hamid Karzai International in Kabul auf einer Satellitenaufnahme. © Quelle: -/Planet Labs Inc/dpa
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Angriffe der Taliban auf die westlichen Flugzeuge und Sicherungstruppen hat es bislang nicht gegeben. Dabei spielt offenbar die – auch öffentlich vorgetragene – Drohung des amerikanischen Präsidenten Joe Biden eine Rolle, die Taliban würden in einem solchen Fall einen hohen Preis zahlen. Niemand weiß, was sonst noch alles zwischen US-Regierung und den Taliban verabredet wurde.

Am Dienstag verkündeten die Taliban eine Amnestie für alle afghanischen Regierungsbeamten. Zudem ließ ein Aufruf an Afghanistans Frauen aufhorchen, sich doch bitte an der künftigen Regierung zu beteiligen. Ist das pure Propaganda oder der Beginn von etwas Neuem? Man sollte misstrauisch bleiben und die Fakten abwarten.

Hoffnung auf eine Luftbrücke nach Taschkent

Nach anfänglichem Chaos konnten US-Truppen und Bundeswehr immerhin mit ihren ersten Flügen zunächst die Zahl der westlichen Soldaten hochfahren, die den Flughafen sichern. Dies wiederum schuf den nötigen Rahmen für die erfolgreichen A400M-Evakuierungsflüge der Bundeswehr am Dienstagnachmittag. Wenn es gut geht, wird Deutschland in den nächsten Tagen eine stabile Luftbrücke nach Taschkent errichten.

Im Pendelverkehr zwischen Kabul und Taschkent: Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der deutschen Luftwaffe (beim Start in Wunstorf, Niedersachsen). © Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Zu besichtigen ist jetzt am Hamid Karzai International Airport ein beeindruckendes Ineinandergreifen von humanitären und militärischen Aktivitäten. Das sollte jenen zu denken geben, die beides stets im Widerspruch zueinander sehen.

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Oft sind in Deutschland Debatten um Afghanistan auffallend leidenschaftlich und auffallend unsortiert zugleich. Viele von jenen, die jetzt den schnellen Abzug tadeln, hatten vor Jahren für einen noch viel schnelleren Abzug plädiert. Hätte das dann etwas Gutes bewirkt? Oder wäre das Kartenhaus dann einfach ein paar Jahre früher kollabiert?

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