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Afghanistan-Experte: „Die Taliban streben nach internationaler Anerkennung“

  • Christian Wagner ist Mitglied der Stiftung Wissenschaft und Politik und berät politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
  • Im RND-Interview spricht der Afghanistan-Experte darüber, wie es in dem Land nach dem Siegeszug der Taliban weitergeht.
  • Er sagt: „Die jetzige Taliban-Herrschaft unterscheidet sich von der in den 1990er-Jahren.“
Simon Ecker
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Berlin. Christian Wagner ist seit 18 Jahren bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Davor war er unter anderem an den Universitäten in Berlin, Freiburg und Bonn tätig. Bei der SWP gehören Asien sowie die Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu seinen Forschungsgebieten.

Herr Wagner, die Taliban haben Afghanistan erobert. Wie geht es dort jetzt weiter?

Eine funktionsfähige Regierung aufzubauen wird nun die größte Herausforderung für die Taliban. Da es in Afghanistan kaum finanzielle Mittel gibt, sind sie in der Anfangszeit auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Diese wird vermutlich aus dem arabischen Raum von Ländern wie Saudi-Arabien und Katar kommen, die den Taliban ideologisch nahestehen. Mittel- und langfristig werden diese Gelder aber nicht reichen. Die Taliban haben deshalb ein Interesse daran, anders als bei ihrer letzten Herrschaft ab 1996, international anerkannt zu werden.

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Was unterscheidet die jetzige Taliban-Herrschaft von der damaligen?

Es herrschen ganz andere Voraussetzungen. 1996 kam das Land aus dem Bürgerkrieg, heute profitiert Afghanistan von den großen Entwicklungsfortschritten, die der Westen zum Beispiel im Bildungs- und Gesundheitssektor angestoßen hat. Die Taliban finden einen funktions­fähigeren Staat vor, als das in den 1990er-Jahren der Fall war, und können an die Grundlagen anknüpfen, die der Westen geschaffen hat.

Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. © Quelle: Stiftung Wissenschaft und Politik

Was heißt das konkret?

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Da die Taliban ihre Herrschaft nicht durch Demokratie und Wahlen aufbauen, müssen sie ihre Legitimation durch Erfolge erzielen. Also dass beispielsweise der Gesundheits- und der Bildungssektor weiterhin funktionieren. Der moderne afghanische Staat ist zu großen Teilen allerdings von der Beteiligung der Frauen abhängig, die in eben jenen Bereichen arbeiten.

Die Position und Rechte der Frauen standen bei den Taliban bisher nicht gerade an oberster Stelle.

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Die Taliban haben bereits angekündigt, Frauen an der Regierung beteiligen zu wollen, und werden weitere Zugeständnisse machen müssen, wenn es um deren Teilnahme am öffentlichen Leben und der Arbeit geht.

Kann die afghanische Bevölkerung also eine moderate Taliban-Herrschaft erwarten?

Um das Land weiterzuentwickeln, wird die finanzielle Unterstützung aus dem arabischen Raum allein nicht reichen. Dadurch sind die Taliban stärker von der internationalen Gemeinschaft abhängig. Während die westlichen Staaten ihre Zusammenarbeit von Zugeständnissen bei Frauen- und Menschenrechten abhängig machen, ist das bei Verhandlungen mit Russland oder China vermutlich keine Voraussetzung. Die Taliban haben dadurch mehr Optionen, mit wem sie zusammenarbeiten. Die finanziellen Druckmittel des Westens könnten demnach begrenzt sein.

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Wie groß ist der Rückhalt der Taliban in der Bevölkerung?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. In paschtunischen Gebieten im Süden ist die Zustimmung vermutlich höher als bei den ethnischen Minderheiten im Norden. Ebenso dürfte der Rückhalt in ländlichen Regionen des Landes höher sein als im städtischen Raum. Das liegt vor allem daran, dass in großen Städten wie Herat, Kabul oder Masar-i-Scharif die Entwicklungsfortschritte der vergangenen Jahre am deutlichsten spürbar sind.

Die Taliban haben versichert, dass Ortskräfte keine Racheaktionen zu befürchten haben. Wie glaubhaft sind solche Aussagen?

Man muss abwarten, wie sich die Situation in ein paar Monaten darstellt, wenn sich die Taliban-Herrschaft gefestigt hat. Wenn die internationale Aufmerksamkeit dann langsam vom Land abrückt, könnte es gut sein, dass alte Rechnungen doch noch beglichen werden.

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