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In Afghanistan stirbt jetzt auch die Hoffnung

  • Das Versagen der internationalen Streitkräfte in Afghanistan lässt sich nicht wiedergutmachen.
  • Die Menschen, die nun nicht mehr das Land verlassen können, sind der Verfolgung und Tötung durch die Taliban ausgesetzt.
  • Die deutsche Regierung gibt mitten im Wahlkampf ein verheerendes Bild ab, kommentiert Eva Quadbeck.
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Mit jedem Tag, an dem die Evakuierungen der gefährdeten Menschen aus Afghanistan nur schleppend läuft, schwindet die Hoffnung noch all jenen helfen zu können, die einen Anspruch darauf haben – menschlich, moralisch und offiziell. Es ist ein nicht wiedergutzumachendes Versagen, jenen Menschen nicht mehr helfen zu können, die den westlichen Streitkräften des Afghanistan-Einsatzes vertraut haben, die an Demokratie und Freiheit glaubten und auch schon während der militärischen Mission dafür ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Jagen, foltern, töten

Die Taliban werden die Helferinnen und Helfer ihrer Feinde jagen, foltern und töten. Da darf man sich keiner Illusion hingeben. Es ist geradezu zynisch, wenn den verzweifelten Menschen am Flughafen Kabul nun geraten wird, an einem „geschützten” Ort zu warten. Einen solchen Ort gibt es nicht mehr für sie in Afghanistan.

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Ziel des sogenannten Resolute Support war es, die Sicherheitskräfte in Afghanistan in die Lage zu versetzen, Land und Leute gegen die Taliban verteidigen zu können. Dazu waren sie ganz offensichtlich weder in der Lage noch willens. Jede an dem Einsatz beteiligte Nation wird ihren Teil aufarbeiten müssen. Allen voran die Amerikaner. Sie haben das Abzugsdatum bestimmt. Der frühere US-Präsident Trump, der nun über die „größte außenpolitische Erniedrigung der Geschichte” feixt, hat den Taliban die Chance gegeben, sich auf den Abzug der Amerikaner gut vorzubereiten, indem er diesen mit ihnen aushandeln ließ.

Bundeswehr wollte bis 2022 bleiben

Die Bundesregierung hatte die Notwendigkeit erkannt, dass man angesichts der Stärke der Taliban und der Schwäche der afghanischen Sicherheitskräfte das Land nicht einfach seinem Schicksal überlassen sollte. Es gibt einen Bundestagsbeschluss, der die Beteiligung der Bundeswehr an Resolute Support bis Ende Januar 2022 vorsieht. Dass ein solcher Beschluss nichts wert ist, wenn ihn die Amerikaner nicht mittragen, zeigt einmal mehr, wie abhängig Deutschland weiterhin außenpolitisch und militärisch von den USA ist. Noch nicht einmal die Rettung der eigenen Helferinnen und Helfer aus Kabul funktioniert ohne Schutz der US-Armee.

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Eine afghanische Frau hat an Bord eines US-Evakuierungsflugzeugs ein Baby zur Welt gebracht. © Quelle: -/Air Mobility Command /dpa

Die Bereitschaft, länger in Afghanistan zu bleiben, ist leider der einzige Punkt, den die Regierung auf der Seite „richtig” stehen hat, ansonsten reihen sich die fatalen Fehler aneinander, für die man sich nun munter gegenseitig die Schuld zuschiebt.

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Sicherheitslage hatte sich längst verschärft

Kern des Problems ist, dass man sich das Scheitern der Mission in Afghanistan nicht eingestehen wollte. Die Ortskräfte wurden zunächst mit dem Argument nicht evakuiert, dass der Abzug ja keine Flucht sein solle und dass diese zur Stärkung der Zivilgesellschaft gebraucht würden. Dabei hatte sich die Sicherheitslage wegen der Stärke der Taliban schon lange verschärft. Auch ohne Geheimdienstinformationen war klar, dass die Taliban früher oder später ihren Siegeszug antreten würden.

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Mehrere Tote im Gedränge am Flughafen Kabul
0:58 min
Seit dem vergangenen Sonntag sind am Flughafen von Kabul mindestens zwölf Menschen erschossen oder zu Tode getrampelt worden.  © Reuters

Die Ortskräfte haben schon während der Mission Resolute Support ein gefährliches Leben geführt. Die Bundesregierung hat sich an ihnen versündigt, indem sie ihre Wünsche und Anträge für eine Ausreise nach Deutschland verzögerte. Dafür trägt insbesondere Innenminister Horst Seehofer (CSU) Verantwortung. Aus lauter Sorge im Wahlkampf das falsche Signal einer großzügigen Flüchtlingspolitik setzen zu können, sind Menschenleben riskiert worden.

Verheerendes Bild der Regierung

Dabei gibt die Bundesregierung im Wahlkampf ein verheerendes Bild ab. Sollten sich zudem die Berichte als korrekt erweisen, wonach das Außenministerium noch nicht einmal mehr auf die Hilferufe seiner eigenen Leute in Kabul reagierte, dann ist Minister Heiko Maas (SPD) nicht mehr haltbar in seinem Amt – auch nicht für die letzten Meter dieser Wahlperiode.

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