Was will Erdogan in Afghanistan?

  • Nach dem Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan will die Türkei den Flughafen von Kabul militärisch sichern.
  • Eine riskante Mission, die sich aber lohnen soll.
  • Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat drei Gründe, mit seinen Truppen in Afghanistan zu bleiben.
|
Anzeige
Anzeige

Athen. Im türkischen Generalstab hat man alle Hände voll zu tun. Erdogan führt Kriege im Nordirak und in Syrien, türkische Söldner kämpfen in Libyen und Bergkarabach. 35.000 Soldaten hat die Türkei im besetzten Nordzypern stationiert. Das türkische Militär unterhält Stützpunkte in mehr als einem Dutzend Ländern, darunter Somalia, Kosovo und Katar.

Und nun ein weiterer Auslandseinsatz: Der Schutz des Flughafens der afghanischen Hauptstadt Kabul. Ein sicherer Flughafenbetrieb ist die Voraussetzung dafür, dass ausländische Botschaften und internationale Organisationen in Afghanistan bleiben sowie Hilfslieferungen für das arme Land organisiert werden können.

US-Präsident Joe Biden habe Erdogan um den Einsatz gebeten

Am Rand des Nato-Gipfels im Juni habe US-Präsident Joe Biden ihn gebeten, die Aufgabe zu übernehmen, berichtet Erdogan. Auch Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer unterstützt das Engagement: „Ich bin dankbar, dass die Türkei bereit ist, eine wesentliche Rolle zu übernehmen.“

Anzeige

Die lobenden Worte hört man in Ankara gern. Erdogan kalkuliert, dass er mit dem Einsatz in Kabul die Wertschätzung seiner Nato-Verbündeten zurückgewinnen und die Türkei als unverzichtbaren Sicherheitspartner des Westens darstellen kann. Davon könnten auch die gespannten Beziehungen zur EU profitieren.

Im Verhältnis zu den USA hofft Erdogan, dass der Militäreinsatz in Kabul zur Lösung des Streits um die von Ankara bestellten russischen Luftabwehrraketen S-400 und zur Wiederaufnahme der Türkei in das amerikanische F-35-Kampfflugzeug-Programm beiträgt.

Anzeige
Video
Biden will Afghanistan-Abzug bis Ende August abschließen
1:14 min
US-Präsident Joe Biden will den geplanten Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bis Ende August abschließen.  © Reuters

Wegen der Rüstungsgeschäfte mit Russland hatten die USA Sanktionen gegen die Türkei verhängt und die Auslieferung bereits bestellter und angezahlter F-35-Tarnkappenflugzeuge gestoppt.

Erdogan unterstreicht die Rolle seines Landes als Regionalmacht

Der zweite Grund für Erdogan, sich in Afghanistan zu engagieren: Er unterstreicht damit die Rolle seines Landes als Regionalmacht im Nahen Osten und Mittelasien. Schon in den vergangenen 20 Jahren war die Türkei mit 500 Soldaten am internationalen Militäreinsatz in Afghanistan beteiligt.

In dieser Zeit hat die Türkei aber dort auch wirtschaftlich Wurzeln geschlagen. Der staatliche türkische Mineralölkonzern TPAO bohrt im Norden Afghanistans nach Öl und Gas. Die türkische Entwicklungsagentur TIKA baute Straßen und förderte Projekte zur Ertragssteigerung der Landwirtschaft.

Auch im Bildungs- und Gesundheitswesen setzte die TIKA Hunderte Hilfsprojekte um. Mit dieser Arbeit sowie mit der Vergabe von Stipendien und Kulturprojekten hat es die Türkei geschafft, in Afghanistan nicht als Besatzer, sondern als Partner wahrgenommen zu werden.

Strategische Bedeutung hat Afghanistan für die Türkei auch als ein Transitland für Chinas Neue Seidenstraße. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Befriedung des Bürgerkriegslandes. Ankara sucht daher den Dialog mit den Taliban.

Erdogan möchte eine weitere Flüchtlingswelle verhindern

Hier liegt der dritte Grund für Erdogans Engagement: Wenn in Afghanistan keine Stabilität einkehrt, droht eine neue Flüchtlingswelle, die über den Iran die Türkei erreichen wird. Erste Anzeichen gibt es bereits: Jeden Tag kommen jetzt mehr als tausend afghanische Flüchtlinge aus dem Iran in die Türkei.

Anzeige
Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".

Das Ansehen, das die Türkei in großen Teilen der afghanischen Gesellschaft genießt, dürfte den Einsatz am Flughafen zwar erleichtern. Die Taliban, die große Teile des Landes kontrollieren, lehnen allerdings jede Rolle der Türkei beim Schutz des Flughafens ab.

Deshalb birgt die Mission große Risiken – vor allem, wenn daraus ein Kampfeinsatz werden sollte. Dann könnte die Türkei tief in den 40-jährigen Bürgerkrieg hineingezogen werden.

Viele Oppositionspolitiker in Ankara lehnen deshalb das Engagement in Kabul ab. Die Türkei dürfe ihre Soldaten nicht als „Gendarmen der USA“ und als „Schutzschild gegen die Taliban“ missbrauchen lassen, heißt es bei der größten Oppositionspartei CHP.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen