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Eingesperrt im eigenen Land: das angsterfüllte Leben der Zurückgelassenen in Afghanistan

  • Tausende Ortskräfte und Menschenrechtler sind in Afghanistan in Lebensgefahr.
  • Sie wollen ausreisen. Doch die Grenzen sind fast unüberwindlich – und Deutschland hat seine Rettungsliste geschlossen.
  • Ein Klageruf aus einem geschundenen Land.
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Die Nachricht, die Sami das Leben retten könnte und ihn zugleich in neue Ungewissheit wirft, diese Mail also erreicht ihn in seinem Haus in Afghanistan am 24. September, einem Freitag, um 9.54 Uhr. Oben links prangt der Bundesadler, daneben ein senkrechter Balken in Schwarz, Rot und Gold und der Schriftzug „Federal Foreign Office“, Auswärtiges Amt. Darunter die Betreffzeile „Genehmigung zur Einreise nach Deutschland“.

Zu diesem Zeitpunkt hat Sami schon seit Wochen das Haus nicht verlassen – aus Angst, einer Patrouille der Taliban in die Arme zu laufen. Wo genau dieses Haus steht, darf man nicht schreiben, so wenig wie seinen richtigen Namen. Was man schreiben darf, ist, dass er acht Jahre dem alten Regime gedient hat, als Zöllner. Und dass in diesem Sommer, noch vor der Machtübernahme, die Taliban zu seiner Zollstation kamen und die Einnahmen verlangten, die dem Staat zustanden. Samis Chef und er, sein engster Mitarbeiter, widersetzten sich, so schildert er es, sie gaben den Taliban nichts. Woraufhin die Taliban wiederkamen und mehrere seiner Kollegen erschossen. Auch Sami wurde verletzt, aber überlebte mit viel Glück.

Für mich zählt hier in Afghanistan gerade jede Sekunde.

Sami
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Seitdem versteckt er sich und lebt in der ständigen Sorge, die Taliban könnten ihn aufspüren, so wie sie es mit anderen Gegnern ihrer Herrschaft in dieser Gegend getan hätten.

„Für mich“, übersetzt sein in Deutschland lebender Bruder, „zählt hier in Afghanistan gerade jede Sekunde.“

Jede Sekunde in diesem Land, soll das heißen, ist eine Sekunde in Gefahr. Und in Angst.

Sami, Mitte dreißig, Vater zweier kleiner Kinder, gehört einerseits zu den Glücklichen. Er hat es geschafft auf die Liste der Deutschen, die Bundesregierung hat ihm und seiner Familie die Aufnahme zugesagt. Die Frage ist andererseits, was diese Zusage für ihn wert ist, ob er sie jemals wird einlösen können. Ob sie ihn also überhaupt wird retten können.

In Samis Geschichte, die sein Bruder nun erzählt und mit Dokumenten beglaubigt, geht es daher nun um die Folgen dieses überstürzten westlichen Abzugs, um die ständige Unsicherheit in diesem Land, aber auch um deutsche Bürokratie und die Zögerlichkeit einer Bundesregierung im Übergang.

Als die westlichen Truppen vor knapp zwei Monaten Afghanistan verließen, gelang der Bundeswehr noch ein beachtlicher Erfolg. Sie schaffte es, in diesen letzten chaotischen Tagen noch fast 5400 Frauen, Männer und Kinder außer Landes zu fliegen. Nur war auch klar, dass Zigtausende zurückblieben, die nun den neuen Herrschern ausgeliefert waren.

Deutschland führt zwei Rettungslisten

Deutschland hat daraufhin zwei Listen geöffnet: Listen mit Namen derjenigen, die man noch nachzuholen versuchen würde. Die erste Liste ist für die ehemaligen Ortskräfte, Menschen also, die für deutsche Stellen gearbeitet haben, vor allem für die Bundeswehr. 18.000 Personen stehen bislang darauf, sie wird beständig um weitere Namen ergänzt. Die zweite Liste ist die sogenannte Menschenrechtsliste, auf ihr stehen Menschen, die wegen ihres Berufs und Engagements jetzt in besonderer Gefahr sind. Journalisten, Hochschullehrerinnen und -lehrer, Regierungsbeamte zum Beispiel. Auf dieser Liste stehen 2600 Personen, dazu ihre Familien, insgesamt 6600 Männer, Frauen, Kinder, auch Sami und seine Familie.

Afghanistan, Herat: Mütter und Kinder warten in einer vom Welternährungsprogramm WFP und Unicef betriebenen Ernährungsklinik in der Nähe eines Vertriebenenlagers am Stadtrand. © Quelle: Marco Di Lauro/World Food Progra
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Es hat auch bei der Rettung dieser Menschen in den vergangenen Wochen Erfolge gegeben. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, seit dem Ende der Luftbrücke hätten 1300 weitere Afghanen mit deutscher Unterstützung ausreisen können. Die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet von 60 Journalistinnen und Journalisten, die mit ihrer Hilfe das Land verlassen haben. Zuletzt sind am Donnerstagabend zwei Familien über Islamabad nach Hannover gekommen. Jede Woche will die Bundesregierung derzeit 200 gefährdete Personen außer Landes bringen. 200 von vielen Tausend, die in Gefahr sind. Die meisten von ihnen müssen nun auf eigene Faust versuchen, in Sicherheit zu gelangen.

Sami, der Zollbeamte, sollte, so hieß es in der Aufnahmezusage, außer Fotos auch Pässe und Familien­register­auszüge mailen – Dokumente, die er bereits geschickt hatte. Adressat war die Internationale Organisation für Migration (IOM), eine UN-Organisation, die die Ausreise im Auftrag des Auswärtigen Amtes als Dienstleister abwickeln soll.

In deren Schreiben hatte es unter dem Punkt „Was passiert als Nächstes?“ noch geheißen, im Tonfall eines Reiseführers: „Ihre Reiseroute wird von Ihren individuellen Umständen und der Situation in Afghanistan abhängen, einschließlich der Frage, ob der Flughafen in Kabul wieder für den zivilen Luftverkehr geöffnet wird.“ Eine Nachfrage deutscher Helfer bei der IOM vor zehn Tagen klingt dann weit ernüchternder. Das Auswärtige Amt könne erst helfen, „wenn die Personen die Grenze zu einem Nachbarland überschritten haben“.

Mit anderen Worten: Wir können nichts tun. Jedenfalls nicht bei diesem entscheidenden ersten Schritt. Rette sich, wer kann.

Für die Betroffenen bleiben nicht viele Möglichkeiten. Pakistan ändert seine Einreisebestimmungen immer wieder, akzeptiert zurzeit auch die deutsche Aufnahmezusage nicht als Einreisegrund auf dem Landweg. So bleibt Richtung Pakistan derzeit nur der Flug mit der pakistanischen Fluggesellschaft, die die Ticketpreise von 80 auf 2500 Dollar pro Person erhöht hat.

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Sami wiederum hat bereits vor zwei Monaten einen Visumsantrag für den Iran gestellt, weil der Weg in andere Länder zu weit ist. Bislang hat er von dort keine Reaktion. Sollten die Behörden ihm ein Visum erteilen, würde es 1000 Dollar pro Person kosten. 4000 Dollar also für seine Familie allein für die Einreise in den Iran.

Als Zöllner hat Sami 200 Dollar im Monat verdient. Seit die Taliban an der Macht sind, er in seinem Versteck ist, verdient er gar nichts mehr.

Was er erlebt hat, die Morde an seinen Kollegen, alles das belaste ihn sehr. „Seit Wochen spricht er praktisch nicht mehr“, sagt sein Bruder. „Es geht mir nicht gut“, sagt Sami selbst nur. „Er bräuchte psychologische Hilfe“, sagt sein Bruder, „dringend.“

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Im größten Gefängnis Afghanistans ist kaum noch eine Zelle besetzt. Die Taliban haben die Häftlinge nach ihrer Machtübernahme freigelassen.  © AFP

Flüchten auf eigene Faust: Nur, wohin?

Gerade mal 100 Schutzsuchenden, heißt es im Auswärtigen Amt, sei bislang die Ausreise auf eigene Faust aus Afghanistan gelungen. Die Grenzen nach Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan sind praktisch geschlossen. Man suche „intensiv“ nach Möglichkeiten, weitere Schutzsuchende auszufliegen, auch mit zivilen Fluglinien, wenn das wieder möglich ist. Die Kosten dafür sollen bei Bedarf übernommen werden. Sobald sie es aus Afghanistan herausgeschafft haben, würden Schutzsuchenden mit einer Zusage aus Deutschland nach einer Sicherheitsüberprüfung sofort Visa ausgestellt werden.

Das alles klingt nach großem deutschen Engagement für jene, die nach der Machtübernahme der Taliban in Lebensgefahr sind und sich vom Westen verlassen fühlen müssen. Doch nach dem Abzug und ohne Anlaufstellen im Land sind die Möglichkeiten extrem begrenzt. Außerdem gibt es noch eine andere Seite der deutschen Afghanistan-Politik – eine, die Hilfsorganisationen und Betroffene als äußerst kleinmütig empfinden.

So ist die deutsche Aufnahmeliste für ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr (rund 600 sollen derzeit noch auf ihre Ausreise warten) zwar nach wie vor offen, es können noch Personen nachgemeldet werden und auf ein Visum für Deutschland hoffen. Doch die Schutzliste der besonders Gefährdeten, die sogenannte Menschenrechtsliste, auf der auch Samis Name verzeichnet ist, hat die Bundesregierung Ende August geschlossen. Auch jenen, die sich offen den Taliban widersetzt haben, räumt die Bundesregierung nun kein besonderes Recht mehr ein.

Kabul: Ein Mitglied der Taliban (M.) trägt Militäruniform und gestikuliert, während er in einer Passbehörde mit einer Frau spricht. © Quelle: Ahmad Halabisaz/AP/dpa

Organisationen wie Reporter ohne Grenzen traf dies vollkommen unvorbereitet. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten alle Anträge aufwendig geprüft, bevor sie sie an das Auswärtige Amt schickten, versichert Geschäftsführer Christian Mihr. Offenbar geschah dies sehr gewissenhaft: Von den 150 Personen, für die sich Reporter ohne Grenzen schließlich einsetzte, gelangten alle auf die Schutzliste.

Die unzureichenden Handlungen auch der deutschen Regierung sind unerträglich.

Günther Burkhardt, Geschäftsführer Pro Asyl

Wegen des Zeitdrucks konzentrierte sich die Organisation zunächst auf Betroffene in und um Kabul, die rasch zum Flughafen kommen konnten. Die Schließung der Liste habe Reporter ohne Grenzen kalt erwischt. „Hätten wir das gewusst, hätten wir noch mehr Aushilfen für die Prüfung der Unterlagen eingestellt und noch mehr Überstunden gemacht“, versichert Mihr. So führt Reporter ohne Grenzen nun eine Warteliste mit knapp 200 Fällen, die nach ihren Kriterien auf die Schutzliste gehörten – und nun außen vor bleiben.

Auch Pro Asyl plädiert daher für eine erneute Öffnung dieser Liste: „Die Gefährdung muss zählen“, sagt Geschäftsführer Günter Burkhardt, „nicht ein willkürliches Ausschlussdatum.“ Burkhardt plädiert daher für ein neues Bundesaufnahmeprogramm für besonders Gefährdete aus Afghanistan: „Die unzureichenden Handlungen auch der deutschen Regierung sind unerträglich.“

Offenbar schmälert jedoch der Regierungsübergang die Entschlusskraft, auch soll es vor allem im Innenministerium größeren Widerstand gegen eine großzügigere Aufnahme geben. Der Zöllner Sami verliert derweil allmählich Hoffnung, Geduld und Nerven. Es gebe Tage, sagt sein Bruder, an denen melde er sich zwei- bis dreimal und frage, ob es irgendetwas Neues in seiner Sache gebe. „Bislang“, erklärt er, „kann ich ihm immer nur sagen: Nein, leider nicht.“

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