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Afghanische Helfer: Unterstützer beklagen „moralisches Versagen“

  • 446 Afghanen, die der Bundeswehr bis zu deren Abzug zur Seite standen, haben Visa für Deutschland bekommen.
  • Doch nur ein Bruchteil hat es bisher trotz Gefahr für Leib und Leben durch die Taliban bis hierhin geschafft.
  • Vor den anderen und weiteren 350 Ortskräften türmen sich hohe Hindernisse auf.
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Berlin. Der Vorsitzende des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte“, Marcus Grotian, hat den Umgang der deutschen Behörden mit den bisherigen Helfern der Bundeswehr in Afghanistan, die nach dem Abzug der westlichen Truppen wegen des Vorrückens der Taliban in zunehmender Lebensgefahr schweben, kritisiert.

„Es ist furchtbar, was hier passiert“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Ich kann das moralische Versagen, das ich hier wahrnehme, nicht in Worte fassen.“ Grotian, der als Bundeswehrsoldat 2011 selbst im Land stationiert war, fügte hinzu: „Ganz viele Rädchen drehen sich. Doch sie greifen nicht ineinander.“

446 afghanische Ortkräfte haben Visa erhalten

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Nach Angaben des Verteidigungsministeriums haben 446 Ortskräfte samt ihrer Familienangehörigen noch vor Abzug der letzten Soldaten in der vorigen Woche ihre Visa erhalten. Insgesamt seien 23 Afghanen mit Linienmaschinen von Turkish Airlines aus Masar-i-Scharif ausgereist. In den kommenden Tagen würden rund 30 weitere Personen erwartet, die als gefährdet gelten, heißt es weiter.

Laut Grotian stehen aber noch 350 Betroffene samt Familien ohne gültige Ausreisepapiere da. Und auch vor denjenigen, die Papiere hätten, türmten sich hohe Hürden auf.

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Die erste Hürde besteht darin, dass die Bundesregierung sie an die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen verwiesen hat. Diese aber unterhält kein Büro am letzten größeren Stützpunkt der Bundeswehr in Masar-i-Sharif, sondern in der Hauptstadt Kabul. Dorthin zu gelangen, ist gefährlich; Teile des Territoriums dazwischen werden von den Taliban kontrolliert.

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Ortskräfte „tragen“ Reisekosten

Die zweite Hürde ist eine finanzielle. Denn die Ortskräfte „tragen“, so ein Infoblatt der deutschen Seite, „die Reisekosten für die gesamte Kernfamilie und müssen die Reise in Eigenregie organisieren“. Zwar haben die afghanischen Helfer während ihrer Tätigkeit für afghanische Verhältnisse gut verdient; doch fallen Reisekosten für im Schnitt mindestens vierköpfige Familien an.

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Die dritte Hürde ergibt sich, folgt man Grotian, aus dem Umstand, dass die Behörden in Deutschland nicht auf die Ankunft jener Ortskräftefamilien vorbereitet sind, die es tatsächlich zu uns schaffen. „Es gibt keine Planung“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). So habe deshalb zuletzt unter anderem ein einjähriges afghanisches Kind zwei Nächte im Flughafen Frankfurt am Main verbringen müssen.

Afghanische Helfer erhalten keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis

Die vierte Hürde ist, dass die Ortskräfte trotz ihrer allgemein anerkannten akuten Gefährdung auf deutschem Boden keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen, sondern lediglich einen Aufenthaltstitel für drei Jahre, der später um jeweils 12 Monate verlängert werden kann, aber nicht muss. Grundlage ist Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes. Eine „Nachsorgepflicht gegenüber Ortskräften“ existiere nicht, betonte die Regierung unlängst.

Wohl hat sie den Kreis der potenziell Anspruchsberechtigten zuletzt theoretisch erweitert. Zunächst sollten es nur diejenigen sein, die in den vergangenen zwei Jahren für die Bundeswehr als Ortskräfte gearbeitet haben; nach Protesten reicht der Zeitraum jetzt bis 2013 zurück. Ob ein Berechtigter seinen Anspruch praktisch verwirklichen kann, steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt.

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