Abschied vom Herrenclub: Joe Biden entdeckt Frauen für sich

  • Joe Bidens Verhältnis zu Frauen ist in der Politik lange Zeit ein gespaltenes gewesen.
  • Über Jahrzehnte war sein innerster Zirkel von Männern dominiert.
  • Doch nun hat der mögliche Präsidentschaftskandidat der Demokraten die Zeichen der Zeit erkannt.
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New York. Wenige Wochen vor seinem offiziellen Start in den Wahlkampf ging Joe Biden in die Offensive. In einem Video in den sozialen Medien sprach er offen die Vorwürfe von Frauen an, die sich über unerwünschte Zuneigungsbekundungen von ihm beklagt hatten.

"Soziale Normen haben angefangen, sich zu ändern. Sie haben sich verschoben", sagte der frühere US-Vizepräsident. "Ich höre, was sie sagen. Ich verstehe", betonte der damals 76-Jährige und richtete seinen Blick direkt in eine Handykamera.

Der Anstoß zur der Erklärung stammte von der Beraterin Kate Bedingfield, die so alt ist wie Bidens jüngste Tochter. Sie tat sich zusammen mit Anita Dunn, einer ehemaligen Mitarbeiterin von Expräsident Barack Obama, die erst seit relativ kurzer Zeit zu Bidens Umfeld gehört. Zusammen mit zwei von dessen langjährigsten Vertrauten – Steve Ricchetti und Mike Donilon – überzeugten sie den Kandidaten, dass dies der richtige Weg sei. Als Biden bereit war, filmte Bedingfield ihn mit ihrem Handy.

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Frauen retteten zum Teil Bidens Kampagne

Diese Tage im Frühling 2019 deuteten auf eine bestimmende neue Realität für Biden hin. Denn über Jahrzehnte war sein innerster Zirkel von Männern dominiert gewesen, mit Ausnahme seiner Frau Jill und seiner Schwester Valerie. Doch inzwischen hat der Politveteran seinen Beraterstab erweitert. Die nun darin vertretenen Frauen trugen zur Prägung - und sogar zur Rettung - einer turbulenten Kampagne bei. Diese hatte Biden von einem frühen Favoriten zum enttäuschenden Nachzügler und schließlich doch zum angehenden Kandidaten der Demokraten gemacht.

Heute sind bei jeder wichtigen Wahlkampfbesprechung mindestens die Hälfte der Teilnehmer Frauen, wie Vize-Kampagnenmanagerin Bedingfield erklärt, die schon seit Jahren für Biden arbeitet. Biden sei sich der Tatsache bewusst, "dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen einbringen und dass das wertvoll ist".

Dies ist eine wichtige Dynamik für einen Politiker, dessen Karriere beim Thema Frauen sowohl von Erfolgen als auch von Kontroversen geprägt ist. Das gilt auch für die Demokraten. Denn in der Person Bidens wird die Partei erneut einen Mann nominieren und das trotz eines höchst diversen Pools an Kandidatinnen und Kandidaten, der bei vielen Demokraten die Hoffnung genährt hatte, das endlich eine Frau an der Spitze der USA stehen könnte.

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Biden betont führende Rolle von Frauen in seinem Wahlkampf

Entsprechend betont Biden jetzt die führende Rolle von Frauen in seinem Wahlkampf und versichert den Wählern, dass dies im Weißen Haus unter seiner Führung so bleiben würde. Wenige Tage vor den Vorwahlen in South Carolina versprach er, dass er für den Supreme Court als erstes eine schwarze Frau vorschlagen würde. Zu seiner Wahlkampfmanagerin ernannte er die 43-jährige Jen O’Malley Dillon, und er sagte zu, für das Vizepräsidentenamt eine Frau aufzustellen.

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Schon heute gehören zu seinem Kernteam im Hauptquartier in Philadelphia, das derzeit aufgrund der Corona-Pandemie lahmgelegt ist, mehrere weitere Frauen, darunter die 30-jährige Strategin Symone Sanders und seine Reisemanagerin Annie Tomasini. In Interviews der AP mit fast einem Dutzend Beratern und Verbündeten Bidens wurde deutlich, dass Frauen eine treibende Kraft hinter dem Kandidaten sind.

Bidens bemerkenswerter Wandel

All dies entschädigt zwar nicht für die Tatsache, dass in diesem Jahr keine Frau zur US-Präsidentin gewählt werden wird. Bidens Wandel ist jedoch bemerkenswert für einen Mann, der in einer streng patriarchalen Ära groß geworden und 1973 noch in einen rein männlichen Senat eingezogen ist.

Bidens Kehrtwende zeige, dass er die Zeichen der Zeit erkannt habe, sagt die Wahlkampfexpertin Lily Adams, die 2016 für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton und diesmal für Senatorin Kamala Harris gearbeitet hatte. "In den schwierigsten Situationen sind die erfolgreichsten Menschen, die bereit sind durchs Feuer zu gehen, normalerweise Frauen, denn sie haben jedes Hindernis und jedes Maß an Vorurteilen überwunden", sagt sie. "Für Diversität in Teams zu sorgen, ist nicht nur richtig, sondern auch klug."

Das Gefühl, jemanden zu ersetzen, hat nun keine der Frauen aus Bidens Umfeld. Die Stellung von Jill Biden und Valerie Biden Owens, die die Politik ihres Bruders jahrzehntelang gemanagt hat, sei unangefochten, betont Bidens Beraterin Dunn. Auch sein langjähriger Redenschreiber und Werbeexperte Donilon sowie sein ehemaliger Stabschef Ricchetti genießen Bidens unerschütterliches Vertrauen. "Die Tatsache, dass er Beziehungen und Loyalität schätzt", sagt Dunn, "bedeutet nicht, dass er keine neuen aufbauen kann."

RND/AP

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