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Abschied mit Wehmut: Katja Kipping und Bernd Riexinger hören auf

  • So lange wie Katja Kipping und Bernd Riexinger amtierte in der kurzen Geschichte der Linken noch kein Duo an der Spitze.
  • Nach zwei Corona-Verlängerungen ist jetzt aber endgültig Schluss.
  • Dabei mischt sich in den Abschied die Erinnerung an eine Dritte: Sahra Wagenknecht.
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Berlin. Bernd Riexinger war am Donnerstagnachmittag „ein bisschen wehmütig“, wie er sagt. 24 Stunden vor dem linken Digitalparteitag musste der 65-Jährige nämlich sein Büro ausräumen. „Ich bin hier gern reingegangen, und ich habe mich immer wohlgefühlt“, sagt der Vorsitzende am Telefon im vierten Stock der Linken-Parteizentrale, während die Sonne auf den Platz zwischen Karl-Liebknecht-Haus und Volksbühne scheint. „Die letzten Tage gehen doch ein bisschen ans Gemüt.“ Seine Co-Vorsitzende Katja Kipping, 43, ist mit dem Ausräumen schon ein paar Tage eher fertig geworden.

Die beiden wurden beim – ja man darf sagen – legendären Parteitag in der Göttinger Lokhalle Anfang Juni 2012 gewählt, gegen den Widerstand vieler in der Partei. Parteimitbegründer Oskar Lafontaine favorisierte letztlich Riexinger, um den heutigen Fraktionsvorsitzenden Dietmar Bartsch zu verhindern.

Kipping sagte zunächst, dass sie gar nicht antreten wolle, präsentierte sich später gemeinsam mit Katharina Schwabedissen aus Nordrhein-Westfalen, um sich am Ende mit Riexinger und mit Blumen in der Hand auf der Bühne wiederzufinden, weil Schwabedissen verzichtete. In der Halle kochte es derweil. Gregor Gysi, seinerzeit Fraktionschef, sprach von „Hass“, der in der Linken herrsche. Übertrieben war das nicht.

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Unverhoffte Wahl

Das Duo, das es gar nicht hätte geben dürfen, hielt acht Jahre durch – die maximale Dauer, die Vorsitzenden laut linker Satzung zugestanden wird. Es kamen sogar noch einmal acht Monate dazu, weil der für den Juni 2020 geplante Erfurter Parteitag coronabedingt zweimal verschoben werden musste.

Nach dem Beginn des Parteitages am Freitag steht am Samstag nun die Wahl der neuen Vorsitzenden an. Sie dürften nach menschlichem Ermessen Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler heißen. Es gibt zwar zwei männliche Gegenkandidaten; doch die sind völlig unbekannt. Für Riexinger ist dies Anlass, eine Bilanz zu ziehen, die Kipping am Dienstag schon so ähnlich gezogen hat.

Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler, die designierten neuen Linken-Vorsitzenden. © Quelle: Frank May/dpa
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Auf die Frage, was auf der Habenseite stehe, sagt der leutselige Schwabe: „Wir haben die Partei in einer sehr schweren Krise übernommen, und wir haben sie einen und ihr neuen Schwung geben können. Denn viele haben damals nicht mehr auf uns gewettet.“

Heute, fährt er fort, sei „in der Gesellschaft allgemein anerkannt, dass es eine sozialistische Partei links von der SPD gibt“. Deren rund 60.000 Mitglieder seien im Schnitt jünger und vielfältiger als vor bald neun Jahren. Riexinger findet überdies, dass die Linke bewegungs- und kampagnenorientierter geworden sei und nicht mehr allein für soziale Gerechtigkeit, sondern auch für Klimaschutz streite. „Wir haben unser Milieu erweitert.“

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Dabei wurde ihm bisweilen ein Mangel an strategischem Geschick attestiert, während ihr häufiger ein Hang zur Profilierung nachgesagt wurde.

Auf der Sollseite stehen die vielen Konflikte, die sich mit dem Namen der Ende 2019 ausgeschiedenen Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht verbinden. Da ging es um die Haltung zur Europäischen Union, um die Flüchtlingspolitik, die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2017 sowie die von Wagenknecht initiierte Sammlungsbewegung „Aufstehen“, die zeitweilig zu einer unverhohlenen Konkurrenzveranstaltung wurde. Selten gab es in einer deutschen Partei einen Zwist von derartiger Härte und Bitternis.

Riexinger hätte sich diese Eskalation nach eigener Aussage gar nicht vorstellen können. Die ohnehin lose Verbindung mit Lafontaine ist darunter längst und unwiderruflich zerbrochen. „Das war ein uns aufgezwungener Machtkampf, den wir gar nicht führen wollten“, sagt er. „Und es war eine wirklich schwere Zeit, die immer noch Spuren hinterlässt.“ Zugleich sei er „stolz darauf, dass wir das lösen konnten“. So habe der Parteitag in Leipzig 2018 klar und deutlich für eine offene Flüchtlingspolitik votiert und Wagenknechts restriktivem Kurs eine Absage erteilt.

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Tatsächlich hat sich der Streit in erster Linie zwischen Wagenknecht und Kipping abgespielt, während sich Bartsch und Riexinger überwiegend im Windschatten bewegten. Bis zuletzt erhob die Frau an Lafontaines Seite, von der keine Fotos vor Werkstoren oder bei Hartz-IV-Empfängern überliefert sind, den Vorwurf, die Vorsitzenden würden sich zu wenig um sozial Schwache und zu viel um akademische Milieus kümmern.

Kipping gab dazu jetzt zu Protokoll, Riexinger habe sich als Gewerkschafter „sein ganzes Leben lang für Beschäftigte eingesetzt und sich auch persönlich sehr in der Kampagne gegen den Pflegenotstand engagiert“. Über sich selbst schrieb sie: „Ich habe seit 2003 für die PDS federführend die Proteste der Erwerbslosen gegen Hartz IV mit organisiert und kämpfe seit 16 Jahren im Bundestag gegen Armut. Man muss erst mal eine Abgeordnete finden, die im Bundestag häufiger gegen Hartz IV zu Felde gezogen ist als ich.“

Bleiben auf der Bühne

Immerhin: Auch wenn in Riexingers Büro am Montag vermutlich Janine Wissler einzieht – ganz von der Bühne verschwindet er ebenso wenig wie Kipping. Beide kandidieren erneut für den Bundestag, und beide dürften mit einiger Sicherheit wieder reinkommen. Sie hat zudem einen guten Draht zu Hennig-Wellsow, die denn auch am Mittwoch sagte: „Katja Kipping ist eine derjenigen in der Partei, die eine wichtige Rolle spielen muss. Sie ist keine Frau, die man gehen lassen sollte.“

„Ich hätte mir einen Abgang mit viel Beifall und schönen Szenen gewünscht“, sagt Bernd Riexinger mit Blick auf den Parteitag unter Corona-Bedingungen – ohne Beifall, Gespräche am Rande und Delegiertenabend. Die digitale Variante sei gewöhnungsbedürftig. Doch er freue sich auch – er freue sich auf die neue Freiheit.

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