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“Abschiebepatenschaften”: Eine Perversion von Sprache, die ihresgleichen sucht

  • Das Feld der Migrations- und Asylpolitik war immer schon für Wortschöpfungen aus dem Gefrierfach gut.
  • Nun schlägt die EU-Kommission “Abschiebepatenschaften” vor.
  • Das verkehrt die positive Bedeutung des Wortes Patenschaft in ihr Gegenteil, kommentiert Markus Decker.
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Berlin. Das Feld der Migrations- und Asylpolitik war immer schon für Wortschöpfungen aus dem Gefrierfach gut. Man kann es an den Unworten des Jahres ablesen. 2006 wurde die “freiwillige Ausreise” von Flüchtlingen prämiert, denen sonst die Abschiebung droht. 2013 folgte der “Sozialtourismus”, später vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) zum “Asyltourismus” weiterentwickelt.

Dem schloss sich 2018 die “Anti-Abschiebe-Industrie” an – als Bezeichnung von Gruppen und Einzelpersonen, die sich schützend vor abgelehnte Asylbewerber stellen. Am Mittwoch erblickten die “Abschiebepatenschaften” das Licht der Welt.

Bisher waren Patenschaften positiv besetzt. Der Duden spricht von “Mitverantwortung zum Zweck der Unterstützung, der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Förderung”. Bekannt ist die Patenschaft für Kinder. Es gibt sie aber auch für Bäume oder Tiere – also alles aus dem Bereich des Lebendigen, das umsorgt, gegossen oder sonst wie gepflegt sein will.

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Die EU-Kommission verkehrt diese schöne Bedeutung in einem Akt ungehemmter sprachlicher Perversion in ihr Gegenteil, indem sie diese mit dem Wort Abschiebung verbindet. EU-Staaten wie Ungarn oder Polen, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sollen helfen, nicht anerkannte Flüchtlinge wieder loszuwerden – im Rahmen der besagten “Abschiebepatenschaften”.

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Erst wenn ihnen das nicht gelingt, sollen sie Flüchtlinge selbst beherbergen müssen, gleichsam zur eigenen Bestrafung und jener der Betroffenen. Diese Verweigerung von Hilfe bei gleichzeitiger Verdinglichung von Menschen gilt in Brüssel übrigens als “Solidarität” – womit eine zweite schöne Vokabel geschreddert wird.

Erst vor drei Wochen hat die EU ja in Moria gezeigt, dass sie Tausende obdachlose Flüchtlinge ungerührt ihrem Schicksal überlassen kann. Nun lässt sie kalten Taten eiskalte Worte folgen.

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