9. November: Die Mauer im Herzen

  • Nach dem Krieg hielten menschliche Bande das geteilte Deutschland zusammen.
  • Doch als die Einheit kam, hatte der Westen längst aufgehört, sich für den Osten zu interessieren.
  • Und sah keinen Anlass, sich selbst infrage zu stellen.
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Bei Gelegenheiten wie dieser fällt mir immer der Kommunalbeamte aus dem Rheinland ein, der in den 1990er-Jahren in die Kreisverwaltung von Wittenberg wechselte und dort nicht wohlgelitten war. Der Mann hatte das Image, ein „Besserwessi“ zu sein. Vor allem hatte er das Talent, dieses Image regelmäßig mit Wonne zu bestätigen. So tat der Arme gern öffentlich kund, dass er sich die Haare auf dem Ku’damm schneiden lasse, in West-Berlin also. In Wittenberg schien es keinen adäquaten Friseur zu geben. Und an einem schönen Sommertag brachte es der Mann tatsächlich fertig, meine geplante Reise nach Polen mit den Worten zu kommentieren, östlicher als Wittenberg gehe er „auf gar keinen Fall“. Das hieß zwar nichts anderes, als dass der Beamte schon die Lutherstadt als Zumutung empfand. Nur war er zu borniert, diesen Widerspruch überhaupt zu bemerken.

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30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"
2:34 min
In diesem Jahr jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 30. Mal. Am 9. November 1989 wurde Berlin wieder eins.  © RND

Geteiltes Deutschland: Zusammenhalt durch menschliche Bande

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Nein, so etwas gibt es heute nicht mehr. Ohnehin sind seit 1989 drei Millionen Westdeutsche in den Osten übergesiedelt und haben ein neues Leben begonnen. Viele haben eine gesamtdeutsche Identität angenommen – während Hunderttausende andere mal Dresden besucht haben oder Leipzig, an der Ostsee waren oder im Thüringer Wald. Trotzdem sind ostaffine Westdeutsche in der Minderheit. Das Ost-West-Verhältnis ist nach wie vor alles andere als spannungsfrei.

Während die Ostdeutschen seit der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer gern gefragt werden, wann sie sich denn zu integrieren gedächten, sprich auf die Westdeutschen zuzugehen, versteht sich die Weigerung vieler Westdeutscher, auf Ostdeutschland und die Ostdeutschen zuzugehen, gleichsam von allein. Diese Weigerung ist wiederum kein Zufall, sondern Folge eines Prozesses, der weit vor dem Mauerfall einsetzte.

Lange wurde dieses nach dem Zweiten Weltkrieg geteilte Deutschland ja durch menschliche Bande zusammengehalten, durch Familien und Freundschaften. Überdies war der physische Austausch bis zum 13. August 1961 noch relativ einfach. Gleichwohl entwickelten sich Ost und West rasant auseinander. Die Westdeutschen frönten der Demokratie und dem Wirtschaftswunder. Kulturelle und kulinarische Leitbilder kamen aus England, Frankreich, Italien oder gleich aus den USA. Die Ostdeutschen wurden dieses Glückes nicht teilhaftig und waren wider Willen auf Russland und Osteuropa angewiesen.

„Für die meisten Westdeutschen hörte Deutschland hinter Helmstedt auf“

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Das hatte Konsequenzen. Zwar hielten sie in Bonn am Ziel der Wiedervereinigung fest. Der 17. Juni war Feiertag. Die Forderung nach Wiedervereinigung hatte freilich auf der politischen Rechten je länger, desto mehr rituellen Charakter – und wurde von der politischen Linken Zug um Zug als reaktionär betrachtet und fallen gelassen. Der 17. Juni war ein gern genommener freier Tag im Sommer. Mehr war er bald nicht mehr. Als der Schriftsteller Martin Walser 1988 erklärte, dass ihn die deutsche Teilung schmerze, sorgte das für Aufsehen. Der Mainstream fühlte anders.

Der menschliche Austausch schnurrte unterdessen zusammen. Zwar gab es zahlreiche Familien mit Ostverwandtschaft. Deren Zugänge zum Osten unterscheiden sich oft bis heute von denen ohne Angehörige „drüben“. Doch in größerer Zahl reisten ansonsten nur Schüler in die DDR – beschränkt meist auf zwei Tage und eine Visite in Ost-Berlin. Die Mehrheit der Westdeutschen war hingegen nie in Ostdeutschland gewesen, was noch am wenigsten an der Mauer lag. Die Toskana galt als Hotspot, die Schönheit des Saaletals war unbekannt.

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„Ungleiche Voraussetzungen zogen ungleiche Lebensverhältnisse nach sich, ebenso unterschiedliche Einsichten und Ansichten“, sagt Jürgen Reiche, in Bernburg (Sachsen-Anhalt) aufgewachsen, dann mit seinen Eltern nach Westen geflohen und heute Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig. „Langsam, von Generation zu Generation, verblasste in der Bundesrepublik auch der im Grundgesetz fixierte Einheitsgedanke.“ Er fügt hinzu: „Das Gefälle war da, ihm folgte die Arroganz. Während viele Ostdeutsche sehnsuchtsvoll nach Westen blickten, reduzierte man im Westen die Ostbevölkerung auf Stasi und Soljanka – wenn überhaupt. Für die meisten Westdeutschen hörte Deutschland hinter Helmstedt auf.“

Ost-West-Konflikt an der Tagesordnung

1989 wurde das restpatriotische Sprechen über die Brüder und Schwestern im Osten dann endgültig als das kenntlich, was es war: eine Lebenslüge. Gewiss ergriff Helmut Kohl den Mantel der Geschichte. Dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt tränten am 10. November 1989 vorm Rathaus Schöneberg die Augen. Der 30 Jahre jüngere sozialdemokratische Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine jedoch wollte von der Einheit nichts wissen und verbrämte seine Unlust mit ökonomischen Argumenten. Die Grünen plakatierten 1990 gar: „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter.“

Bald wurden die ostdeutschen Übersiedler in Westdeutschland auch nicht mehr freudig begrüßt, sondern als lästig empfunden. „Bei den Bundesbürgern macht sich zunehmend Angst breit, dass diejenigen, die nun Woche für Woche zu Tausenden mühelos die Grenze passieren, das westdeutsche Sozialsystem sprengen und den Wohnungs- und Arbeitsmarkt zum Kollabieren bringen“, notierte „Der Spiegel“ Anfang 1990. Auch zweckentfremdete Turnhallen waren Thema – so wie während der „Flüchtlingskrise“ 25 Jahre später.

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Der einstige Regierungssprecher Klaus Bölling sprach von einem „Wirtschaftspatriotismus“ der Westdeutschen, der in „Wohlstandschauvinismus“ umschlage. „Der Westen hat sich 1989 nicht mehr für die DDR interessiert“, sagt Jürgen Reiche vom Zeitgeschichtlichen Forum. „Damit hatte die Bevölkerung im Osten nicht gerechnet – ein großes Missverständnis. Sie war maßlos enttäuscht. Und ist es bis heute.“

Folgt man dem Magdeburger Psychoanalytiker Jörg Frommer, der in Esslingen (Baden-Württemberg) zur Welt kam, dann war eine innere Abkehr vonstattengegangen, deren Ursachen tiefer liegen. Die alte Bundesrepublik, sagt er, habe sich mental dem Westen zu- und spätestens mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Bundestag am 8. Mai 1985 vom Nationalsozialismus abgewandt. Die kleinbürgerliche DDR wurde hingegen zur negativen Projektionsfläche. Sie verkörperte zunehmend das, was die Westdeutschen selbst glaubten hinter sich gelassen zu haben: autoritäres Denken, intellektuelle Enge und viel Provinzialität. So erklärt sich etwa die Klage über das schlechte Essen im Osten, die in den 1990er-Jahren so verbreitet war, oder über den Mangel an Geschmack – genauso wie die irrige Wahrnehmung mancher, die DDR sei ein vergrößertes Sachsen gewesen, in dem flächendeckend Dialekt gesprochen wurde.

Westdeutsche Erwartung: Kluft durch Anpassung überbrücken

Frommer zufolge waren für die Westdeutschen nach 1989 deshalb weniger offene Arme kennzeichnend als ein „scharfes Abgrenzungsbedürfnis“. Abschätzige Vokabeln bekamen Konjunktur: „Dunkeldeutschland“, „Der doofe Rest“ (für DDR) oder schlicht: „die Zone“. So wie sich 1990 und danach erst eine richtige ostdeutsche Identität entwickelte, so entwickelte sich mindestens ebenso sehr eine westdeutsche Identität. Bis dahin Unbekannte nahmen sich plötzlich wechselseitig als Fremde wahr und stießen einander ab.

Die westdeutsche Erwartung lautete, dass die Ostdeutschen die Kluft durch Anpassung überbrücken würden. Diese konnten das auf Dauer nicht und wollten es auch nicht.

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Die Bereitschaft der Westdeutschen, sich nach 1990 selbst infrage zu stellen, so wie es von den Ostdeutschen erwartet wurde, und damit auf Augenhöhe zu kommen – diese Bereitschaft war gering. Die Westdeutschen hatten dazu auch keinen Anlass, weil sie ja in jeder Beziehung die Mächtigeren waren. Sie kannten und bestimmten die geschriebenen und die ungeschriebenen Regeln, besetzten die zentralen Positionen nun auch im Osten und hatten die ökonomischen Ressourcen, sprich: das Geld. So richtig gesprochen worden ist über diese blinden Flecken im westdeutschen Selbstverständnis nie – weshalb die mentalen deutsch-deutschen Pro­bleme nicht behoben, sondern eher konserviert sind.

Natürlich, seit 1989 sind 30 Jahre vergangen. Vieles hat sich durchmischt. Das Trennende wird überwölbt von einer neuen Generation und einer in Teilen gemeinsamen Geschichte. Und doch ist das Trennende weiterhin da. Das Gespräch darüber, woher es kommt und wie es sich überwinden ließe – dieses Gespräch hat noch gar nicht begonnen.

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