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Erstes 9‑Euro-Wochenende

9‑Euro-Ticket: Wie realistisch ist ein langfristiges Billigangebot für den ÖPNV?

Am Pfingstwochenende waren viele Züge überfüllt (Archivfoto).

Berlin. Nach dem ersten 9‑Euro-Wochenende mehren sich die Forderungen nach einer Verlängerung oder Entwicklung von Anschluss­angeboten. So hatte der Städte- und Gemeindebund dafür plädiert, nach Auslaufen des Tickets ein bundesweites ÖPNV-Billigticket anzubieten. Ebenso verlangen die Linken weitere Billigtarife: Es wäre ein Witz, „wenn nach drei Monaten die Preise, auch wegen der hohen Energiekosten, überdurch­schnittlich steigen“, sagte Linken-Verkehrs­politiker Bernd Riexinger dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). „Deshalb fordern wir die Verlängerung des 9‑Euro-Tickets bis Ende 2022.“

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Doch welche Modelle würden noch infrage kommen – und wie realistisch ist eine Umsetzung?

Riexinger etwa plädiert als Anschluss­angebot für ein 365-Euro-Jahresticket ergänzt durch kostenlose Tickets unter anderem für Studierende und einkommens­schwache Haushalte. Einen anderen Vorschlag macht der Verkehrs­verband Allianz Pro Schiene. „Deutschland sollte nach österreichischem Vorbild ein Klimaticket einführen, das deutschlandweit nicht nur im Nahverkehr, sondern auch im Fernverkehr gilt“, sagte Geschäftsführer Dirk Flege dem RND. Der Preis des Klimatickets in Österreich liegt jährlich bei 1095 Euro, Ermäßigungen gibt es beispielweise für Senioren. Flege sagte weiter: „Parallel dazu muss das Angebot von Bus und Bahn massiv ausgebaut werden.

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Mit dem Gedanken eines langfristigen 9‑Euro-Tickets spielen nur wenige, auch weil es schlichtweg zu günstig ist. Die Verkehrs­verbünde hatten bereits vorm Start der Aktion klar gemacht, dass sich ein 9‑Euro-Monatsticket nicht wirtschaftlich umsetzen lässt. Die Verkehrsverbünde haben bereits jetzt Probleme, ihre Ausgaben zu decken. Hinzu kommen gestiegene Bau-, Personal- und Energiekosten, die besonders kleine Unternehmen der Busbranche in Bedrängnis bringen.

Verlängerung würde massive Haushalts­belastung bedeuten

Das ist auch ein Grund, weshalb der Landkreistag im Gegensatz zum Städte- und Gemeinde­bund eine Verlängerung des 9‑Euro-Tickets ablehnt. „Allein die coronabedingten Einnahmeverluste und der bestehende Investitionsstau belasten die Verkehrsverbünde und damit die Landkreise und Städte stark“, so Präsident Reinhard Sager zum RND. „Für Verbesserungen des Taktes oder den Ausbau von Angeboten fehlt daher die finanzielle Kraft, mit massiv rabattierten Tickets werden die Finanzierungs­grundlagen noch weiter geschwächt.“ Das vergünstigte Ticket gefährde die eigentlichen Ziele und „ist auf Dauer schlichtweg unbezahlbar“.

Wenn die Kommunen und Verbünde Billigtarife also nicht schultern können, bleibt nur eine Finanzierung seitens des Bundes. Doch die ist zum jetzigen Zeitpunkt ebenso unrealistisch. Für drei Monate 9‑Euro-Ticket musste der Bund bereits 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Eine Verlängerung des Tickets würde eine massive weitere Belastung für den Bundes­haushalt bedeuten. Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will nächstes Jahr die Schuldenbremse einhalten.

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Darüber hinaus legen Bund und Länder den Fokus aktuell nicht auf die Preise, sondern auf die Reformierung der Strukturen und den Ausbau des Netzes. Eine Arbeitsgruppe berät aktuell darüber, wie der ÖPNV für die Fahrgäste so unkompliziert wie möglich gestaltet werden kann. Dabei wird etwa über die Vereinheitlichung der unterschiedlichen Tarife und Verkehrsverbund-übergreifende Angebote diskutiert. Erst nach Ausarbeitung solcher Qualitäts­standards will Bundes­verkehrs­minister Volker Wissing (FDP) über die Erhöhung der Bundesgelder für den Nahverkehr – die Regionalisierungsmittel – verhandeln.

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Für die Opposition und die Kommunen hingegen ist klar, dass der Bund mehr leisten muss. „Damit viele Menschen auf Bus und Bahn umsteigen, muss der ÖPNV massiv ausgebaut werden“, forderte Linken-Politiker Riexinger. „Der Bund steht ganz klar in der Pflicht, mehr zur Finanzierung des ÖPNV beizutragen.“ Land­kreis­tags-Präsident Sager unterstrich: „Wir brauchen eine stabile ÖPNV-Finanzierung und eine deutliche Erhöhung der ÖPNV-Mittel, die die großen Sanierungs- und Ausbaubedarfe auf Straße und Schiene und die massiv gestiegenen Bau-, Personal- und Energiekosten berücksichtigt.“

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