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8. Mai: Vom Tag der Niederlage zum Tag der Befreiung

  • Bis der 8. Mai als Tag der Befreiung akzeptiert war, war es in der Bundesrepublik ein weiter Weg.
  • Heute steht der Tag für den eindeutigen emotionalen und politischen Bruch mit dem Nationalsozialismus.
  • Doch soll der Tag 75 Jahre nach Kriegsende auch ein Feiertag werden? Würde sich ein anderes Datum nicht vielleicht besser eignen?
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Hannover. Es ist ja gerade wieder viel die Rede vom Krieg. Die Kanzlerin ist der Meinung, das Land werde auf eine Bewährungsprobe gestellt, “wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg” nicht mehr gegeben habe, der französische Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump wähnen ihre Länder gar bereits mittendrin, “im Krieg”.

Sicherlich, die Corona-Krise verlangt der Welt gerade Unvorstellbares ab. Die Kriegsanalogien allerorten allerdings zeigen wohl auch eines: Der Zweite Weltkrieg ist verdammt lang her. So lange, dass es immer schwerer fällt, das unermessliche Leid und die unvorstellbaren Verbrechen des Zweiten Weltkriegs samt dem Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft noch einigermaßen maßstabsgerecht einzusortieren. Denn klar ist: Dieser Krieg war schlimmer, unmenschlicher, totaler, als es ein Virus, und ist es auch noch so tückisch, je sein könnte.

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Erinnern trotz Corona – Der 75. Tag der Befreiung
1:55 min
Der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus jährt sich am 8. Mai 2020 zum 75. Mal. Viele öffentliche Gedenkveranstaltungen fallen jedoch aus.  © Dirk Schmaler/Maximilian Arnhold
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Die Erinnerung an das Kriegsende verblasst

Doch die Erinnerung daran verblasst. Das liegt schon daran, dass nun, 75 Jahre nach der Kapitulation Deutschlands vor den Alliierten, kaum noch Zeitzeugen leben – weder unter den Opfern, noch unter den Tätern. Der 8. Mai, der “Schicksalstag der Deutschen”, ist heute für die allermeisten ein Datum aus dem Geschichtsunterricht, nicht aus dem politischen Meinungsstreit oder gar dem eigenen Erleben. Das hat so manche Debatte verebben lassen, die in der Bundesrepublik viele Jahrzehnte leidenschaftlich und erbittert um dieses Datum geführt wurde.

Menschen jubeln vor dem Buckingham-Palast, kurz nachdem die britische Königsfamilie mit Prinzessin Elisabeth (Balkon, v. l.), Königin Elizabeth, König Georg IV. und Prinzessin Margaret, die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht verkündet haben. © Quelle: Leslie Priest/AP/dpa

In der DDR stellte man sich früh auf die Seite der Sieger und nannte den 8. Mai von Anfang an “Tag der Befreiung” – von 1950 bis 1967 und noch einmal zum 40. Jahrestag 1985 war der 8. Mai sogar ein Feiertag. Aber auch über das Jahr 1967 hinaus fanden jedes Jahr offizielle Veranstaltungen am “Tag der Befreiung” statt.

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In der Bundesrepublik hingegen war der 8. Mai für die meisten Westdeutschen lange Zeit ein Tag der Ambivalenz, oder wie der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuss, es zehn Jahre nach Kriegsende formulierte, “die fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns – weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind”.

Hinter dieser allseits beschriebenen Unentschiedenheit steckte ein grundlegender Konflikt der frühen Bundesrepublik. Trotz Entnazifizierung und Demokratie hatte die westdeutsche Gesellschaft viele NS-Verstrickte in die neue Bundesrepublik integriert. Die personellen Kontinuitäten in Wirtschaft, Justiz, Verwaltung und auch in der Politik machten einen wirklichen Bruch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit lange schwierig.

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Noch am 8. Mai 1965 wurden offizielle Gedenkfeiern vermieden

Das hat sich nur langsam geändert. Debatten um den Eichmann-Prozess, der Auschwitz-Prozess sowie einige Jahre später die Studentenrevolten führten der jungen Bundesrepublik erst in den 1960er-Jahren vor Augen, dass der Aufbau und die gesellschaftliche Stabilität auch um den Preis der Vergangenheitsverdrängung erkauft worden war.

Noch am 8. Mai 1965 vermieden Bundesregierung und Bundespräsident offizielle Gedenkfeiern. Der deutsche Botschafter in Moskau lehnte einen Empfang mit den Worten ab: “Da kann ein Deutscher doch nicht hingehen und auf die eigene Niederlage trinken.” Vielmehr verkündete Bundeskanzler Ludwig Erhard wenige Monate später im Deutschen Bundestag unter Beifall der Regierungsparteien: “Die Nachkriegszeit ist zu Ende.”

Doch der langersehnte “Schlussstrich” unter die NS-Vergangenheit wollte nicht gelingen. Im Gegenteil.

In den 1970er- und 1980er-Jahren begann die westdeutsche Gesellschaft, sich zunehmend kritisch mit ihrer Vergangenheit und den NS-Kontinuitäten auseinanderzusetzen. Die Zeit der breiten Aufarbeitung begann – begleitet von der Erkenntnis, dass eben nicht bloß Adolf Hitler und seine oberste Führung den Holocaust möglich gemacht hatten, sondern Millionen Mittäter, Verstrickte und Duldende gebraucht worden waren, die es sich zum Gutteil in der neuen Bundesrepublik eingerichtet hatten.

Bundespräsident Walter Scheel machte in seiner Rede zum 8. Mai 1975 deutlich, dass sich die Schuldfrage neu stellte: “Heute haben wir genug Abstand, um zu erkennen: Hitler wurde unser Schicksal, weil wir die Freiheit, die Idee des Rechts nicht hoch genug achteten.”

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Richard von Weizsäcker: “Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung”

Es war Richard von Weizsäcker, der zehn Jahre später in seiner berühmt gewordenen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes einen neuen Konsens in der deutschen Erinnerungskultur formulierte. War das Kriegsende wirklich ein “Tag der Niederlage”, wie es lange Zeit der Mehrheitsmeinung entsprach? Der Bundespräsident widersprach: “Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.”

Der Begriff gilt heute als Durchbruch progressiver Kräfte, weil er das ausdrückte, was heute außerhalb von kruden rechten Zirkeln nicht strittig sein dürfte: Den kompletten, auch emotionalen Bruch mit Nazi-Deutschland. Zumal Weizsäcker betonte, dass daraus nicht gefolgert werden dürfe, dass die Deutschen nun gleichsam nur Opfer des Nationalsozialismus gewesen sind: “Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.”

Die Befürchtung früherer Mahner, die Deutschen könnten die demokratische, rechtsstaatliche Verfasstheit, die ihnen die Alliierten auferlegt hatten, nur so lange befürworten, bis sich eine neue Gelegenheit zur Rückkehr zur NS-Ideologie bietet, hat sich nicht bewahrheitet. Dem gegenüber steht eine deutsche Erinnerungskultur, die es bereits selbst zum Identifikationssymbol gebracht hat.

Wie gehen wir in Zukunft mit all den Lehren aus Krieg, Kriegsende und Schuld um?

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Die heutige Demokratie ist wehrhaft, sie ist erstaunlich robust, und sie wird vom Volk getragen – trotz aller Proben, auf die sie gestellt wurde und wird. Daran ändern auch Wahlerfolge geschichtsrevisionistischer Kräfte bislang wenig.

Und dennoch steht Deutschland 75 Jahre nach Kriegsende erneut vor einer Frage, die nur zum Teil durch politische Festreden gelöst werden kann: Wie gehen wir in Zukunft mit all den Lehren aus Krieg, Kriegsende, Schuld und Verantwortung, Verdrängung und Aufarbeitung um? Oder anders gefragt: Wie viel Geschichte, wie viel kritisches Geschichtsbewusstsein will sich Deutschland als die führende wirtschaftliche und zunehmend auch wieder politische Macht in Europa leisten?

Die Wahlerfolge der in Teilen rechtsextremen AfD, deren Protagonisten die Aufarbeitung der Vergangenheit und deren Mahnmale als “Schande” verunglimpfen und Europa als Apparat der Fremdbestimmung geißeln, sitzen in den Parlamenten, bereit für einen neuen Revisionismus. Selbst wenn die AfD nicht regiert, sieht man an so mancher Debattenverschiebung – etwa in der Flüchtlingshilfe, aber auch bei der Unterstützung für Krisenländer in Europa –, dass ihre Forderungen längst Einzug in Regierungspolitik gehalten haben. Und sei es nur aus Angst vor der nächsten Wahl.

Aber auch die seriöse politische Klasse, deren Vertreter auf der Suche nach Deutschlands machtpolitischem Platz in der Welt immer selbstverständlicher militärische Einsätze als Mittel der Politik einfordern, bieten Anzeichen dafür, dass sich das wiedervereinigte Deutschland bereits langsam, aber doch stetig von seinem schweren Erbe entfernt.

Der erste Artikel des Grundgesetzes fasst die Lehren aus dem Krieg zusammen

Eine breite Initiative arbeitet daran, den 8. Mai zum nationalen Feiertag, zum “Tag der Befreiung” zu machen. Wer das unterstützt, hat damit bestimmt eine gute Absicht, im Sinne der Opfer, aber auch, um der langen politischen Debattengeschichte um dieses Datum einen würdigen Abschluss zu geben. Um die Erinnerung an Krieg und Verbrechen wachzuhalten.

Allerdings könnte man sich wohl nicht sicher sein, an was da eigentlich in Zukunft gedacht würde: An Kriegsende und Neubeginn, oder doch vor allem an die gelungene Vergangenheitsbewältigung selbst. Die gleichsam damit zum Ende kommen könnte.

Anbieten würde sich womöglich ein anderes Datum im Mai als Feiertag. Es war am 23. Mai 1949, als zunächst in Westdeutschland das Grundgesetz verabschiedet wurde, das heute in ganz Deutschland gilt. Schon dessen erster Artikel (und auch die folgenden) fasst die Lehren aus der deutschen Geschichte denkbar knapp zusammen: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Wer sich an diesen Artikel sehr genau hält, läuft keine Gefahr, sich in neuen Nationalismen, Ausgrenzungen oder gar Menschheitsverbrechen zu verrennen. Daran gebührend zu erinnern hielte die Auseinandersetzung mit Krieg, Antisemitismus und NS-Verbrechen vielleicht lebendiger, als eine geschlagene Debattenschlacht ins Museum der Feiertage zu stellen und damit zur Geschichte erstarren zu lassen.

“Staat, Sex, Amen”
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