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750 Milliarden für den Wiederaufbau: Die vereinten Staaten von Europa

  • Der 750-Milliarden-Euro-Plan der EU für Hilfen nach der Corona-Krise wird nicht nur eine wirtschaftliche Wirkung haben.
  • Der Wiederaufbau könnte den alten Kontinent endlich auch emotional auf neue Art zusammenrücken lassen.
  • Wenn alles gut geht, markiert der Mai 2020 für Europa einen neuen Schuman-Moment.
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Brüssel. Alles neu macht der Mai. In Europa gilt das wirklich. Ist es das Wetter, die neue Wärme, die dabei hilft, Altes und Kaltes hinter sich zu lassen?

Am 9. Mai 1950 empfahl der Franzose Robert Schuman erste konkrete Schritte in Richtung einer Gemeinschaft. Am 3. Mai 1998 beschloss ein Gipfel mit Helmut Kohl und Jacques Chirac eine gemeinsame Währung. Am 27. Mai 2020 stellte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das größte Projekt der europäischen Geschichte vor, den 750-Milliarden-Euro-Plan zur Überwindung der Corona-Krise.

27. Mai 2020: Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission, stellt den 750-Milliarden-Euro-Plan für Hilfen nach der Corona-Krise vor. © Quelle: Olivier Matthys/AP/dpa
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Wie an allen vorherigen historischen Stationen kommt jetzt erneut Beklommenheit auf: Oje, wird das alles gut gehen?

Doch Verzagtheit könnte alles zerbrechen lassen, wofür Generationen gearbeitet haben. Mehr noch: Es würde auch den Schaden für die Jungen vergrößern. Natürlich müssen jetzt noch viele Details geklärt werden, etwa welche Art von Besteuerung zur Gegenfinanzierung gefunden wird. Doch dafür haben die Europäer noch Zeit. Wichtig war, dass jetzt im Moment der tiefsten Krise ein Absturz ins Bodenlose verhindert wird. Schon deshalb sind die Nachrichten, die jetzt aus Brüssel kommen, die besten seit vielen Jahren.

Die Hilfspakete werden nicht nur eine ökonomische Wirkung haben. Der Plan zum Wiederaufbau nach der Corona-Krise könnte den alten Kontinent endlich auch emotional auf neue Art zusammenrücken lassen.

Lange genug haben rechte Populisten Europa als Projekt bürgerferner Eliten niedergemacht. Die erstmals wieder geschlossenen Grenzen jedoch haben soeben vielen Europäern etwas anderes gezeigt: Europa ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Dieser Kontinent gehört uns allen, wir brauchen seine offenen Binnengrenzen wie die Luft zum Atmen.

Das Abrutschen in nationalistische Fehltritte zu Beginn der Corona-Krise, etwa das vorübergehende deutsche Exportverbot für Masken und medizinisches Gerät, entpuppt sich als Riesenfehler. Europa braucht sehr viel mehr Zusammenarbeit als bisher, gerade auf dem Feld der medizinischen Vorsorge – das nie durch EU-Verträge geregelt wurde, weil die Einzelstaaten immer sagten, sie hätten alles Griff.

9. Mai 1950: Der französische Außenminister Robert Schuman verkündet im Uhrensaal des Außenministeriums am Quai d’Orsay in Paris vor der Nationalversammlung den Plan zur Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. © Quelle: picture-alliance / dpa

Europa muss alltagstauglich sein. Das wusste schon Robert Schuman, der vor 70 Jahren sagte, Europa werde “durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen”. Für die heute Handelnden sind diese Worte Ermutigung und Mahnung zugleich. Wenn alles gut geht, markiert der Mai 2020 für Europa einen neuen Schuman-Moment. Dann rückt die Vision der vereinten Staaten von Europa näher. Das muss kein Superstaat sein mit “vereinigten” Staaten und großem “V”. Aber eben doch ein stabiler Staatenbund, der sich nicht mehr vom nächsten Sturm – oder vom nächsten Virenausbruch – auseinanderpusten lässt.

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