70 Jahre Volksrepublik China – die Welt wird chinesisch

  • 70 Jahre nach ihrer Gründung gehört die Volksrepublik heute zu den mächtigsten und innovativsten Ländern der Welt.
  • Die Technikmetropole Shenzhen hat nicht nur Nachbar Hongkong, sondern auch das Silicon Valley überholt.
  • Was bedeutet das für den Westen?
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Bill Liu lächelt schelmisch, als er den hauchdünnen Bildschirm zusammenrollt. Der Videoclip flimmert derweil weiter auf der transparenten Plastikfläche, die Liu nun zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Als Rolle ist der Bildschirm so dick wie ein Füller. „0,1 Millimeter ist seine Fläche dünn“, sagt Liu stolz. „Das kann weltweit niemand anders.“ Vor ein paar Minuten hat er den flexiblen Bildschirm aus dem unscheinbaren 3D-Drucker ausgedruckt.

Liu, 35 Jahre alt, ist Gründer und Geschäftsführer von Royole, einem Start-up aus der südchinesischen Stadt Shenzhen. Sein Unternehmen ist bereits mehr als 5 Milliarden US-Dollar wert.

Der IT-Ingenieur, der an der US-Elite-Uni Stanford studiert hat, möchte nichts Geringeres „als die Schnittstelle Mensch–Computer revolutionieren“. Einen Schritt in die Richtung hat er schon geschafft: Noch vor den führenden Smartphoneherstellern der Welt, Samsung und Huawei, die beide auch schon aus Asien kommen, hat Royole ein Smartphone mit faltbarem Bildschirm auf den Markt gebracht. Gerade im Hochtechnologiesektor sind chinesische Innovationen längst keine Seltenheit mehr.

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Der Westen unterschätzt China

Wenn die Volksrepublik China an diesem Dienstag mit viel Pomp ihren 70. Geburtstag begeht, schaut der Rest der Welt mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Sorge auf das Riesenland. Denn eines ist inzwischen klar: Der Westen hat den Aufstieg Chinas völlig unterschätzt. Als die Volksrepublik am 1. Oktober 1949 gegründet wurde, hat sich fast niemand vorstellen können, dass China sich so schnell entwickeln, ja sogar die Weltmacht USA herausfordern würde.

Selbst vor 15 oder 20 Jahren schien das den meisten Menschen im Westen noch unvorstellbar. Doch auch heute unterschätzen wir China noch immer, weil wir uns in Europa und den USA lieber mit den Schwächen Chinas beschäftigen als mit seinen Stärken. Inzwischen ahnen wir allerdings: Den Aufstieg Chinas können wir nicht mehr ignorieren.

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Deshalb sollten wir uns, schon allein aus eigenem Interesse, ein realistisches Bild des Geburtstagskindes machen: China ist innerhalb weniger Jahrzehnte von einem der ärmsten Länder der Welt zur größten Handelsnation, zu einem globalen Innovationstreiber und kaufkraftbereinigt zur stärksten Volkswirtschaft aufgestiegen. Das ist in dieser Geschwindigkeit einmalig in der Weltgeschichte.

Das dickste Sparbuch der Welt

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China ist sogar zum größten Gläubiger der USA geworden. Washington hat sich in Peking hoch verschuldet, um seinen ausufernden Wohlstand weiter finanzieren zu können. China hingegen hat fast keine Auslandsschulden und kann also auch nicht international unter Druck gesetzt werden. Im Gegenteil: Das Reich der Mitte verfügt mit seinen Devisenreserven über das dickste Sparbuch der Welt, weil es als Produktionsstandort seit vielen Jahrzehnten mehr an die Welt verkauft, als es in der Welt eingekauft hat. Dennoch ist das Pro-Kopf-Einkommen der Chinesen in den 70 Jahren dramatisch gestiegen. 1949 lag es umgerechnet bei gut 6 Euro. 2018 waren es rund 3600 Euro.

Was das für das Verhältnis des Westens mit China bedeutet, zeigt sich an Hongkong und seiner Festland-Nachbarstadt Shenzhen.

1978 verkündete der Reformer und Staatschef Deng Xiaoping nach dem Tod von Mao Zedong die Reform- und Öffnungspolitik. Seinen verdutzten kommunistischen Parteigenossen erklärte er, China müsse von nun an von den Kapitalisten lernen: „Egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse.“ Damals war Shenzhen ein Fischerdorf und Hongkong eine der reichsten Metropolen der Welt.

Shenzhen ist zum technologischen Zentrum Chinas geworden. © Quelle: imago/Xinhua

Das arme sozialistische Grenzdorf sollte von der kapitalistischen Kronkolonie lernen, wie man ein globales Produktions-, Handels- und Finanzzentrum aufbaut. Deshalb ließ Deng kurzerhand in Shenzhen die erste chinesische Sonderwirtschaftszone einrichten. Erstmals durften Ausländer dort investieren.

Heute, nur vier Dekaden später, ist Shenzhen wirtschaftlich stärker als Hongkong. Es ist nach Tokio und Singapur die drittstärkste Metropole in Asien. In Hongkong leben sieben Millionen Menschen. In Shenzhen sind es mittlerweile zwölf bis 15 Millionen. Die besten Architekten der Welt bauen nun dort umweltfreundliche Hochhäuser und nicht in Hongkong.

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Die Schere zwischen Arm und Reich ist inzwischen in Hongkong größer als in Shenzhen. Zwischen 2004 und 2018 seien die Wohnungsmieten dort um mehr als das Vierfache gestiegen, während die Löhne nur um 0,1 Prozent zugelegt haben, prangert die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) an. In Hongkong leben 1,37 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Das gibt es so extrem in Shenzhen nicht.

Hongkong hat eine Midlife-Crisis

Die Immobilienpreise sind zwar so hoch wie in Hongkong, die Löhne ziehen jedoch mit. Hongkong wächst in diesem Jahr – wenn überhaupt – unter einem Prozent. Shenzhen wächst voraussichtlich um mehr als 7 Prozent. Verkehrte Welt: Hongkong, das Symbol westlicher Werte in Asien, stagniert in vielerlei Hinsicht. Das von Kommunisten geplante kapitalistische Shenzhen prosperiert.

Das ist – neben der Angst vor schwindender Rechtssicherheit und stärkerem Einfluss von Peking – einer der Gründe, warum die Menschen in Hongkong derzeit protestieren. Sie werfen der Hongkonger Regierung vor, den Vorsprung der Metropole verspielt zu haben. Hongkong hat zwar noch die größte Börse Asiens, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit, aber es hat längst seinen Status als das Tor des Westens nach China eingebüßt. Hongkong hat eine Midlife-Crisis. Shenzhen ist Anfang zwanzig.

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Sehr wurmt die Hongkonger, die lange auf Shenzhen heruntergeschaut haben, dass ihre Nachbarstadt nun auch noch innovativer ist. Sie ist die Heimat einiger global führender IT-Unternehmen. Zum Beispiel ist der Internet- und Gamingkonzern Tencent ein Kind dieser Stadt. Tencent hat unter anderem We Chat erfunden, eine App, die die Funktionen von Whatsapp und Facebook kombiniert und mit der Millionen Menschen in China heute täglich bezahlen.

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Die Multifunktionsplattform hat über 1,1 Milliarden regelmäßige User. Gleichzeitig gilt We Chat auch als zentrales Überwachungsinstrument des chinesischen Staates. Auch auf diesem Gebiet hat China mit seiner Mischung aus wirtschaftlicher Macht und staatlicher Kontrolle andere Staaten mittlerweile überrundet.

Huawei hat seine Zentrale ebenfalls in Shenzhen. Das Unternehmen ist der weltgrößte Telekomausrüster. Niemand anders weltweit bietet einen so technisch fortschrittlichen und so günstigen 5G-Standard an. Huawei verkauft schon weltweit mehr Smartphones als Apple. Huaweis mobile Endgeräte gelten inzwischen als technisch reifer als das iPhone. Der IT-Konzern ist bereits so mächtig, dass sich Donald Trump genötigt sah, die Smartphones in den USA zu verbieten, angeblich, weil man damit spionieren könne. Belege dafür gibt es bisher allerdings nicht.

Welthauptstadt für ­E-Mobilität

DJI, der weltgrößte Drohnenhersteller, kommt ebenfalls aus Shenzhen, genau wie BYD, der weltweit größte Hersteller von E-Autos. Wegen BYD ist auch Shenzhen und nicht etwa Hongkong die Welthauptstadt für Elektromobilität. Alle 21.000 Taxis und alle 16.000 Busse in der Stadt fahren rein elektrisch. Wie magisch zieht die Stadt junge Leute aus China an, aber inzwischen auch aus aller Welt. 27 Jahre alt sind Shenzhens Bürger im Schnitt, 16 Jahre jünger als die Berliner. Shenzhen ist das neue Silicon Valley. In Shenzhen und nicht in Hongkong entstehen 15 Prozent der weltweiten „Unicorns“. Das sind Start-ups, die mehr als eine Milliarde US-Dollar wert sind. Ein Weltrekord – ein weiterer.

Trotz mehr Mitbestimmung, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Datenschutz in Hongkong ist es nicht mehr so, dass die meisten Shenzhener unbedingt nach Hongkong ziehen wollen. Sie wägen die riskante Dynamik in Shenzhen und die behäbige Sicherheit und Stabilität in Hongkong inzwischen nüchtern ab. Und ein wenig Stolz, dass man das Unglaubliche hingekriegt hat, ist natürlich auch dabei.

Liu Zihong, Royole-CEO. © Quelle: picture alliance/dpa

Das, was für Shenzhen und Hongkong gilt, steht auch für das Verhältnis Chinas mit dem Westen, umso mehr zum 70. Geburtstag. Die Chinesen kennen natürlich die Schwächen ihres Landes, die staatliche Willkür eines Einparteienstaates. Aber wie das bei runden Geburtstagen so ist, zeigt sich: Das, was man geleistet hat, ist wichtiger als das, was man noch nicht geschafft hat, auch wenn der reiche Onkel aus Amerika alles besser weiß. Früher war er ein Held, heute wird er am Tisch geduldet, mal stirnrunzelnd, mal schmunzelnd. Man hat eben seine eigenen Vorstellungen.

Chinesen genießen den Aufschwung

Und wenn manche große deutsche Zeitung angesichts der Hongkonger Demonstrationen titelt: „Hongkong ist das neue Berlin“, dann ist das selbst aus der Sicht der liberalen, international denkenden Chinesen auf dem Festland ein sehr schiefes Bild. Das freie West-Berlin war von einer unfreien, wirtschaftlich nicht überlebensfähigen DDR umgeben, die schließlich 1989 zusammengebrochen ist.

China ist jedoch weit davon entfernt, eine DDR zu sein. China ist wirtschaftlich sehr erfolgreich und gut gemanagt. Die Chinesen können ihr Land verlassen und wiederkommen. Weit über 80 Prozent der Auslandsstudenten kehren freiwillig nach China zurück, Tendenz steigend. Es wird schon lange toleriert, dass die Bürger über kleine Apps die Zensur umgehen und sich mit der Welt vernetzen. Anders wäre Innovation ja auch nicht möglich. Am wichtigsten jedoch: Die allermeisten Chinesen haben heute viel mehr Spielräume, als sie noch vor 30 Jahren zu träumen gewagt hatten. Deshalb ist das Land trotz seiner vielen Probleme einigermaßen stabil.

Die meisten jungen Leute in China wollen gar nicht befreit werden. Sie genießen den Aufschwung.

Je mehr China aufsteigt, desto mehr trauert der Westen den alten Zeiten nach – und kämpft um die globale moralische Lufthoheit, obwohl er täglich an Einfluss verliert: Donald Trump, der verspricht, Amerika „wieder groß“ zu machen, gerade weil Amerika jeden Tag schwächer wird. Oder Boris Johnson, der den Brexit unbedingt will, weil die Menschen sich das alte, unabhängige und starke British Empire wieder herbeiwünschen, ein Weltreich, das mit niemandem Kompromisse machen muss.

Die Mehrheit, das ist China

Langsam dämmert dem Westen: Der Aufstieg Chinas ist ein epochaler Wandel. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert konnten die Europäer als Kolonialmächte die Spielregeln der Welt bestimmen. Im 20. Jahrhundert waren es die Amerikaner. Nun jedoch verschiebt sich der globale Machtschwerpunkt offensichtlich dauerhaft in Richtung Asien, mit dem Zentrum China. Die Zeiten, in denen die globale Minderheit des Westens die Spielregeln der Welt bestimmen konnte, sind vorbei.

Das passt uns gar nicht und entspricht doch gleichzeitig einem unserer grundlegendsten Werte: Die Mehrheit soll entscheiden. Wir im Westen haben die gottgesandten Herrscher vertrieben, die Adligen entmachtet, die Kaiser abgesetzt. Wir haben Demokratie eingeführt, die Sklaverei und die Rassentrennung beseitigt, die Gleichheit der Frauen einigermaßen durchgesetzt. Nun sorgen China und seine Alliierten dafür, dass von nun an, global gesehen, die Mehrheit der Welt die Maßstäbe setzen darf.

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So wie im 19. Jahrhundert der Adel in den europäischen Nationalstaaten als mächtige Minderheit keine Chance mehr hatte, seine absolute Macht gegen den Willen des Volkes zu erhalten, so werden auch die Möglichkeiten des Westens global gesehen immer geringer, als Minderheit der Mehrheit seine Spielregeln aufzudrücken. Je früher wir uns darauf einstellen, desto mehr Spielraum haben wir, um unsere Vorstellungen in die neue Weltordnung einzubringen. Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr. Die Chinesen wollen uns zwar nicht bekehren, aber sie warten auch nicht auf uns. Das Jahrhundert der globalen Gleichheit hat längst begonnen.

Der Bestsellerautor Frank Sieren („Zukunft? China!“) gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit mehr als 25 Jahren in Peking.