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„Nachricht hat mich sehr getroffen“: 60 Jahre Mauerbau, die Flucht in den Westen und ein Leben in der Diktatur

  • Vor 60 Jahren baute die DDR die Mauer an der Grenze zu Westdeutschland und trennte das Land in zwei Hälften.
  • Im Interview blicken Ärztin Christa Maertens und Arzt Volker Hofmann auf die bewegenden Momente aus ihrer Zeit in der DDR zurück.
  • Ein Gespräch über die Unvorstellbarkeit einer Mauer, die waghalsige Flucht in den Westen und ein Leben in der SED-Diktatur.
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Hannover. Es geschah in der Nacht zum 13. August 1961: Die DDR-Führung ließ die Sektorengrenze in Berlin abriegeln, Zäune aus Stacheldraht errichten und Betonpfähle aufstellen. Innerhalb kurzer Zeit war der Weg von Ost nach West durch eine Mauer versperrt. Die Ärztin Christa Maertens floh auf abenteuerliche Weise in den Westen. Der Arzt Volker Hofmann entschied sich zu bleiben. Ein Gespräch über Lebens­entscheidungen, Freiheitssuche und das Leben in der Diktatur.

60 Jahre Mauer: Zeitzeugen erinnern sich an die DDR

Frau Dr. Maertens, Herr Prof. Hofmann, als vor 60 Jahren die Berliner Mauer gebaut wurde, lebten Sie beide in der DDR. Wie haben Sie diesen Tag, den 13. August 1961, erlebt?

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Maertens: Ich arbeitete damals im Krankenhaus in meinem Heimatstädtchen Schleusingen in Thüringen. Als ich nach Hause kam, hatten meine Eltern wohl schon im Radiosender Rias davon gehört. Die Nachricht hat mich sehr getroffen. Ich konnte einfach nicht glauben, dass in Berlin eine Mauer quer durch die Stadt gebaut wird.

Die Nachricht hat mich sehr getroffen.

Christa Maertens Die Ärztin erinnert sich noch genau an den Bau der Berliner Mauer.

Hofmann: Mir ging es ebenso; das war nicht vorstellbar. Wir waren im Urlaub, als uns die Nachricht erreichte. Es ist seltsam: Ich kann mich an jede Minute erinnern, als 1968 sowjetische Truppen in Prag einmarschierten. Beim 13. August 1961 ist das anders; ich habe das gar nicht ernst genommen. Ich dachte, die Westmächte würden sich das doch nicht gefallen lassen. Wir haben die schreckliche Bedeutung dieses Tages nicht sofort erfasst.

Wie war Ihre persönliche Situation im Jahr 1961?

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Hofmann: Ziemlich aufregend. Ich studierte, und unser Jahrgang sollte in ein militärisches Ausbildungs­lager gezogen werden, um den „Frieden zu verteidigen“. Ich gehörte der evangelischen Studenten­gemeinde in Leipzig an, und mit einigen Freunden war ich mir einig, dass wir nach den Erfahrungen des letzten Krieges keine Waffe in die Hand nehmen würden. Wir rechneten fest mit unserer Exmatrikulation und bereiteten uns schon darauf vor, nach West-Berlin zu fliehen. Doch dann kamen wir mit einem strengen Verweis davon und durften weiterstudieren.

Maertens: Ich war auch bei der evangelischen Jungen Gemeinde und der Studenten­gemeinde! In Jena spielten wir mit einer Theatergruppe in Gottesdiensten. Als Frau hätte ich allerdings keine Waffe in die Hand nehmen müssen.

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„Ich habe im Westen mein Glück gefunden“, sagt Ärztin Christa Maertens im Interview. © Quelle: Katrin Kutter

DDR nach dem Mauerbau: über das Leben in der Diktatur

Erlebten Sie die DDR nach 1961 als repressiven Staat?

Hofmann: Nach dem Staatsexamen durfte ich nicht an der Uni bleiben, das war Genossen vorbehalten. Ich wurde aufs Land geschickt, denn dort hatte es vor dem Mauerbau eine massive Ärzteflucht gegeben, die ausgeglichen werden musste. Ich fiel auch unangenehm auf, als ich bei einer Wahl 1963 die Aufstellung einer Wahlkabine verlangte, wie im Wahlgesetz vorgeschrieben. Ich hatte das Glück, dass mich schließlich mein Doktorvater an die Uni Leipzig zurückholte.

Dann haben Sie in der DDR doch trotz Kirchen­zugehörigkeit Karriere gemacht?

Hofmann: Ein Oberarzt empfing mich in Leipzig mit den Worten, eigentlich hätte ich dort nichts zu suchen. Nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 wurde die Uni sozialistisch umgestaltet, es gab die sogenannten Kaderentwicklungs­gespräche, und ich konnte an keiner Uni mehr arbeiten. Gottlob gab es in der DDR als einzigem sozialistischen Land auch kirchliche Krankenhäuser; Inseln im roten Meer. Mit viel Glück konnte ich in einer katholischen Klinik in Halle anfangen und die Kinderchirurgie aufbauen.

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Maertens: Ich machte in den Sechzigern in Greifswald meine orthopädische Facharzt­ausbildung. Ich muss sagen, dass mich alles schon früh genervt hat: die ewige Lügerei, das Verleugnen, die sogenannten Kadergespräche und die Selbstkritik, die man vortragen musste. Ich war christlich erzogen worden, mein Vater war kein DDR-Liebhaber. Das hat meine Einstellung zum DDR-Staat wohl auch stark beeinflusst.

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Nach dem Bau der Mauer: (K)ein Traum vom Westen?

Der Mauerbau hatte eigentlich vollendete Tatsachen geschaffen. Haben Sie trotzdem davon geträumt, in den Westen zu gehen?

Hofmann: Mein Bruder war schon 1958 in den Westen umgesiedelt. Ihn nicht mehr sehen zu können war schon ein schwerer Schlag für die Familie. Aber für mich war klar: Solange meine Eltern im Osten leben, werde ich das Land auf keinen Fall verlassen. Ich sah für mich keine Notsituation, ärztliche Arbeit war ja gefragt.

Ich hatte die DDR einfach über.

Christa Maertens
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Maertens: Ich kann Sie gut verstehen. Aber ich hatte die DDR einfach über. Als ich mich 1967 zu meinem „Umzug“ entschloss, hatte das auch persönliche Gründe. Aus heiterem Himmel hatte ich das Angebot bekommen, rüberzugehen, zu meinem Bruder in Langenhagen bei Hannover, der mir sehr nahestand. Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht, Prof. Hofmann? Oder ist das eine blöde Frage?

Hofmann: Nein, gar nicht. Ich hatte als Mediziner Einladungen zu Kongressen im Westen und durfte nach einer heftigen Auseinandersetzung im Ministerium reisen. Ich kehrte aber immer zurück; auch weil es Jahre gedauert hätte, bis ich Frau und Kinder nach einer Familien­zusammen­führung wiedergesehen hätte.

„Wir haben die schreckliche Bedeutung dieses Tages nicht sofort erfasst“: Volker Hofmann erinnert sich an den besonderen Tag des Mauerbaus. © Quelle: Christian Modla

Dann haben Sie sich in der DDR eingerichtet?

Hofmann: In Diktaturen gibt es ja nur vier Möglichkeiten: mit Überzeugung alles unterstützen und sich schuldig machen. Sich im Gestrüpp verstecken, nicht auffallen und sich durchwurschteln. Sich im aktiven Widerstand mutig wehren, aber das eigene Leben und den Bildungsweg der Kinder gefährden. Ich wählte den vierten Weg: sich im passiven Widerstand einrichten. Ich nenne es das Schwejk-Prinzip, wie der Soldat Schwejk im Roman von Jaroslav Hasek. Ich opponierte, testete die Grenzen des Machbaren, aber nur so weit, dass ich nicht in den Knast kam. Die Gratwanderung gelang – viele Stasi-Akten zeugen davon.

Die Flucht aus der DDR in den Westen

Wie kam es zu Ihrer Flucht, Frau Dr. Maertens?

Maertens: Das war schon abenteuerlich. Eine gute Bekannte, eine französische Lehrerin, die für die Alliierten arbeitete, bot mir 1967 an, mich im Kofferraum über die Grenze zu schmuggeln. Sie wurde nicht von der Volkspolizei kontrolliert, sondern höchstens von den Sowjets, die angeblich weniger streng waren. Wir trafen uns auf einem Parkplatz am Berliner Ring. Sportlich wie ich war, sprang ich in den Kofferraum. Ich habe den Parkplatz kürzlich noch einmal gesucht, aber ich habe ihn nicht mehr gefunden.

Hatten Sie nicht unglaubliche Angst? Sie hätten für Jahre im Gefängnis landen können.

Maertens: Nein, damals fand ich gar nicht, dass besonders viel Mut dazugehört hätte. Die Französin stoppte irgendwann. Ich hörte sie das Wort „Alliierte!“ sagen. Und als sie später noch einmal anhielt, sagte sie: „Du kannst rauskommen, wir sind in West-Berlin.“ Ich flog von dort aus zu meinem Bruder nach Hannover. Dort lief alles richtig gut für mich: Nach 14 Tagen hatte ich eine Stelle im Annastift. Dort lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Wir blieben dort bis 1971, dann bekamen wir Kinder und eröffneten eine eigene Praxis.

Wie haben Ihre Kollegen im Berliner Krankenhaus, wo Sie damals arbeiteten, auf Ihren „Umzug“ reagiert?

Maertens: Von meinem damaligen Chef habe ich später gehört, dass er es verständnisvoll aufnahm. Zeitweise hatte ich selbst ein schlechtes Gewissen meinen Patienten gegenüber. Als ich neu im Annastift war, sah ich dort einmal einen „Spiegel“ im Ärztekasino liegen und kramte die Zeitschrift instinktiv schnell unter den Tisch – so sehr hatte ich die Heimlichtuereien verinnerlicht. Bereut habe ich meine Entscheidung nie. Ich habe im Westen mein Glück gefunden, persönlich und beruflich.

Vom Westen in die DDR und wieder zurück

Sind Sie vor der Wende 1989 noch einmal in die DDR gefahren?

Maertens: Ja, gleich nach dem Grundlagenvertrag der beiden Staaten, das muss 1973 gewesen sein. Bei diesem Aufenthalt zuckte ich bei jedem Geräusch zusammen, aber die Behörden behelligten uns nicht. Meine Eltern hatten uns als Rentner schon besuchen dürfen. Aber als ich 1970 nicht zur Beerdigung meines Vaters reisen konnte, das war hart. Heute haben wir ein Wochen­endhaus auf dem Grundstück meiner Eltern, wir haben alte Freunde wieder neu kennengelernt. Ich fühle mich in Thüringen zu Hause; für mich gibt es heute wieder ein Deutschland.

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Wozu brauchte man eigentlich mehr Mut? Um zu bleiben oder um zu gehen?

Maertens: Für beides brauchte es unterschiedliche Arten von Mut.

Hofmann: Das stimmt, und jeder musste für sich selbst abwägen: Die einen wollten eher Freiheit und Wohlstand genießen …

Maertens: Wohlstand hat für mich nicht so sehr gezählt!

Hofmann: … die anderen wollten nicht die Trennung von ihrer Familie in Kauf nehmen. Mir wäre es schwergefallen, meine Patienten zurückzulassen. Und ich wollte das Land nicht den Machthabern überlassen! Die DDR galt zeitweise ja als „der doofe Rest“. Aber man muss sagen: Dieser Rest hat am Ende die Wende herbeigeführt! Es ist im Zusammenhang mit der DDR immer von Ausreise­anträgen, Flucht­geschichten, Zuchthaus und Stasi die Rede. Man vergisst dabei die vielen Menschen, die nicht in den Westen wollten, aus familiären oder beruflichen Gründen, die bleiben und etwas verändern wollten. Und sie haben bei allen Widrigkeiten ein glückliches Leben geführt. Die drei Millionen, die weggegangen sind, fehlen im Osten bis heute, denn sie gehörten zu den Besten, den gut Ausgebildeten.

Maertens: Ich kann es gut verstehen, wenn Sie das sagen.

Hofmann: Und ich kann verstehen, dass Ihr Weg Sie anderswohin geführt hat. Trotzdem finde ich: Die Leute, die aus Überzeugung in der DDR geblieben sind, um das Land zu verändern, kommen zu selten zu Wort.

Video
Wo waren Sie, als die Mauer fiel?
2:15 min
Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, die die Stadt über Jahrzehnte trennte. Dieser 9. November 1989 blieb vielen Deutschen sehr gut im Gedächtnis.  © dpa

Zeitzeugen zum Mauerfall: Wir schnappten nach Luft

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls 1989 erlebt?

Hofmann: Ich hatte mir schon ausgerechnet, dass ich erstmals 2003 gemeinsam mit meiner Frau in den Westen reisen dürfte, um ihr den Schnee in den Alpen zu zeigen. Als es dann so weit war, saßen wir vorm Fernseher und schnappten nach Luft, weil wir es nicht glauben konnten.

Maertens: Ja, genau wie 28 Jahre zuvor beim Bau der Mauer!

Hofmann: Ich könnte heute noch Rotz und Wasser heulen. Das waren die emotionalsten Momente meines Lebens.

Maertens: Ich heule mit.

Hofmann: Meine drei Kinder arbeiten heute übrigens alle im Westen, sie haben bei uns nach der Wende keine Arbeit gefunden. Ein Sohn ist HNO-Arzt bei Ihnen in Hannover.

Maertens: Wann besuchen Sie ihn denn das nächste Mal? Lassen Sie uns doch einfach mal unsere Telefonnummern austauschen. Ich glaube, wir haben uns noch viel zu erzählen!

Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (HAZ) und die „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) haben Christa Maertens und Volker Hofmann zum Gespräch zusammengebracht. Das Interview führten André Böhmer (LVZ) und Simon Benne (HAZ).

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